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Sinnlose Halsschmerzen-Attacken

Zum Bericht „Ritterkreuz für Jürgen Drewes“ vom 29. Dezember 2016 Sinnlose Halsschmerzen-Attacken

Mit etwas Verspätung fielen mir die Schaumburger Nachrichten vom 29. Dezember 2016 in die Hände. Dort berichtete man auf Seite 17, dass einige Obristen der Reserve einen „Arbeitskreis Reserveoffiziere“ vor 40 Jahren gegründet hätten und dass dieser Arbeitskreis sich nun wieder getroffen habe.

Dabei gab es auch Ehrungen für diejenigen, die innerhalb dieses Arbeitskreises aktiv gewesen waren. Sie erhielten das „Ritterkreuz des Ehrenzeichens“.

 Ritterkreuz, wer von uns kennt das noch? Als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1927 verbinden sich damit Erinnerungen, die mit Ehre nichts zu tun haben. Jedenfalls nicht, wenn man die Grundwerte unseres gesellschaftlichen demokratischen Zusammenlebens (manche sagen auch Leitkultur) schätzt und hochhält.

 Dieser Orden wurde von Hitler gestiftet und sollte dazu dienen, Offiziere zu veranlassen, besondere Kriegstaten zu vollbringen, die seinen verbrecherischen Krieg verlängern sollten. Einige wenige der Luftwaffe taten das mit persönlichem Einsatz. Es gab aber im Laufe des Krieges noch eine ganz andere Erscheinung. Heute wissen wir, dass der Krieg spätestens seit Stalingrad für Nazi-Deutschland verloren war, es gab nur noch Rückzüge. Da gab es nun Kommandeure, die aus ihrem sicheren Bunker heraus den Befehl zum „Gegenangriff“ gaben. Die Verluste an Toten und Verwundeten waren außerordentlich hoch, aber der Kommandeur hatte eine gewisse Aussicht auf das Ritterkreuz.

 So entwickelte sich eine Art Ritterkreuz-Geilheit, von uns Soldaten als „Halsschmerzen“ bezeichnet (dieser Orden wurde mit einem Band um den Hals getragen). Ein konkretes Beispiel: Unser Bataillon wurde Ende Januar 1945 nach Westpreußen in die Marienburg verlagert. Die Stadt selbst befand sich überwiegend in den Händen der sowjetischen Armee. Wir bekamen neue Karabiner, die wir noch nicht kannten und der Kommandant der Burg gab uns den Befehl, um Mitternacht aus der Burg auszurücken und im Häuserkampf die Stadt zurückzuerobern. Eine Aussicht auf Erfolg gab es nicht, da wir jungen 17-jährigen Soldaten keine Kampferfahrung hatten und mit unseren Karabinern den Maschinenpistolen des Gegners hoffnungslos unterlegen waren. Ein klarer Fall von „Halsschmerzen“. Ich selbst wurde schon auf den ersten hundert Metern durch Granatsplitter verwundet, aber von meinem Klassenkameraden, der mit dabei war, haben weder ich noch seine Eltern jemals wieder etwas gehört. Auch nicht von den Anderen.

 Im Lazarettzug traf ich viele junge, verwundete Soldaten, die Opfer gleichartiger sinnloser Halsschmerzen-Attacken geworden waren. Das Ritterkreuz war also ein Orden, der von den Nazis gestiftet wurde, um das Ende des Krieges etwas hinauszuzögern, und führte in der Folge auch zu Befehlen, die ich aus heutiger Sicht als verantwortungslos, wenn nicht gar verbrecherisch bezeichnen möchte.

 Ich will den oben genannten Obristen nicht unterstellen, dass sie das Ritterkreuz durch die Hintertür wieder einführen wollen, aber mit Ehre hat dieses Schandmal nichts zu tun. Schon einmal, Ende der 90er- Jahre, hatten sich einige Herren Ritterkreuzträger in der Hamelner Rattenfängerhalle versammelt, und der damalige Hamelner Landrat wollte sie willkommen heißen, wurde aber von allen Seiten zurückgepfiffen.

 Ich würde es für gut halten, wenn die Herren Obristen die Angelegenheit überdenken würden und auf den Begriff „Ritterkreuz“ im Zusammenhang mit „Ehre“ verzichten würden.

Rudolf Conrad

Rinteln

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