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Gülle: Schweinerei bleibt Schweinerei

Zum Artikel „Landwirte wehren sich“ vom 28. Januar. Gülle: Schweinerei bleibt Schweinerei

Das deftige Thema bedarf einer eher deftigen Sprache. Was ist passiert? Bauern haben illegal Gülle auf Feldern ausgebracht und sind bei ihrem verbotenen Handeln erwischt worden. Anstatt den Arsch in der Buxe zu haben und ein Fehlverhalten einzugestehen, wird gegenüber der Leserschaft weinerlich reagiert: … die armen Pflanzen verhungern.

Zu den Fakten: Das Ausbringen von Gülle ist in der Zeit vom 1. November bis zum 31. Januar auf Ackerland und vom 15. November bis zum 31. Januar auf Grünland gesetzlich verboten. Allein durch eine Ausnahmegenehmigung können die Zeiträume um 15 Tage verkürzt werden. Aber – und das ist das entscheidende Aber – wenn der Boden die Gülle nicht aufnehmen kann, ist auch eine Ausnahmegenehmigung hinfällig. Denn dann darf grundsätzlich ausnahmslos nicht gegüllt werden. Nach gesetzlicher Definition ist der Boden immer dann als nicht aufnahmefähig zu betrachten, wenn er gefroren oder so vernässt ist, dass die Gülle nicht mehr aufgenommen wird. Also auch heute (30. Januar 2017) darf noch nicht gegüllt werden, nach den heutigen Regenfällen auf den nicht einmal einen Zentimeter angetauten Boden. Soweit die Gesetzeslage.

Der allgemeine Ärger über diese Art der Sorglosigkeit hat auch handfeste Gründe. Die Verordnungen und Gesetze zum Schutz von Boden und Trinkwasser sind äußerst lasch und bauernfreundlich in Deutschland, aber nicht einmal daran wird sich offensichtlich gehalten. So lasch und wirkungslos, dass die EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof ein Strafverfahren gegen die Bundesrepublik Deutschland wegen Verstoßes (=Nichtumsetzung) der Nitratrichtlinie einleitete. In Berlin wird eine Strafzahlung in Höhe von 1 bis 3 Milliarden Euro erwartet. Also soll jeder, ob Baby oder Greis, circa 35 Euro Strafe aus den Steuergeldern aufbringen für den Bock, den die Landwirtschaft schießt. Das bedeutet allein für meine Gemeinde Hespe, dass die Bürger circa 70 000 Euro Steuergeld hierfür erarbeiten müssen.

Anfang dieses Jahres wiesen bereits unsere Wasserversorger darauf hin: Der Trinkwasserpreis wird in den kommenden Jahren rapide steigen. Als Grund wird die Notwendigkeit der Nitratentfernung genannt. Also dürfen wir Bürger nochmals zahlen. Das sollten wir bei aller Sprachlosigkeit nicht einfach hinnehmen. Ross und Reiter gehören genannt.

Am 30. Januar besuchte ich den Bach, der durch die Felder führt, die vor zwei Wochen gegüllt wurden. Es regnete, das Wasser konnte vom frostigen Boden nicht aufgenommen werden. Bedauerlicherweise konnte ich den Nitratgehalt nicht messen. Der Gehalt lag leider oberhalb des Messbereiches meiner Möglichkeiten. So landet die Gülle nun wohl in der Weser, dem belastetsten Fluss Deutschlands und nicht bei „hungernden Pflanzen“. Das ist Entsorgung. Schweinerei bleibt Schweinerei.
Dirk Lemster
Hespe

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