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Denkmal für „eine politisch Verführte“?

Zum Agnes-Miegel-Volksentscheid am 11. Januar Denkmal für „eine politisch Verführte“?

Die SPD ruft in ihrem „Bürgerbrief“ vom Dezember dazu auf, den Ratsbeschluss von 2013 auf Entfernung des Denkmals neben dem Schlösschen zu unterstützen. Neben dem Aufruf prangt zum Aufmerksamkeitserheischen ein Foto des lieblichen Denkmals, das mit einem großen roten X durchkreuzt ist und ungewollt die Brutalität des geplanten Akts unterstreicht. Wie beim Volksentscheid für den Fortbestand des Kurhauses müssen die Bürger wieder verhindern, dass kein Polit-Skandal entsteht.

Als die Gemeinde nach dem Krieg der aus Ostpreußen geflüchteten Dichterin das Haus als Wohnstatt zur Verfügung stellte und Anfang der siebziger Jahre der Deisterplatz zum Agnes-Miegel-Platz umgetauft wurde, da wehte ein liberalerer Geist in den Bad Nenndorfer Ratsstuben. Dass Agnes Miegel ein Huldigungsgedicht auf Adolf Hitler verfasst und sich ein paar Mal positiv zum Nationalsozialismus geäußert hatte, wurde angesichts ihres umfangreichen Gesamtwerkes nicht als problematisch angesehen. Vielmehr erwartete man von der mit Ehrungen ausgezeichneten Dichterin etwas Glanz für das Kulturschaffen und den Ruf Bad Nenndorfs.
 Die skeptische Einschätzung und Überbewertung des Wirkens von Agnes Miegel im „Dritten Reich“ zeugt nicht von großer Aufgeklärtheit, Weitsichtigkeit und Gelassenheit im Umgang mit unserer unrühmlichen Vergangenheit, sondern lässt eher auf Unwissenheit und Profilierungsstreben schließen.
 Letzteres ist auch mit Defiziten bei der literarischen Bildung heutiger Bürger und ihrem Stellenwert und ihrer Vermittlung in Schulen und Hochschulen zu erklären. Dominierte früher die werkimmanente Interpretation der Literatur, also die Konzentration auf das Kunstwerk und dessen inhaltliche und sprachliche Gestaltung, wozu gerade das lyrische Werk Agnes Miegels einlädt, so kam mit der Verbreitung der modernen Sozialwissenschaften die soziologische Interpretationsmethode auf, die das gesellschaftliche Umfeld des Autors zum Verständnis des Textes einbezieht. Agnes Miegel gehört literaturhistorisch nicht zu den „Blut-und-Boden-Dichtern“ des Dritten Reiches. Sie war kein politischer Mensch, wurde im „Entnazifizierungs“-Verfahren als unbelastet eingestuft, war einem jüdischen Freundeskreis verbunden; sie hat in ihrem Werk keinen Rassismus, Antisemitismus oder die Herabsetzung politisch Andersdenkender gepredigt, aber immer wieder Toleranz, Menschlichkeit, Heimatliebe vertreten und beschworen. Wer in ihrem eingeschränkten Loblied auf Führer und Nationalsozialismus mehr erkennen will als eine taktische Pflichtübung, der könnte ihre Statue ja als Mahnmal für eine politisch Verführte auffassen, die nur emphatisch ausdrückte, was die „Volksseele“, nämlich die Mehrheit des Volkes empfand.
Dietrich Pukas, Bad Nenndorf

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