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Gedrucktes Zyklotrop, Die Peanuts und mehr
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12:45 06.03.2018
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Ja, eben diese Regalmeter, deren Inhalt einst ge- und zerlesen wurde, ehe im solventeren Alter eine meist gediegen gestaltete, gebundene und zusatzmaterialisierte Gesamtausgabe angeschafft wird, um „irgendwann“ der sentimentalen Recherche Raum zu geben. Dieses Irgendwann wird von interessanten Neuerscheinungen, unkalkulierbaren Lebenswirren und neuen Medien aber immer weiter in die Zukunft geschoben – oder man bekommt so eine biblio-affine Krankheit, die Zeit verschafft und den Kopf klar lässt.

Dann ist zum Beispiel Zeit für die Peanuts! Als der Carlsen Verlag vor 12 Jahren mit der Werkausgabe begann, hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten, dass diese tatsächlich ein Ende findet. Zu umfangreich das Werk von Charles M. Schulz, der 50 Jahre lang täglich einen Strip gezeichnet hat. Mögen ihn Filme und Plüsch-Snoopys reich gemacht haben, der stille und herzenswarme Humor, den Schulz sich in dem beharrlichen Variieren des Peanuts-Universums erzeichnet hat, gehört zu den herausragendsten Ereignissen der Comic-Geschichte. Der stete Kampf Charlie Browns um Anerkennung, der anarchische Humor Snoopys, Schröders Beethoven-Verehrung und nicht zuletzt Lucys unverwechselbare Doktor-Bretterbude – all das kritzelte Schulz tagtäglich in unsere Köpfe hinein. Als er 1999 wegen einer Darmkrebserkrankung beschloss, die Arbeit zu beenden, verfügte er, dass niemand seine Werk weiterführen dürfe. In einem letzten Strip verabschiedete sich Schulz von seinen Lesern. Durch die übliche Vorproduktion erschien dieser Abschiedsstrip erst Monate später – genau einen Tag nach seinem Tod.

Dieser Tage ist der sage und schreibe 24. Band der Werkausgabe erschienen. Noch immer in der bibliophilen Aufmachung, mit zahlreichen Anmerkungen und Ergänzungen, umfasst der Band die Jahre 1997 und 98. Im August wird dann der abschließende Band erscheinen, mit den letzten Strips und viel Zusatzmaterial. Wer jemals ein Herz für die Peanuts hatte oder nur gern Zackenpullover trägt, dem sei diese Ausgabe aber sowas von ans Herz gelegt!

Ein anderer Klassiker, der hier in letzter Zeit nahezu ständig Thema ist, war nie so an einen Schöpfer gebunden – und wird eben dadurch in ständig neuen Gewändern zu vielfältigstem Leben erweckt. Spirou und Fantasio waren viele Jahre eine klassiche frankobelgische Funny-Serie. Als Tomé und Janry, das Zeichnerteam der 80er und 90er Jahre, den kleinen Spirou erfanden, wurde das zunächst wie eine peanutsmäßige Ergänzung angesehen. Doch der Erfolg der kleinen überrundete bald den der Originale, und die Diskussion fand schnell ein Thema: Sex! Während die klassische Serie familienfreundlich sein und somit ohne sexuellen Subtext auskommen musste, durften die Grundschulausgaben der bekannten Helden die Gürtellinie gepflegt ignorieren. Als das Team jedoch versuchte, mit realistischeren Zeichnungen und weiblichem Personal auch mal den Bauchnabel zum Prickeln zu bringen, zog der Verlag die Reißleine.

Natürlich ist es keine kleine Entscheidung, ein über Jahrzehnte gewachsenes Publikum „mal eben“ auf neue Pfade zu führen. Doch Dupuis, der französische Verlag, traf eine weise Entscheidung. Sie öffneten das Spirou-Universum für diverse Spezial-Reihen, die neben der klassisch angelegten (inzwischen mit Yoann und Vehlmann als Autoren-Team) andere Welten oder auch einzelne Figuren der Serie beleuchten. Aktuelles Beispiel: „Zyklotrop“ von José-Luis Munuera zeigt unseren altbekannten Bösewicht in einem todkomischen Vater-Tochter-Rührstück. Denn merke, die Welt beherrschen ist ungleich schwieriger als eine 16-jährige Tochter auch nur halbwegs im Auge zu behalten. Zeichnerisch wie erzählerisch ein großer Spaß, der durch die lange Vorrede noch größer wird. [Carlsen Verlag]

Ein bißchen enttäuschend dagegen „Das Mädchen aus dem Wasser“ von Sacha Goerg. Natürlich wird hier ganz anders erzählt, langsamer, poetischer, grafischer. Es geht nicht um Pointen, sondern um ein Vermächtnis, um das, was nach dem Tod übrig bleibt, um die Suche nach einer Verbindung, die vielleicht helfen könnte. Ein Mädchen erreicht durchnässt das Domizil eines renommierten Künstlers, allerdings als Junge verkleidet. Judith alias Damien wird aufgenommen und man erfährt nach und nach, dass es sich um die Tochter des Verstorbenen handelt, die nie Kontakt zu ihm hatte. Die Restfamilie trifft sich, Agent mit Freundin, Sohn mit Freund, Witwe und eben diese Fremde mit unklaren Absichten. In skizzenhaftem Stil und fleckig aquarelliert schafft es Goerg, mit gezielten Akzenten wunderbare Szenen zu schaffen. Was vom Vater blieb, ist dagegen massiv einfarbig und wuchtig, ein intensiver Kontrast, der viel grafischen Raum für Poesie bietet. Leider wird dieser nur selten gefüllt; was bleibt, ist ein typisch französisches Beziehungsdrama an exponiertem Ort. Da hat die Zeichnerin Goerg mehr versprochen als die Autorin Goerg erfüllen konnte. Was bleibt, ist ein (in positivem Sinne) interessantes Buch, das aber mehr formal als erzählerisch zu punkten weiß. [Verlag Reprodukt] von Volker Sponholz

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