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Ein kostbares Lächeln

Zum Artikel „Merkels Mutrede: Wir schaffen das“ vom 1. September. Ein kostbares Lächeln

Gestern Mittag ging ich in Hannover durch die mit prall gefüllten Schaufenstern umrahmten Einkaufsstraßen. Schon bald war ich damit beschäftigt, Menschen zu beobachten.

Menschen vielerlei Herkunft und aus allen möglichen Schichten. Viele der jungen und alten Deutschen diskutierten an allen Ecken nur über den unsicheren Euro, den fallenden DAX über die große Zahl von Flüchtlingen, die zurzeit in unser Land kommen. An allen Ecken wurde telefoniert, hektisch, unruhig, unzufrieden.  Andere Menschen waren nur betriebsam, so emotionslos, wie man es aus den Einkaufsstraßen Hannovers eben kennt. Dann die Armen am Wegesrand: Sie bettelten wie eh und je. Aber die meisten von ihnen machten einen zufriedenen, angstfreien Eindruck auf mich.

Doch besonders fiel mir ein Mädchen auf mit zerrissenen Hosen und ein paar Hunden, die sich um es scharten. Es bettelte mit einer Blechtasse in der Hand. So sprach sie freundlich viele Menschen an und bekam die eine oder andere Münze zugesteckt, wurde oft aber auch keines Blickes gewürdigt. Manche äußerten sich abfällig über sie. Als ich in ihre Nähe kam, fragte sie auch mich mit einem Lächeln: „Eine kleine Gabe vielleicht?“ Ich wusste, ich hatte nur noch einen 50 Euro-Schein dabei, nicht einen Cent mehr klein, nachdem schon ein Straßenmusikant und ein armer alter Mann einige Münzen erhalten hatten.
Ich wollte nicht viele Worte machen und lächelte nur kurz im Vorbeigehen achselzuckend zurück, dachte insgeheim und etwas verschämt, dass das Mädchen heute wohl schon genug in ihre Tasse gesteckt bekommen hatte. Und das Mädchen sagte, wieder freundlich lächelnd und von ganzem Herzen ehrlich: „Danke!“
Dieses Danke hat mich tief berührt und mich daran erinnert, wie sehr dankbar die Flüchtlinge sind, die bei uns ankommen, oft das erste Mal seit Wochen angstfreie Momente erleben.
Das Mädchen hat mir die Erkenntnis zurück gebracht, dass es so viel Wichtigeres gibt als Geld, als Wohlstand. Selbst dem armen Mädchen in Hannover war ein Lächeln so viel wert, dass es sich freundlich bedankt hat, ohne das erbetene Geld bekommen zu haben.
Die Egoisten in Europa und in Deutschland sind unser Problem. Wie es schon gegenüber einigen neuen EU-Mitgliedern angebracht kritische Worte gab, dass es nicht sein könne, zu Europa nur so lange JA zu sagen, wie es um Geld für das eigene Land geht und dann NEIN zu sagen, wenn die Solidarität der gesamten Mitgliedsstaaten bei der Bewältigung multilateraler Aufgaben angesagt ist, kann es doch nicht sein, dass in unserem Land nur dann die deutsche Fahne hochgehalten wird, wenn wir gerade Fußballweltmeister geworden sind. Die deutsche Fahne steht für unsere Verfassung – in all ihren Facetten. Seien wir doch stolz, dass so viele in Not geratene Menschen gerade in einer Zukunft bei uns und mit uns ihre letzte Hoffnung sehen.
Ja, wir brauchen auch einen Großteil der jetzt ankommenden Menschen. Auch ich höre mir gerne die zahlreichen Vorteile an, die wir als Gemeinschaft durch die Flüchtlinge haben. Aber das kann doch nur am Rande wichtig sein. Unsere Hilfsbereitschaft darf sich nicht daran orientieren, ob wir etwas davon haben.
Es geht um Hilfe von Menschen für Menschen. Und Hilfe ist dann besonders wertvoll, wenn eben nicht eine Gegenleistung oder ein eigener Vorteil mit der Hilfe verbunden ist. Wir müssen nicht alle Menschen lieben, die jetzt zu uns kommen. Aber geben kann jeder etwas – und wenn es ein Lächeln ist, das Hoffnung und Vertrauen schenkt. Ein Lächeln kann so reich machen.
Rolf Neumann
Bad Nenndorf

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