Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Der Norden So wurden aus 6100 Mecklenburgern Niedersachsen
Nachrichten Der Norden So wurden aus 6100 Mecklenburgern Niedersachsen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 01.07.2018
Das Archivbild aus dem Jahr 1993 zeigt das das Ortsschild von Neuhaus im Amt Neuhaus (Kr. Lüneburg), an dem ein Trabant mit wehender Niedersachsenflagge vorbeifährt. Quelle: dpa
Anzeige
Amt Neuhaus

Es war wenige Wochen nach dem Mauerfall, als sich Hans Ebeling in seinen Wartburg setzte und losfuhr, um das Land zu verändern. Auf schmalen Straßen steuerte er von einem mecklenburgischen Elbdorf ins nächste, hielt an, wo es ein Geschäft gab, ging hinein und kaufte alle DDR-Fahnen, die er finden konnte. Fragte ihn jemand, was er damit vor hat, lächelte er vielsagend und dachte an seine Tochter, die mit drei anderen Frauen zu Hause am Stubentisch saß und weiße Bettlaken in die Form springender Pferde zerschnitt.

Mehr als 80 Fahnen kaufte der damals 57 Jahre alte Landwirt in diesen Tagen, mehr als 80 Mal trennten die Frauen Hammer, Zirkel und Ährenkranz heraus und nähten an die Stelle das weiße Sachsenross. Als Ebeling kurz darauf die erste Niedersachsen-Fahne ins Fenster hängte, stand auf dem Deich hinter seinem Haus noch der Grenzzaun. Drei Meter war er hoch und versperrte ihm den Blick ans andere Elbufer, in das „Land seiner Väter“. So nannte er Niedersachsen sehnsuchtsvoll. 48 Jahre lang.

Grenzsoldaten hinterm Haus

Mai 2018, fast 29 Jahre später. Der Himmel über den Elbwiesen ist wolkenlos, die Sonne scheint und Ebeling tritt mit dem Gehstock in der Hand auf die Deichkrone. Zu DDR-Zeiten patrouillierten hier, keine 100 Meter hinter seinem Haus, die Grenzsoldaten. Jetzt steht Ebeling da. 86 Jahre alt, grau und glücklich. Das Land am anderen Ufer ist wieder sein Land. Ebeling ist Niedersachse.

Rund 80 Kilometer östlich von Hamburg erstreckt sich das Amt Neuhaus über 46 Kilometer entlang der Elbe. Es ist die einzige niedersächsische Kommune am Ostufer der Elbe, ein Landstrich, der vor einem Vierteljahrhundert von Ost nach West wechselte – und bis heute um seine Identität ringt.

Es heißt, Geschichte wird von denen geschrieben, die sie erzählen. Wie oft Ebeling die Geschichte seiner Heimat schon erzählt hat, kann er nicht sagen. Doch immer endet seine Schilderung mit einem Happy End: Am 30. Juni 1993, ziemlich genau vor 25 Jahren, kehrte das Amt Neuhaus aus Mecklenburg-Vorpommern zurück in den Landkreis Lüneburg, zurück zum heutigen Niedersachsen. Dorthin, wo es jahrhundertelang zu Hause war.

„Das Land meiner Väter“: Hans Ebeling wurde vor 25 Jahren Niedersachse. Quelle: tonwert21.de

Viele wollten nach Westen

Es war eine Wiedervereinigung im Mikrokosmos, einmalig in der Historie der Bundesrepublik. Rund ein Dutzend anderer ostdeutscher Gemeinden wollte nach der Wende ebenfalls westdeutsch werden, gelungen ist es nur dem Amt Neuhaus. Es war der einzige Wechsel eines Gebietes aus der ehemaligen DDR in ein Bundesland der alten Bundesrepublik – ein Experiment, das Bürgermeisterin Grit Richter heute als gelungen ansieht. „Die Gemeinde hat sich schön entwickelt, ohne Frage“, sagt sie und verweist auf neue Straßen, schmucke Sporthallen und Schulen sowie liebevoll restaurierte Kirchen. Viele Fördermittel seien in die Gemeinde geflossen, die 30 Kilometer lang und bis zu zehn Kilometer breit ist. Richter ist im vorpommerschen Pasewalk geboren, im mecklenburgischen Neubrandenburg aufgewachsen, nie in den Westen gezogen und sagt doch von sich: „Ich fühle mich als Niedersächsin.“

Am 25. Jahrestag der Rückgliederung wird in Neuhaus gefeiert. Ebeling wird dort reden. Der ehemalige niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski wird dort reden. Landrat, Innenminister und Bürgermeisterin Richter werden reden. Sie alle werden eine Erfolgsgeschichte erzählen. Mal mit mehr, mal mit weniger Pathos.

