Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Frauenrott-Entscheidung: Mittelalterliche Rückständigkeit

Zum Artikel „Mensching weist Vorwürfe zurück“ vom 11. November Frauenrott-Entscheidung: Mittelalterliche Rückständigkeit

Durch die Berichterstattung in den Medien auf die Vorgänge in Stadthagen betreffend der Gründung eines Frauenrotts im Stadthäger Schützenfest aufmerksam gemacht, steigert sich meine Fassungslosigkeit angesichts der Entwicklungen zu diesem Thema von Woche zu Woche.

Ich selbst bin Mitglied des traditionsreichen historischen Festspiels „Der Meistertrunk“ in Rothenburg ob der Tauber – einer Stadt, die sicherlich einigen Menschen in Deutschland ein Begriff ist – und kann angesichts der Vorgehensweise und Argumentation des Festkomitees sowie einigen Rottbrüdern gegenüber dem Vorschlag von Frau Mensching, im 21. Jahrhundert ein Frauenrott gründen zu wollen, nur ungläubig den Kopf schütteln.

 Auch das historische Festspiel in Rothenburg ob der Tauber hat einen geschichtsträchtigen Hintergrund, nämlich die Verteidigung unserer Stadt im Jahr 1631 gegen den Ansturm der katholischen Liga unter General Johann t’Serclaes von Tilly während des Dreißigjährigen Krieges. Doch hier ist die Teilnahme von Frauen durchaus erwünscht, da eine gewisse Vielfalt unseren Verein, dessen Hauptevent jährlich an den Pfingstfesttagen Tausende von Besuchern in unsere Stadt zieht, nur bereichern kann und von gegenseitiger Wertschätzung, Toleranz und Gleichberechtigung lebt.

 Die Argumente von Frau Mensching, dass Frauen heutzutage in der Bundeswehr, der Polizei oder anderen, „männerdominierten“ Berufen tätig sind – schließlich haben wir ja auch eine Bundeskanzlerin – bestätigen doch die Berechtigung, in einem bislang männergeprägten Verein ein Frauenrott aufzubauen. Warum also sträuben sich Festkomitee und Rottbrüder so gegen die Gründung und reagieren auf derart harsche Art und Weise?

 Dies Frage des Vorsitzenden des Festkomitees, worüber sich die Frauen während des Schützenfestes im Rott außer über „Kochrezepte, Windeln wechseln und Kosmetiktipps“ unterhalten wollten, oder das wacklige Argument, dass die Frauen in Frack und mit Holzgewehr in der Kleiderfrage ein ernsthaftes Problem darstellen würden, empfinde ich als Unverschämtheit, mittelalterliche Rückständigkeit und als Schlag ins Gesicht der Frauen – selbst für mich als Außenstehende. Die Aufkleber-Aktion der 1. Quartierschaft ist als Krönung der Provokation, als Frechheit und als Zeichen absoluter Intoleranz nicht mehr zu überbieten.

 Jeder, der sein Auto mit einem solchen Aufkleber „schmückt“ und seine Anfeindungen gegen den Vorschlag von Frau Mensching kundtut, schießt sich damit im Grunde mit seinem Holzgewehr doch nur ins eigene Bein.

 Schade ist, dass weder Festkomitee noch einige Rottbrüder über ihren offenbar großen Schatten springen und die Gründung eines Frauenrotts nicht als Bereicherung ihres Schützenfestes ansehen können. Die Grundsätze, „manche Mauern aus Vorurteilen, Reserviertheit und Gegensätzen“ abbrechen zu wollen, können hier nicht als gelebt gewertet werden.

 Wer weiß, ob diese Haltung dem Schützenfest Stadthagen auf Dauer nicht mehr Schaden verursacht, als im Moment bewusst ist? Die Zeit wird es zeigen, und ich gratuliere Frau Mensching zu ihrem Mut und wünsche weiterhin Kraft und Durchhaltevermögen bei ihrem Vorhaben.

Anne Barbara Schmid, Rothenburg ob der Tauber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben