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Leserbriefe Matrosen verweigerten Scheer die Gefolgschaft
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19:10 28.12.2018

Diese Aussage mag für einen großen Teil des Führungspersonals der Seekriegsflotte zutreffen. Die beteiligten Matrosen sahen das anders.

Obwohl der Krieg verloren war, ordnete die Seekriegsleitung unter Führung von Scheer am 29. Oktober 1918 an, dass die vor Wilhelmshaven liegende Flotte gegen England auslaufen sollte. Für die Matrosen bedeutete das ihr Todesurteil. Ihre Antwort war eindeutig: Sie weigerten sich auf den Linienschiffen König, Markgraf und Kronprinz Wilhelm, die Anker zu lichten. Damit setzten sie das Startsignal zum Aufstand in Wilhelmshaven und Kiel. Gleichzeitig entfachten sie das Feuer der Novemberrevolution von 1918. Mit ihrem Widerstand gegen die Seekriegsleitung erhielten sie Tausenden von Familien deren Väter, Großväter und Urgroßväter. Weitere Befehlsverweigerungen folgten.

Für die nachhaltige Beurteilung der Handlungsweise von Admiral Reinhard Scheer sollte man beachten, dass Scheer bzw. der Seekriegsleitung zu dem Zeitpunkt zwei Gegenspieler gegenüberstanden: die Mannschaften der Flotte und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson mit seinen im Oktober formulierten Vorbedingungen für die Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen. Deutschland hatte angesichts der aussichtslosen Lage an der Westfront am 4. Oktober ein Waffenstillstandsangebot an Woodrow Wilson gerichtet.

Dieser hatte bereits in Vorgesprächen mit der neuen Reichsregierung unter Prinz Max von Baden Vorbedingungen für die Durchführung von Waffenstillstandsverhandlungen formuliert: Er forderte am 8. und am 12. Oktober die Räumung der besetzten Gebiete durch die Mittelmächte und das sofortige Ende des uneingeschränkten U-Boot-Krieges. In seiner dritten Note vom 23. Oktober drängte er auf eine durchgreifende Parlamentarisierung des Reiches und die Machtbeschränkung der Fürsten und des Militärs. Die Reformen wurden unverzüglich durchgeführt. Am 29. Oktober erfolgte der Auslaufbefehl von Reinhard Scheer.

Irmhild Knoche

Nienstädt