Nicht reden werden heute diejenigen, die auch nach 25 Jahren noch nicht angekommen sind im Landkreis Lüneburg. Sie haben ihre Version der Geschichte nur selten erzählt, sprechen auch heute nur ungern darüber. Doch wer die Menschen auf der Straße spontan nach der Rückgliederung fragt, der erlebt die Zerrissenheit einer Region, die weder in Niedersachsen noch in Mecklenburg-Vorpommern so richtig zu Hause ist.

Da ist die ältere Dame, die auf dem Wochenmarkt steht und sagt: „Wir sind nur die Steuerzahler für Lüneburg und weiter interessieren wir die nicht.“ Da ist die Freundin, die neben ihr steht und sich fühlt, „als wäre man abgeschnitten von der Umwelt. Wie auf einer Insel.“ Da ist der Rentner und CDU-Politiker, der voller Inbrunst bekennt: „Ich bin Lüneburger!“ Und da ist die Mutter einer 17 Jahre alten Tochter, die fast entschuldigend gesteht: „Mein Herz schlägt schon noch auf der östlichen Seite.“

Wer genau hinsieht, kann die zwei Gesichter der Region auch sehen. Vor dem niedersächsischen Hallenhaus wirbt ein Plakat für das nächste Volksfest im mecklenburgischen Hagenow. Neben der Plakette mit dem Niedersachsen-Ross an der Hauswand steckt im Briefkasten die Schweriner Volkszeitung. Und zum Anstoßen auf die Verbundenheit zu Lüneburg bestellt der Fußballstammtisch Lübzer-Pils aus Mecklenburg. Mehr als vier Jahrzehnte DDR wirken weiter – auch in Niedersachsen.

Ein Dorf macht rüber: Seit 25 Jahren gehört Neuhaus zu Niedersachsen. Quelle: tonwert21.de

Das betrifft neben dem Alltag auch den offiziellen Status der Region. So erinnert die Neuhauser Posteitzahl 19273 noch immer an die Zugehörigkeit zu Mecklenburg-Vorpommern. Ebenso die Telefon-Vorwahl 03 88 41. Auch für die Angestellten im öffentlichen Dienst gelten nach wie vor die Bedingungen des Tarifgebietes Ost, viele Kinder aus dem Amt gehen statt in Niederachsen in Mecklenburg-Vorpommern zur weiterführenden Schule. Und dann ist da noch die Brücke, die den Menschen vor 25 Jahren versprochen und bis heute nicht gebaut wurde.

Sie ist der wohl tiefste Stachel in den Beziehungen zwischen dem Amt und dem Rest des Landes. 2006 hatte die Politik den Bau zwischen Neu Darchau und Darchau bereits geplant und auf den Weg gebracht, doch eine Klage stoppte das Millionenprojekt vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Seitdem gab es viele Versprechen, Initiativen und Proteste, doch eine Lösung ist bis heute nicht in Sicht.

Wer aus dem Amt Neuhaus nach Lüneburg fahren will, muss eine von zwei Fähren nutzen und dafür zahlen. In Zukunft soll die Beförderung für die Menschen aus dem Amt zwar kostenlos sein. Doch auch ohne „Eintrittsgeld“, wie die Neuhauser sagen, bleibt es eine Anbindung zweiter Klasse. Fallen die Fähren aus, müssen sie über die Elbbrücken in Dömitz oder Lauenburg fahren. Ein Umweg von bis zu 70 Kilometern.

Die Bürger wurden nie gefragt

Die Rückgliederung 1993 war ein Staatsakt. Nach zähen Verhandlungen unterzeichneten die Innenminister aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern einen Vertrag – und das Amt wechselte von Ost nach West. Eine Bürgerbefragung hat es nie gegeben. Und bis heute weiß niemand genau, wie viele damals wirklich zurück wollten.

25 Jahre danach ist es den meisten wohl auch egal. Sie leben offiziell in Niedersachsen – mit oder ohne Herzblut. „Zurück nach Mecklenburg-Vorpommern“ – das fordert niemand. Zumindest nicht laut. Der Riss geht leise durch die Region. Noch. Denn der Jugend ist es egal, ob Ost oder West. Sie hat weder die DDR noch die Rückgliederung erlebt.

Von Anna Spockhoff und Iris Leithold

Bei einer heftigen Explosion in einem Bremer Wohnhaus sind am Donnerstagmorgen drei Personen ums Leben gekommen. Die Explosion zerstörte das Haus bis auf die Grundmauern –auch Nachbarhäuser sind beschädigt worden.

28.06.2018

Der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder besucht mit seiner neuen Ehefrau Soyeon Kim das letzte Gruppenspiel der deutschen Nationalelf gegen Südkorea in Russland.

27.06.2018

Es wird eng auf den Straßen im Norden: Mit dem Ferienbeginn sind viele Niedersachsen und Bremer in den Urlaub aufgebrochen. Das erhöhte Verkehrsaufkommen gepaart mit zahlreichen Baustellen sorgen für Staugefahr.

29.06.2018
Anzeige