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Der Norden „Tiere befinden sich in unserer Obhut“
Nachrichten Der Norden „Tiere befinden sich in unserer Obhut“
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18:56 07.11.2018
„Das kostet ein Leben“: Der Mensch hat eine Verantwortung im Umgang mit Nutztieren, sagt Jörg Hartung – vor allem im Schlachthof. Quelle: Ingo Wagner/dpa
Hannover

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen ist ein Schlachthof in Niedersachsen wegen massiver Verstöße gegen das Tierschutzgesetz aufgefallen. Zufall? Grundsatzproblem? Fragen an Jörg Hartung, emeritierter Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Herr Prof. Hartung, Tierquälereivorwürfe erst gegen einen Schlachthof in Bad Iburg, nun gegen einen in Oldenburg – was läuft falsch in der Branche?

Das sind ja nur zwei Fälle in Niedersachsen. Wenn Sie die Lage bundesweit sehen, gibt es noch mehr, in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Württemberg. Man kann den Eindruck gewinnen , dass einige – ausdrücklich nicht alle – Schlachthöfe Probleme haben. Besonders die kleineren.

Warum gerade die kleinen?

Sie haben meist nicht die finanzielle Ausstattung, um in neue Technik zu investieren. Den Tierschutz sichern muss man aber auch unter schwierigen Bedingungen.

Warum häufen sich die Fälle?

Zum einen klagen viele Schlachthöfe über Personalnot. Zum zweiten ist es oft die tägliche Routine, die unaufmerksam werden lässt.

Was nicht gut ist, wenn es um Leben und Tod geht.

Das Schlachten ist der vom Menschen bestimmte Zeitpunkt des Lebensendes eines Nutztieres. Aber: Die Tiere befinden sich in unserer Obhut. Wir haben die Verantwortung. Deswegen muss es Strukturen geben, die sicherstellen, dass diese Verantwortung auch wahrgenommen wird. Die haben wir: Wir haben die Tierschutz-Schlachtverordnung, in der alles steht, was befolgt werden muss. Man muss sie nur umsetzen.

Wie aber lässt sich das gewährleisten?

Indem man vier Punkte bei den Veterinären, dem Schlachtpersonal und bei den Tierschutzbeauftragten der Schlachthöfe sicherstellt: Ausbildung, Fortbildung, Kompetenz und Durchsetzungsvermögen. Sie müssen fachlich können, was nötig ist, und sie müssen die vorgesetzten Behörden hinter sich wissen.

Die Bilder, die wir aus Bad Iburg und Oldenburg sehen, sind furchtbar. Würden wir aber nicht auch den ganz normalen Alltag im Schlachthof, ohne besondere Tierquälerei, furchtbar finden, wenn wir davon Videos sähen?

Die Gesellschaft hat sich stark gewandelt in den letzten Jahrzehnten. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es in Europa keinen Hunger mehr. Damit steigen die Ansprüche des Verbrauchers an die Ethik. Ich habe es als Junge noch erlebt, wie der Schlachter kam und der Sau vor den Kopf gehauen hat. Und wir waren alle froh darüber, weil es dann wieder was zu essen gab. Aber die Zeiten sind lange vorbei. Außerdem: Nur noch zwei Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig und kennen den Alltag mit Nutztieren. Da wirken die Bilder aus den Schlachthöfen noch mal stärker.

Müssen wir vielleicht einfach wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass drei Schnitzel nicht 3,99 Euro kosten, sondern das Leben eines Tieres?

Ja. Das kostet ein Leben. Und daraus erwächst unsere Verantwortung. Nach dem Tierschutzgesetz bedarf es eines vernünftigen Grundes, um ein Tier zu töten. Das ist das Essen. Aber die Vernunft darf man dabei eben nicht außer acht lassen. Wir werfen 30 Prozent unserer Lebensmittel weg.

Was können wir aus Ihrer Sicht besser machen als bisher? Brauchen wir mehr Veterinäre, die unangemeldet Schlachthöfe kontrollieren? Oder, wie es Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast vorschwebt, eine Videoüberwachung?

Viele Probleme auf dem Schlachthof könnte man schon dadurch vermeiden, dass Veterinäre die Tiere bereits bei der Verladung vor der Fahrt zum Schlachthof untersuchen. Dann sind die ganzen Fälle von angeblicher Transportschädigung schon mal vom Tisch. Moderne Digitalisierungstechnik ist natürlich gut, um Transparenz zu schaffen. Am besten wäre es aber, wenn man, wie in der Lebensmittelüberwachung, externe Kontrolleure hätte, die unabhängig sind. Sie müssen ja nicht jeden Tag kommen, aber die Schlachthöfe dürfen nicht wissen, wann sie kommen.

Was ist mit den freiberuflichen Veterinären, die, wie im Fall Bad Iburg, vom Landkreis mit Kontrollen beauftragt waren, aber offenbar weggeguckt haben?

Die sind oft zu nah dran. Ich kenne viele Veterinäre mit größtem Engagement, die sich geradezu zerreißen für die Tiere. Aber manche tun das eben nicht.

Was kann man noch tun?

Fachberatung. Nicht nur die Schlachthöfe kritisieren und sie bestrafen, sondern ihnen auch helfen, es besser zu machen. Gerade bei kleineren Betrieben. Denn wenn wir das nicht tun, droht das Aus für viele der kleineren Schlachthöfe. Und das wollen wir ja nicht. Wir wollen kurze Transportwege und regionale Produkte.

Wo würden Sie ansetzen?

Ein neuralgischer Punkt ist oft die Stelle, an der, um das Beispiel Rind zu nehmen, das Bolzenschussgerät zum Einsatz kommt. Der Bolzen soll weite Teile des Gehirns des Tieres zerstören, damit sofort die vollständige Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit einsetzt. Ich werbe schon seit Langem dafür, dass man das stärker automatisiert. Wir haben zwischen zwei und neun Prozent Fehlschüsse mit den Bolzen. Dann muss nachgeschossen werden. Ein Roboter kann das präziser, man könnte zusätzlich Dinge wie Laser einsetzen. Aber das kostet natürlich, und viele Betriebe investieren nicht so gern.

Begrüßen Sie, dass Tierschutzorganisationen heimlich Videos von Missständen drehen? Brauchen wird das?

Wir bräuchten das nicht, wenn alle ihre Verantwortung wahr nähmen.

Der Fleischverbrauch in Deutschland ist seit den Sechzigern ständig gestiegen, er liegt derzeit bei rund 60 Kilo pro Kopf, auch wenn er wieder leicht sinkt ...

Es ist einfach zu viel. Ich bin durchaus für Fleisch zu haben. Aber ich esse es nicht jeden Tag. Das ist auch nicht notwendig.

Prof. Jörg Hartung. Quelle: Moritz Frankenberg

Zur Person

Jörg Hartung, soeben 74 Jahre alt geworden, ist der ehemalige Direktor des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie (Verhaltensforschung) an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Er stammt aus Marienwerder in Westpreußen, wuchs in Thüringen und im Münsterland auf und hat in Berlin Veterinärmedizin studiert. Promotion und Habilitation folgten in Hannover. 1993 wurde er Professor und Institutsdirektor. Hartung ist Fachmann unter anderem für Tierschutz und Tiergesundheit bei Stallhaltung, Transport und Schlachtung; er hat auch selbst auf Schlachthöfen gearbeitet. Jörg Hartung berät bis heute Behörden und Institutionen in Tierschutzfragen, deutschland- und europaweit und in Übersee. Seit 2013 ist er im Ruhestand, aber immer noch an der Tierärztlichen Hochschule aktiv.

Von Bert Strebe

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