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Der Norden Colnrade ist Vorbild für japanische Dörfer
Nachrichten Der Norden Colnrade ist Vorbild für japanische Dörfer
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21:21 19.01.2017
Dorf, Land, Fluss: Colnrade im Landkreis Oldenburg ist ein niedersächsisches Örtchen wie aus dem Bilderbuch. Quelle: Sophie Lindemann
Colnrade

Wahrscheinlich ist den über 800 Menschen aus Colnrade (Kreis Oldenburg) gar nicht bewusst, dass sie ein Vorbild für viele Japaner werden könnten. Immerhin ist an ihrer Gemeinde scheinbar wenig außergewöhnlich. Typisch niedersächsisch wird hier das Schützenfest gefeiert, die Menschen vom Fischereiverein angeln in der Hunte, und die Freiwillige Feuerwehr sammelt gelegentlich mit freiwilligen Helfern den Müll vom Straßenrand. Lediglich der Hökermarkt am Tag der Deutschen Einheit zieht jedes Jahr bis zu 20 000 Gäste in den Ort.

Besuch zum Schützenfest

Und dennoch bekam die ehrenamtliche Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann vergangenes Jahr gleich zweimal Besuch von einem Forschertrio aus Asien. „Das erste Mal kamen sie an einem Sonntag Anfang Mai, als hier gerade Schützenfest war“, erinnert sie sich. Ein weiteres Mal trafen die Wissenschaftler im September in Colnrade ein. Mit dabei waren Verwaltungswissenschaftler Masami Hagai, Philosoph Ken Nishi, Landschaftsarchitekt Kenjirou Yamada und zwei Übersetzerinnen. Sie schauten sich einen renaturierten Bach an, besichtigten das Dorfgemeinschaftshaus und verfolgten mit Spannung eine Sitzung des Gemeinderates.

Was unspektakulär klingt, könnte das Leben in Japan in den kommenden Jahrzehnten merklich beeinflussen. Denn die Forscher wollen die japanische Gesellschaft umkrempeln. Die Gemeinden überaltern, gibt Übersetzerin Tomoko Okamoto die Einschätzungen der Professoren aus Japan wieder. Es gebe immer weniger Geburten, und junge Menschen wanderten in Metropolen wie Tokyo oder Yokohama ab. Das Geld sei knapp, und Bürger hätten nur geringe Möglichkeiten, die Zukunft in ihrem Wohnort mitzugestalten. Dazu finde gerade ein Umdenken statt.

„In Japan schätzen immer mehr Menschen Gedanken wie ,Qualität ist wichtiger als Menge’ oder ,Geistiger Reichtum ist wichtiger als materieller Reichtum’ hoch ein“, sagen die Wissenschaftler. „Sie überlegen sich, wie man qualitativ besser arbeiten, Kinder erziehen und leben kann.“ Denn nur, wo Menschen ihren Lebensraum mitgestalten könnten, ließe sich „geistiger Reichtum“ erwerben. Um eine Lösung zu finden, untersuchten sie das Leben in vier Gemeinden: zwei in Japan, Lyons-la-Forêt in Frankreich - und eben Colnrade.

Dass die Wahl auf ihre Gemeinde fiel, sei kein Zufall, sagt Wilkens-Lindemann. „Wir sind schon ausgewählt worden, das haben die auch immer wieder gesagt.“ Die Forscher betonen, Colnrade sei sehr interessant, da es „ein schönes Dorf ist, wo öffentliche beziehungsweise traditionelle Regeln funktionieren und die Einwohner sich für die Verschönerung des Dorfes engagieren“. Eine heile Welt sei Colnrade allerdings nicht, sagt Wilkens-Lindemann mit Blick auf den beschlossenen Bau einer oberirdisch verlaufenden Höchstspannungsleitung durch ihr Gemeindegebiet.

Dennoch hatte sich bereits vor mehr als zehn Jahren ein japanischer Wissenschaftler namens Kimiaki Yamazaki für ihre Gemeinde interessiert. Yamazaki war damals an der Universität in Oldenburg eingesetzt, hatte den Kontakt aufgebaut und damit den Grundstein für die Forschung geschaffen. Vor Kurzem sei er nach schwerer Krankheit gestorben, erzählt die Bürgermeisterin.

Das Dorf

887 Menschen leben in den fünf Orten der Gemeinde Colnrade, die zur Samtgemeinde Harpstedt gehört. Das Gebiet erstreckt sich über 1845 Hektar und wird im Westen von der Hunte begrenzt.
Neben Ortsfeuerwehr und Schützenverein gibt es auch einen Fischereiverein und den Modellflugclub Kolibri. Beliebt ist das in einer ehemaligen Scheune eingerichtete Heuhotel.

Das größte Interesse hätten die Wissenschaftler an zwei Wendepunkten gezeigt, die Colnrade zuletzt maßgeblich verändert hätten. Der erste war die niedersächsische Gebietsreform Mitte der Siebzigerjahre, durch die Colnrade eine eigenständige Gemeinde als Teil der Samtgemeinde Harpstedt geworden ist. Auch die 1995 erlassene Richtlinie zur Dorferneuerung sei für die Forscher spannend gewesen, da durch sie in Colnrade drei Plätze gebaut wurden und eine Straße saniert werden konnte.

„In Japan gibt es überall, auch in den kleinen Dörfern, Getränkeautomaten, Reklameschilder und an den Straßen Leitplanken, Telegrafenmasten, die die Landschaft beeinträchtigen“, sagen die Forscher. In Colnrade hingegen seien „die Landschaft und die Natur gut geschützt“. Erstrebenswert sei die „Selbstverwaltung“ der Gemeinde von Wilkens-Lindemann.

Ideen zur Selbstverwaltung

Eine enge Beziehung zwischen Gemeinderäten, öffentlichen Verwaltungen und den Einwohnern gebe es in Japan nur selten. Die Wechselbeziehung zwischen Colnrade, der Samtgemeinde Harpstedt und dem Landkreis Oldenburg sei hingegen „vorbildlich“. „Bei jeder Gelegenheit tauschen alle Akteure ihre Meinungen aus und treffen entsprechende Vereinbarungen, was eine ideale Selbstverwaltungsform sein sollte“, urteilen die Forscher. Bei ihren Besuchen wollten sie herausfinden, welche „Akteure“ dieses Modell gelingen ließen.

Wie es sich an der Hunte leben lässt, erfuhren die Besucher eines Symposiums in Japan aus erster Hand: Mit ihrer Tochter Sophie reiste Bürgermeisterin Wilkens-Lindemann auf Einladung von Goethe-Institut und Innenministerium nach Tokio. Die Bürgermeisterin schilderte in einer 50-seitigen Bildschirmpräsentation, wie das Leben in ihrer Heimat abläuft. Am Folgetag beantwortete sie noch Fragen der Professoren. Besonders interessiert zeigten sich die Japaner offenbar am deutschen Vereinswesen. Was sich dahinter verberge, schien zumindest nicht vollständig klar zu sein. „Die haben immer das deutsche Wort dafür benutzt“, erzählt Tochter Sophie.

Wilkens-Lindemann schätzt, dass es in Zukunft noch weitere Besuche aus Japan in Colnrade geben wird. Was sie von der niedersächsischen Gemeinde gelernt haben, schreiben die Wissenschaftler nun in einem Buch zusammen. „Aber das werden wir wohl nicht lesen können“, sagt die Bürgermeisterin und lacht.

von Nils Oehlschläger

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