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Leserbriefe Wir sind hier nicht auf einem Basar
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17:06 26.10.2018

Es gibt einen Wert, ab dem sich die Erderwärmung unaufhaltsam verselbstständigen wird. Dieser liegt nach den vom Weltklimarat gerade erst wieder bestätigten Erkenntnissen bei einer Reduzierung von 45 Prozent bis 2030(!).

Vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, dass Deutschland die Bemühungen der EU, den CO2-Ausstoß im Verkehr bis 2030 um 40 bis 45 Prozent zu reduzieren, torpediert und auf völlig unzureichende 35 Prozent herunter gehandelt hat (während man in China problemlos und ohne Gezeter der Hersteller bis 2030 auf 100 Prozent Elektromobilität kommen wird). Gerade Deutschland, das immer vorgibt, doch gerne so viel mehr für den Klimaschutz tun zu wollen, wenn nur die EU insgesamt mitspielen würde, ist zum Bremser geworden und macht sich für ein Ziel stark, das unsere Lebensgrundlage zerstört.

Zerstört wird mit diesem laschen Ziel auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie. Diese ist offensichtlich nicht in der Lage, ohne massiven Druck der Politik eigenständig Verantwortung zu übernehmen und sich auf neue Technologien einzustellen. Sie hinkt bei alternativen Antrieben schon jetzt meilenweit hinter vielen Herstellern wie Tesla, Renault, BYD, Hyundai, Toyota usw. hinterher, die sich angesichts der 35 Prozent-Entscheidung die Hände reiben, weil die deutschen Hersteller damit den erforderlichen Strukturwandel erneut vertagen und statt dessen lieber noch ein neues Detail für den alten Diesel patentieren lassen.

Das Arbeitsplatzargument der deutschen Automobilindustrie ist dabei ebenso scheinheilig wie das der Kohleindustrie: Der Strukturwandel kommt ohnehin, alleine schon, damit nicht irgendwann halb Norddeutschland im Meer versinkt. Die Frage ist nur, ob die deutschen Anbieter dabei sind oder das Feld der Zukunftstechnologien komplett den ausländischen Herstellern überlassen. Dann wird es ihnen irgendwann ergehen wie Kodak.

Der einstige Technologieführer hat jahrelang den Trend zur Digitalfotografie einfach ignoriert und sich dann irgendwann in der Insolvenz wiedergefunden. Abgesehen davon sind angesichts des gigantischen Fachkräftemangels, der sich demografiebedingt selbst bei abschwächender Konjunktur weiter verstärken wird, 100.000 Arbeitskräfte, die die Autoindustrie in den nächsten zwölf Jahren aufgrund der neuen Grenzwerte weniger einzustellen droht, ein Segen für Handwerk, Pflege, Lehrer, Verwaltung usw., die händeringend Mitarbeiter suchen. Wenn wir Jobs schaffen, doch bitte nicht in veralteten und schmutzigen Techniken!

Man sollte den Diesel-Skandal nutzen, um ausnahmslos noch die zukunftsfähigen Antriebe nach vorne zu bringen. Denn: Die Atomenergie hat zwar grundsätzlich das Potenzial, einen Teil der Bevölkerung zu töten. Die weitere Verbrennung von Öl und Kohle tut es aber garantiert – und zwar nicht nur einen Teil.

Daniel Milbradt, Auetal