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Gedrucktes Die große Manga-Übersicht
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14:07 07.06.2018
Quelle: pr
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Umfassend interessierte Bücherwürmer winken spätestens ab, wenn sie hören, dass Manga von hinten nach vorne gelesen werden. Toleranz ja, aber sowas?

Doch wer noch nie einen Manga gelesen hat, möge sich von vorschnellen Urteilen und verstaubten Bücherdogmen befreien und mal einen Blick riskieren. Es ist eine andere Welt, in der eine eigene Sprache gesprochen wird. Wenn man sich die aneignet, kann man - wie in allen kulturellen Bereichen - viel Verzichtbares entdecken – aber eben auch enorm viele Perlen, die eine besondere, eigenständige Faszination ausüben. Und es ist nicht nur die Faszination Japans oder Asiens, der philosophischen und ästhetischen Eigenarten, sondern auch eine der globalen Wahrnehmung, der Einflüsse von Film und Internet. Bekannte Phänomene und Geschichten werden hier anders erzählt, dynamischer, dem Film näher als dem Bucherlebnis. Und durch diese Distanz wird manches klarer als in uns vertrauten Erzählweisen.

Unterschiede zwischen Manga und Comic

Das Wort „Manga“ setzt sich aus den beiden Kanji „Man“ (=komisch, witzig) und „Ga“ (=gezeichnetes oder gedrucktes Bild) zusammen, ist also eigentlich nichts weiter als die japanische Version des Begriffes „Comic“. Hierzulande hat sich Manga als Synonym speziell für japanische Comics, in Abgrenzung zu den europäischen und amerikanischen, durchgesetzt. Verwendet wurde der Begriff erstmals 1814 von dem Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai, der eine Reihe von Skizzenbänden so benannte. Doch erst 1899 wurde er wieder entdeckt, als der Zeichner Kitazawa Rakuten unter diesem Titel eine Karikaturensammlung herausgab. Im 20. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung dann durch. Ähnlich dem Deutschen umfasst „Manga“ dabei trotz seiner Ursprünge im Komischen die Bildgeschichten in ihrer Gesamtheit; neben Gag Mangas also z.B. Story Manga (epische Form), Hentai (erotische Manga), Shojo Manga (für Mädchen) oder Shonen Manga (für Jungs). Teilweise waren rund 40 (vierzig!) Prozent aller verkauften Druckerzeugnisse in Japan Manga!

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Manga und Comic. So ist das einzelne Bild im Manga komplett dem dynamischen Lesefluss untergeordnet, während vor allem die frankobelgischen Comics sich oft noch zu epischer Kulisse verpflichtet fühlen. Dem enormen Lesetempo entsprechend haben Manga meist hunderte von Seiten, ehe eine Story beendet ist. Die Zeichnungen sind nicht so detailliert, was auch kaum möglich wäre: 14 bis 20 Seiten müssen die Zeichner teilweise bei den Verlagen abliefern - pro Woche! Da kann es nicht wundern, dass Manga meist schwarzweiß erscheinen. Das hat natürlich auch günstigere Produktion ergo geringere Buch-Preise zur Folge, womit wir uns den Ursachen des Booms langsam nähern.

Carlsen Verlag löst Manga-Welle in Deutschland aus

Als der Carlsen Verlag Anfang der 90er Jahre „Akira“ auf den Markt brachte, fand dieses grandiose, 2000 Seiten umfassende Comic-Epos von Katsuhiro Otomo zwar große Resonanz, doch zunächst konnte keine der folgenden Serien auch nur annähernd an diesen Erfolg anknüpfen. Im Oktober 1996 jedoch passierte etwas, das man den Auslöser für alles Kommende nennen könnte: Carlsen verlegte Akira Toriyamas „Dragon Ball“ im Taschenbuchformat und in der originalen Leserichtung - eben von hinten nach vorn, von rechts nach links. 200 Seiten für DM 9,95, da rutschte der Schein schon leichter über den Tresen. Unterstützt durch die Ausstrahlung von Animes (japanische Trickfilme) richtete sich der günstige Preis an eine jugendliche Käuferschaft, die es zudem cool fand, anders zu lesen. Anders als in der Schule, anders als die toleranten 68er Eltern, bei denen man echte Mühe hat, ihre Verständnislosigkeit zu erreichen. Einfach anders als alles andere. Noch dazu erschienen immer mehr Manga, die jugendliche Themen aufgreifen: Schule, erste Liebe, erster Sex.

Was den Jungs ihr „Dragon Ball“, wo sich der kleine Son-Goku und das Mädchen Bulma auf die Suche nach den sieben sagenumwobenen Dragon Balls machen, war den Mädchen „Sailor Moon“: textlastiger und alltagsnäher, Schule und Liebe, nicht von einem pädagogisch wertvollen Standpunkt, sondern aus ihrer Sicht der pubertären Betroffenheit. Die Auflagen schnellten in die Höhe, und plötzlich gab es jeden Monat neue Serien.

Immer mehr Titel finden den Weg zu uns

Im Sog des Erfolgs fanden und finden auch immer mehr Titel einen Weg, die eine ganz andere, erwachsene Seite Japans zeigten: Mit viel Zeit und Gespür für‘s Detail werden Geschichten erzählt, die man fast hören, riechen und schmecken kann. Ob Jiro Taniguchi, Osamu Tezuka oder Naoki Urasawa – sie haben Werke geschaffen, die nicht nur die Comicwelt nachhaltig geprägt haben. Von den aktuellen Neuerscheinungen ist „Chiisakobee“ von Minetaro Mochizuki das beeindruckendste Beispiel, die Adaption eines Romans von Shugoro Yamamoto. Die steifen Zeichnungen erinnern an Daniel Clowes, die Story jedoch ist viel mehr dem Alltag und den Abgründen darunter gewidmet. Die Figuren sind durchweg wunderbar menschlich und agieren überraschend, und auch wenn sich Dinge anbahnen, kann man sich doch nie sicher sein, ob tatsächlich etwas passiert. Das Wesentliche ist hier nicht der Plot, sondern das Personal und seine Entwicklung. (Carlsen Verlag, bislang zwei Bände)

Klar, dass so ein Boom auch stagniert. Doch im Gegensatz zu anderen Trends, die schließlich versanden, haben sich Manga schon lange fest etabliert, als weiteres Segment des Buchmarktes. Und: als wahre Bereicherung!

von Volker Sponholz

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