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Gedrucktes Internationaler Comic-Salon Erlangen
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17:35 04.07.2018

In großen Zelten, die auf dem Schlossplatz mit dem üblichen Wochenmarkt eine bunte, doch harmonische Nachbarschaft eingingen. Im Schlossgarten, wo sich Kunsthochschulen und Independent-Projekte über das spontane Publikum freuten. Der Botanische Garten, liebevoll bespielt und ergänzt für den Entdeckerdrang der ganz jungen Comic-Fans. Die Ausstellungen, sonst am gefühlt anderen Ende der Stadt, man konnte sie „einfach mal zwischendurch“ besuchen. All das machte sich nicht nur bei schnöden Besucherzahlen, sondern in der kollektiven Stimmung deutlich bemerkbar – und veranlasste letztlich sogar den Oberbürgermeister der Stadt, zu verkünden, ein simples „zurück“ in die Stadthalle sei nun nicht mehr möglich. Man darf gespannt sein.

Joe Shuster - Vater der Superhelden

Die Vergabe des Max-und-Moritz-Preises wurde da zur eher routinierten Veranstaltung, in der Hella von Sinnen als vermeintlich rampensäuige Erlösung comicnerdigen Gestammels dank ihrer narzistischen Ader den Preisträgern die Bühne eben nicht überlassen mochte. Soviel lautes Ego braucht‘s nicht, und nach dem fünften „Frauen sind die besseren Männer!“-Lamento mochte man das auch nicht mehr hören.

Die Jury dagegen hat gemacht, was man von ihr erwarten durfte: Preise vergeben! Reinhard Kleist (aktuell: „Nick Cave – Mercy on me!“, Carlsen Verlag) als besten deutschen Comic-Künstler zu ehren, war überfällig, Uli Lusts komplexes „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ (Suhrkamp Verlag) zum besten deutschsprachigen Comic zu küren ebensowenig überraschend wie die Auszeichnung bester internationaler Comic für „Esthers Tagebücher“ von Riad Sattouf (Reprodukt).

Esthers Tagebücher - Mein Leben als Zehnjährige

Der bewegendste Moment entstand, als der Spezialpreis der Jury an den Comic-Experten Paul Derouet vergeben wurde. Ein guter Teil der heute prägenden deutschen Comic-Zeichner und -innen (z.B. Isabel Kreitz oder Uli Oesterle) bekam von Derouet seine erste wirklich in die Tiefe gehenden Kritik, immer freundlich, aber auch unnachgiebig in der Sache. Da es bis heute keine dem Medium gerecht werdende Ausbildung in Deutschland gibt, bleibt Derouets jährliches Comic-Seminar in Erlangen unerlässlich. Die spontane warme Welle der Zuneigung und Wertschätzung, die angesichts dieses Preises durch das Auditorium schwappte, bewies sofort, wie wichtig und richtig diese Auszeichnung war und ist.

Nick Cave - Mercy on me

Einer der anwesenden internationalen Stars in Erlangen war der Spanier Miguelanxo Prado. Bereits 1990 hatte er (unter anderem) den Max-und-Moritz-Preis für „Der tägliche Wahn“ gewonnen, eine überzeichnete Chronologie des Alltags. Später konnte er den leiseren Tönen mehr abgewinnen, setzte mit „Kreidestriche“ einen erzählerischen und grafischen Meilenstein seines Schaffens. Zuletzt hatte er 2012 in „Ardalén“ opulent bebildert, nun hat er in „Leichte Beute“ ganz auf Farbe verzichtet. Passt zu einem Krimi, der – im besten Sinne – wie ein richtig guter Tatort daher kommt. Es geht um die Finanzkrise und mehrere Morde an Bänkern, um Korruption und die Geschichte einer Rache. Und natürlich geht es auch um die beiden Ermittler, um „Chefin“ Olga und Kommissar Sotillo, deren Beziehung in vielen kleinen Momenten und Andeutungen den menschelnden Sub-Plot bietet. Weniger Meilenstein, aber angesichts des entflammten sozialpolitischen Engagements Prados auch ein Appell an eine Comic-Szene, sich mehr und deutlicher zu positionieren. (Carlsen Verlag)

Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein

Historische Comics gab es schon immer, doch allmählich, nach weit über 100 Jahren, bietet die Comic-Historie selbst schon einige Stoffe, die zu erzählen lohnt. Immer wieder hört man von den neuesten Auktionen des allerersten Heftes mit einer Superman-Story; zuletzt wurde 2014 ein solches bei ebay für 3,2 Millionen Dollar versteigert! Viele Menschen sind reich geworden mit Superman – und all den Superhelden, die ihm folgen sollten. Zwei allerdings nicht: Texter Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster, die den Kryptonier in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erfanden. Auf der Rückseite ihres ersten Gehaltsschecks hatten sie die Rechte an den Verlag abgetreten. Als sich auf dem Erfolg ihrer Figur die Comic-Industrie Amerikas entwickelte, waren sie schnell ersetzbar – und wurden ersetzt.

Leichte Beute

Die Verbitterung Siegels und Resignation Shusters erscheinen im Rückblick geradezu absurd, wenn man heutzutage erlebt, wie z.B. ein Stan Lee abgefeiert wird. Und doch dauerte es bis 1975, ehe anlässlich eines Superman-Films Warner Brothers (denen der Verlag DC inzwischen gehörte) einwilligte, Siegel und Shuster als Urheber zu nennen und mit einer Rente zu versorgen. Shuster war inzwischen erblindet und seit vielen Jahren arbeitslos. Eine wirklich bittere Geschichte um den Überlebenskampf zweier Künstler, denen auch der Ruhm nicht wirklich helfen konnte. Julian Volojs Skript und die sehr eigenständigen Zeichnungen von Thomas Campi haben daraus einen ebenso kurzweiligen wie informativen Comic gemacht, der empathisch, aber nicht kritiklos mit seinen Protagonisten umgeht: „Joe Shuster - Vater der Superhelden“. Eine kurze Geschichte der Comics, die Lust auf viel mehr solcher Bücher macht! (Carlsen Verlag)