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Appell an moderne christliche Ethik des Lebens

Zur Entscheidung des Agaplesion Konzerns Appell an moderne christliche Ethik des Lebens

Polen lässt grüßen: So müsste man, folgt man dem Aufmacher auf der ersten Seite in den Schaumburger Nachrichten vom 7. November, neuerdings wohl formulieren. Denn Schaumburg schickt sich an, seinen in Gewissensbissen geratenen schwangeren Mädchen und Frauen ähnliches zu zumuten wie die derzeitige erzkonservative und dem Katholizismus verbundene polnische Regierung: Abtreibungstourismus in das Nachbarland beziehungsweise in die Nachbarregion.

Denn Agaplesion, der neue Klinikbetreiber, vertritt dem Artikel zufolge die Position, dass Schwangerschaftsabbrüche aus einer sozialen Notlage heraus im Klinikum Schaumburg nicht mehr durchgeführt werden sollen. Begründet wird das mit einer angeblichen christlichen Ehrfurcht vor dem Leben. Explizit ist im Artikel davon die Rede, dass die betroffenen Frauen ja in die Nachbarkreise ausweichen können. Und der Pressesprecher des Landkreises behauptet, dass der neue Krankenhausbetreiber natürlich das Recht dazu habe, über seine Leistungen selbst zu entscheiden.

Ansonsten allerlei Christlich-Menschelndes

Man wundert sich schon, dass ein dem Protestantismus sehr nahe stehender Medizinkonzern, der – folgt man seiner wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der letzten Jahre – eher an eine neoliberale „Heuschrecke“ erinnert, zu fundamentalen Positionen in der Abtreibungspraxis greifen will, die man eher beim orthodoxen Katholizismus oder den bigotten evangelikalen Christen in den amerikanischen Südstaaten vermutet hätte. Interessant ist zumindest, dass man auf der Internetpräsenz des Konzerns unter dem Stichwort „Schwangerschaftsabbruch“ nicht fündig wird, aber ansonsten allerlei Christlich-Menschelndes entdecken kann.

Als evangelischer Christ der Landeskirche Schaumburg-Lippe hatte ich den Eindruck, dass der heutige Protestantismus in der Abtreibungsdebatte weiter war – das heißt, auf der Höhe der Zeit – und selbstverständlich in Not befindlichen Frauen auch medizinisch hilft. Daher könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass ein klärendes Wort unserer landeskirchlichen Leitung helfen könnte, das frömmelnde Missverständnis von Agaplesion hinsichtlich einer modernen christlichen Ethik des Lebens und der Nächstenliebe aus der Welt zu schaffen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich auch die Frage, ob die betroffenen Ärzte der gynäkologischen Abteilungen ihre freie Zustimmung zu dieser neuen Schwangerschaftsabbruchpraxis gegeben haben, oder ob sie vor die Wahl gestellt wurden, sich zu beugen oder den Hut zu nehmen.

Vom Landkreis erwartet man als besorgter Bürger in dieser Frage natürlich auch mehr als die juristisch wohlfeile Ausrede seines Pressesprechers. Denn wenn es Vertragsbestandteil war bei der Übergabe der medizinischen Versorgung im Kreis-Bereich an diesen frommen Konzern, dass Schwangerschaftsabbrüche aus sozialen Gründen nicht mehr durchgeführt werden sollen, dann hat der Landkreis aus dem ethischen Geist der Vergangenheit zugestimmt.

Wenn er von der diesbezüglichen Position allerdings nichts wusste oder über den Tisch gezogen wurde, dann hat er jetzt die Gelegenheit, sich zu korrigieren und Agaplesion an die erreichten zivilisatorischen Standards einer liberalen Bürgergesellschaft zu erinnern.

Wenn die Verwaltung sich dazu nicht in der Lage sieht, dann müsste die Stunde des kommunalen Parlaments schlagen. Unverständlich wäre es jedenfalls, wenn demokratische Parteien der Gegenwart hier nicht deutliche Worte fänden.

Ein Blick zum österreichischen Nachbarn

Falls alles nicht hilft, dann bleibt noch die Frauenbewegung, die – hoffentlich zu Recht – empört genug ist, um ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Auch hier hilft übrigens ein Blick zum östlichen Nachbarn. Dort musste jüngst eine von der regierenden PIS-Partei geplante nochmalige Verschärfung des Abtreibungsrechts ausgesetzt werden, weil den polnischen Frauen der Kragen platzte und es zu Großdemonstrationen kam. Da hatte die PIS-Führung denn doch Angst, bei der nächsten Wahl die Quittung zu bekommen und zog den Gesetzentwurf zurück.

Mal sehen, was Agaplesion noch alles einfällt; Homosexualität soll ja mit dem christlichen Menschenbild auch nicht vereinbar sein. Voller Vorfreude auf unsere interessante landkreisweite moderne Monopolvorzeigeklinik...

Andreas Kraus

Stadthagen

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