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Leserbriefe Sauberer Journalismus muss solide recherchieren
Mehr Meinung Leserbriefe Sauberer Journalismus muss solide recherchieren
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17:06 26.10.2018
Man sollte den Diesel-Skandal nutzen, um ausnahmslos noch die zukunftsfähigen Antriebe nach vorne zu bringen. Quelle: dpa

Nicht die Dokumentation der renommierten Filmemacher Jörg Adolph und Ralph Bücheler polarisiert, sondern die immer wieder selben Fragen der entsandten Anhänger des „Attachment Parenting“ (einer amerikanischen und seinerseits höchst umstrittenen Erziehungslehre), die gezielt zur Hetze gegen die Protagonisten eingesetzt wurden, sind es, die polarisieren.

Statt auch zunächst – nach eigener sauberer Recherche, das heißt, den Film in voller Länge gesehen zu haben – die Handlung und vor allem die zum Verstehen notwendigen Hintergründe deutlich herauszustellen, legt die Autorin zügig los und lenkt den Leser bewusst in die von ihr gewünschte emotionale Richtung. Zum Beispiel die vermeintliche Onlinepetition, die angeblich über 14.000 Menschen unterstützen. Wenn von diesen auch nur zwei Prozent den Film gesehen haben, also knapp 300 (mehr werden es nicht gewesen sein, da der Film in ausgewählten Programmkinos läuft, es bislang 26 Vorstellungen gab und die Anfeindungen aus dem Publikum immer wieder von denselben drei bis fünf „AP“-Anhängern kamen), ist dies mehr als bedenklich.

Weiter geht es mit dem „sehr hohen Gitterbett“. Kinderbetten in Kliniken sind nun mal so beschaffen, dass Kinder nicht herausfallen können. Und weiter geht‘s: Der Raum ist zum Schlafen komplett abgedunkelt – völlig ungewöhnlich oder doch nur „normal“? Dann zu den angeblich renommierten Kinderärzten und Familientherapeuten, die scheinbar nicht begreifen wollen oder können, dass Therapien, die nicht von ihnen stammen, erfolgreich sind. Darüber, dass über 85 Prozent der betroffenen Kinder und Eltern in den vergangenen 30 Jahren nachhaltig geheilt wurden, schreibt die Redakteurin natürlich nicht.

Selbstverständlich sind da Kinder und Eltern in schwerer Not. Gerade deshalb sehen diese verzweifelten Familien die Therapie in Gelsenkirchen als letzte Hoffnung. Und: Eine Therapie ist niemals allgemeingültig und erhebt schon gar nicht den Anspruch, allgemeingültig zu sein oder Vorschriften zu machen. Auch diese Zeilen zum dänischen Familientherapeuten zeigen die völlig unreflektierte Vorgehensweise der Verfasserin. Und wer glaubt, nur durch die Betrachtung eines kurzen Trailers im Bilde zu sein, irrt.

Zu guter Letzt wird dann doch noch die eigentliche Intention des Dokumentarfilms und der Behandlung an sich erwähnt. Dennoch: Sauberer Journalismus darf nicht auf der Basis der lautesten Zurufe erfolgen, sondern muss solide recherchieren. Was ich selbst nicht gesehen, gehört oder erlebt habe, muss ich verifizieren und nicht ungeprüft übernehmen.

Adelheid und Rolf Meier. Bad Nenndorf