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Leserbriefe Die Hartnäckigkeit des kolonialistischen und diskriminierenden Denkens
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20:10 26.01.2018
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Kriege haben vielfältige Ursachen, und auch unsere politischen Vertreter mischen da mit. Wirtschaftsunternehmen und mediale Diskurse haben ihren Anteil. Nicht zuletzt sind wir mit unserem Konsum- und Sozialverhalten ein Teil zum Erhalt von Ungleichheiten und Machtverhältnissen.

 Kirche und Politik hatten noch nie ernsthaft das Wohl der gesamten hier lebenden und arbeitenden Menschen im Blick, es ist naiv und lebensfremd, das zu glauben. Deutschland ist im stetigen Prozess. Nur weil sich eine Gesellschaft verändert, geht sie nicht unter wie ein Schiff. Die Aufnahme von Flüchtlingen und nachfolgend ihrer direkten Familienangehörigen wird im Leserbrief von Wilkening unter dem Aspekt der allgemeinen sozio-ökonomischen Bedingungen in der BRD sowie den Wohnverhältnissen eines Teils der hiesigen Bevölkerung betrachtet.

 Sind Menschen, die hier Schutz suchen, für die innerdeutschen Probleme verantwortlich? Wir bewegen uns hier auf drei Ebenen: die persönliche Haltung dem Fremden gegenüber, die Rolle der Institutionen, und die Auswirkungen der ewigen globalen Bewegungen. Hier besteht die Gefahr, durch eine Vermischung der Themen, diesen Menschen die Grundrechte abzuerkennen, die einzuhalten und zu sichern Aufgabe des Staates, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.

 Die Äußerungen von Wilkening empfinde ich als sehr bedenklich, spricht er doch in Spekulationen: Menschen, die angeblich kein Deutsch können, angeblich kaum ausgebildet sind, die teilweise kriminell seien und auf Kosten des deutschen Sozialstaates leben könnten, kommen vielleicht ins Land. Diese stellt er den Menschen gegenüber, die einerseits aufgrund eines ineffektiven, Ungleichheit produzierenden Schulsystems durchs Bildungsraster fallen, andererseits aufgrund von mangelnder Anerkennung ihrer bestehenden Qualifikationen und fehlender Möglichkeiten, ihr Können zu beweisen, sich modern versklaven lassen müssen und trotz Vollerwerb auf Grundsicherung angewiesen sind. Mit anderen Worten hätten wir schon Bildungsferne, Sozialleistungsempfänger und Kriminelle genug. Und die wäre man auch nur allzu gerne los? Damit wird Sozialneid geschürt: „Arme gegen Arme“ statt „Arme gegen Reiche“ oder gar „Reiche für Arme“. Flüchtlinge werden von Wohnungssuchenden zum Beispiel schuldig gemacht für den Wohnungsmangel. Es könnten soziale Unruhen entstehen, die irgendwann auch „die da oben“ betreffen.

 Das ist die Hartnäckigkeit des kolonialistischen und diskriminierenden Denkens, Alltagsrassismus, Herrendenkens. Das aufzulösen ist eine dringende Bildungsaufgabe. Mehrsprachig unterwegs zu sein, macht es für Menschen nachweislich leichter, sich in weiteren Sprachen einzufinden. Kommen Sie also ins Gespräch. Die Kultur des miteinander Sprechens führt zu sozialem Erfolg. Eine als schwer bezeichnete Sprache wie Deutsch wird als leichter empfunden, wenn die Person sich nicht abgelehnt fühlt.

 Familiennachzug? Ja. Sonst mögen alle, die dagegen sind, ein Zimmer frei machen, den sozialen Familienanschluss geben: Sich als Mensch angenommen fühlen, Sprache und Kultur im Alltag austauschen und lernen, einen Platz haben, Bezugspersonen – das sind Schutzfaktoren, die vor Bildungsdefizit, sozialem Abstieg und der befürchteten kriminellen Karriere schützen können.

 Menschen, die für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, also ihren Lebensunterhalt davon bestreiten können und sogar in die Sozialversicherung einzahlen, unterstützen den Sozialhaushalt. Jede Firma strebt Gewinne an. Dafür muss sie Produkte teuer verkaufen, diese günstig produzieren. Welchen Beitrag leistet also die Kundschaft, wenn sie ungeachtet der Umstände der Herstellung ein günstiges Produkt kaufen möchte? Oder auf ein Angebot im Internet zurückgreift, obwohl es im heimischen Betrieb zu kaufen möglich gewesen wäre. Greifen Sie zum „Fair-Trade“ Produkt! Die Produzenten können sich dann Schulbildung und Sozialabsicherung leisten. Dann wären sie von Entwicklungshilfe unabhängig.

Birgit Lehnert

Stadthagen

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