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Stadt, Land, „Übergangsregion“

Zum Artikel „Stadt, Land, Frust“ im Wochenendmagazin „Sonntag“ vom 4./5. Februar Stadt, Land, „Übergangsregion“

Als ich vor einiger Zeit einen Wissenschaftler zu Problemen im ländlichen Raum befragte, antwortete er mit einer Gegenfrage: „Du kommst doch aus Schaumburg?“ Mein Gegenüber aus Berlin klärte mich auf, dass meine Heimat eine „Übergangsregion“ sei. Mir kommt es hier trotzdem insgesamt eher ländlich vor.

Autor Bert Strebe bedient geradezu jede Schublade, die einem zu Stadt und Land einfallen kann. Ja, ich hacke auch unser Holz selbst, renne aber trotzdem bei 5 Grad minus nicht dauernd zum Holzschuppen. Häuser kann man auch dämmen, und es soll sogar die Möglichkeit geben, eine Heizung einzubauen.

Wir sind nicht vor 30 Jahren nach Sülbeck gezogen, um „Geld und Gut und Lebenszwänge“ hinter uns zu lassen, sondern weil wir meinten, dass es hier bessere Möglichkeiten für eine Familie mit kleinen Kindern gebe. Das ist aufgegangen. Es hat auch nicht drei Generationen gedauert, sich hier als Teil der Bevölkerung zu fühlen. Nach ein paar Wochen nannten die Kinder unsere ältere Nachbarin Oma. So war sie auch. Kindergartenplätze gab es sofort – und zwar anders als in dem Artikel beschrieben, erschwinglich und gut.

Sicher, die Villen in Hannover an der Eilenriede bieten auch eine ähnlich schöne Aussicht, wie ich sie habe. Die Frage ist aber schon, welchen Blick ich mir leisten kann. Sogar der Theaterbesuch fällt vielleicht trotz längerer Anfahrt mit der nahen S-Bahn leichter, wenn der disponible Teil des Einkommens nicht durch die Horrormieten einer Großstadt auf ein Minimum zusammenschmilzt. Dazu eine gute Grundschule, gute weiterführende Schulen, mit Bus und Fahrrad zu erreichen.

Sicher, Luft nach oben ist immer und überall. Viele Städte können sich aber von der Pionierarbeit an pädagogischen Konzepten und der gesamten Schullandschaft Schaumburgs eine Scheibe abschneiden.

Manchmal lohnt ein Blick von außen: Ich habe erlebt, dass Gäste aus weit entfernten Ländern fragen, wo denn hier „das Land“ überhaupt ist. Sie meinen damit, wo die Briefkästen und die befestigten Straßen aufhören und wo die Leute in Holzhütten wohnen.

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land lässt sich nicht wegdiskutieren, aber im Weltmaßstab ist er in Deutschland gering. Selbst einige viel ländlichere und weniger dicht besiedelte Landkreise als Schaumburg weisen ein Geflecht von kooperierenden kleinen und mittleren Betrieben auf, das deren Wirtschaft stabil und unanfälliger gegen Krisen macht.

Neulich habe ich von zwei Bürgern eine regelrechte „Liebeserklärung“ an Nienstädt gehört. Vielleicht sollte sich der Autor mit denen mal treffen. Ja, den Bäcker, den Schlachter und den Einzelhändler, der gleichzeitig das Kommunikationszentrum des Ortes war, gibt es im Umkreis von 150 Metern nicht mehr. „Annähernd gleiche Lebensverhältnisse“ zwischen Stadt und Land sind Arbeit und ständige Herausforderung.

Thomas Künzel

Nienstädt

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