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Das nötige Umsteuern kann nur gemeinsam gelingen

Zur Landwirtschaftsberichterstattung am 23. und 24. Juni. Das nötige Umsteuern kann nur gemeinsam gelingen

Mir stellen sich zu den drei Artikeln folgende Fragen: Stellt eine bedenkenlose Ausweitung landwirtschaftlicher Exporte aus Deutschland wirklich eine Lösung von Problemen in dieser Branche dar oder tragen grenzenlose Ausfuhren nicht in Teilen der Welt zur Verarmung und damit zum Anschwellen der aktuellen Flüchtlingszahlen unter anderem aus Afrika bei (Lampedusa lässt grüßen!)?

Schon jetzt haben wir in zahlreichen Bereichen landwirtschaftlicher Güter eine sehr hohe Exportrate; die zum Beispiel bei großen Molkereibetrieben wie dem Deutschen Milchkontor (Bremen) 40 Prozent beträgt oder bei der Firma Wiesenhof, die tiefgefrorene Hähnchenkörper mit Unterstützung hoher EU-Subventionen zu Dumpingpreisen nach Afrika exportiert, weil der verwöhnte deutsche Verbraucher nur die Hühnerschenkel und -brüste konsumiert und eine – ethisch hoch bedenkliche – Entsorgung dieser Hähnchenteile als Abfall in Deutschland im Vergleich zum Export teurer würde.
Auf diese Weise wird dort die heimische Landwirtschaft, die den Menschen vor Ort Arbeit und Nahrung geben könnte, wirtschaftlich ruiniert. Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang auf gesundheitliche Gefahren für die afrikanischen Konsumenten hinzuweisen, da die Kühlkette für das eingefrorene Fleisch auf dem Schwarzen Kontinent wegen fehlender Infrastruktur nicht gewährleistet werden kann.
Zu fragen ist hier außerdem, ob der schon jetzt in Deutschland vorhandene hohe Viehbesatz, der zum Teil weit über den Selbstversorgungsgrad der deutschen Bevölkerung hinausgeht, auf den agrarisch genutzten Flächen aus ökologischer Sicht überhaupt auf Dauer zu vertreten ist. Ganz abgesehen von den ökologischen und ethisch-tierschützerischen Problemen in der Massentierhaltung (u. a. Einsatz von Antibiotika mit seinen sehr negativen Folgen für die menschliche Gesundheit, jährliche Tötung von ca. 40 Millionen männlichen Küken in der Legehennenproduktion sofort nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei).
Auf ein mit der sehr hohen Zahl von Nutztieren und der intensiven Ackerbewirtschaftung verbundenes Problem für die Gesundheit der hiesigen Bevölkerung wird im Bericht „Im Grundwasser lauert Gift“ hingewiesen. Schon jetzt ist das Wasser von einem Viertel der niedersächsischen Brunnen wegen zu hohen Nitratgehalts aus Dünge- und Spritzmittelrückständen nur dann für den menschlichen Verzehr geeignet, wenn es mit Wasser aus anderen Brunnen vermischt wird. Mittlerweile kommen im Grundwasser und sogar auch in den Tiefenwässern zunehmend Bestandteile aus der jahrzehntelangen (Über-)Düngung und Spritzmittelverwendung an.
Ist es vor diesem Hintergrund – und damit komme ich zur Offensivinitiative des Bauerpräsidenten J. Ruckwied im dritten Artikel – nicht viel zu kurz gegriffen, wenn dieser die polarisierte Debatte um die Zukunft und Ausrichtung der Landwirtschaft beklagt, bei der die Bauern nach meinem Eindruck unverdienterweise auch die „Prügel“ für Verfehlungen in der Lebensmittelindustrie und für falsche oder ausbleibende Entscheidungen der Politik mit abkriegen. Denn der teilweise negative Ruf der konventionellen Landwirtschaft bei zunehmend vielen Menschen beruht nach meiner Überzeugung auf tatsächlich vorhandenen ernsthaften Problemen in diesem Bereich, die zügig und zielstrebig angegangen werden müssen.
Ich glaube, dass vor allem die europäische und nationale Politik bei der Setzung veränderter Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft in einer Industriegesellschaft sowie die Verbraucher in ihrem Konsumverhalten, aber auch die landwirtschaftlichen Interessenverbände gefordert sind, aktiv für ein Umsteuern einzutreten. Das ist nur gemeinsam zu schaffen. Vor dem Hintergrund der genannten Probleme ist es aus meiner Sicht höchste Zeit dazu!
Christian Meyer
Stadthagen

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