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Der Norden Warum wird eine Kaserne nach Tobias Lagenstein benannt?
Nachrichten Der Norden Warum wird eine Kaserne nach Tobias Lagenstein benannt?
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00:28 30.03.2018
Die Bundeswehr will moderner werden. Quelle: dpa-Zentralbild
Hannover

Der Tag, der für Tobias Lagenstein mit dem Tod enden wird, beginnt mit einer Trauerfeier. In den Morgenstunden des 28. Mai 2011 sind im Feldlager im afghanischen Kundus die Soldaten angetreten, um von Hauptmann Markus Matthes Abschied zu nehmen. Eine Sprengfalle hatte ihn aus dem Leben gerissen.

Was die trauernden Männer und Frauen in Uniform im Moment des Abschieds nicht ahnen: Schon wenige Stunden später wird es weitere Tote geben. Ein Sprengsatz wird auch Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein töten. Der Soldat, der nach diesem Auslandseinsatz seinen Dienst an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst in Hannover antreten soll, wird der erste Feldjäger der Bundeswehr sein, der im Einsatz fällt.

Eine Linderung des Schmerzes

Heute, knapp sieben Jahre später, soll die bisherige Emmich-Cambrai-Kaserne an der Kugelfangtrift in Vahrenwald – seit 2009 Standort der Schule für Feldjäger und Stabsdienst – nach Lagenstein benannt werden. Angehörige der Schule haben den Namen Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne selbst vorgeschlagen. „Tobias war ein lebenshungriger Mensch, mit ausgeprägtem Gemeinschaftssinn, immer motiviert, andere zu unterstützen“, sagt Oliver Liesmann, Vorsitzender des Ortsverbandes Bremen der Kameradschaft für Feldjäger e.V., der Lagenstein lange kannte. Für Angehörige, Freunde und Kameraden gehe die Benennung der Kaserne nach Tobias Lagenstein auch mit einer Linderung des Schmerzes über seinen Tod einher. „Tobias kommt nicht zurück. Aber es tut gut, dass der Name der Kaserne für immer an diesen vorbildlichen Menschen erinnern wird“, sagt Liesmann.

Er soll einen General schützen

In seinem letzten Einsatz übernahm der 31-jährige Lagenstein eine fordernde Aufgabe. Der Militärpolizist leitet das Personenschutzteam für den deutschen Kontingentführer am Hindukusch, Generalmajor Markus Kneip, Kommandeur der 1. Panzerdivision aus Hannover. In den Monaten zuvor sind so viele deutsche Soldaten gefallen wie nie zuvor. Der deutsche General gilt als besonders gefährdet, Ziel eines Anschlags zu werden. 

Elf Jahre zuvor, als 20-Jähriger, hatte Lagenstein sich entschieden, zur Bundeswehr zu gehen – erst zu den Fallschirmjägern, dann zu den Feldjägern. Auch ein engagierter Sportler war Lagenstein. Marcel Bragula denkt noch oft an ihn. „Wir haben jahrelang zusammen im Verein Fußball gespielt“, sagt der heutige Trainer der 1. Herrenmannschaft vom VfL Wittekind Wildeshausen (Kreis Oldenburg).

Für Lagenstein hieß es unter der Woche Bundeswehr, am Wochenende Fußball. „Er war voller Tatendrang und immer zuverlässig“, erinnert sich Bragula. Noch heute hängen im Vereinsheim Fotos, regelmäßig besucht Bragula das Grab des Gefallenen. „Es war eine schwere Zeit.“

Nach dem Tod des 31-Jährigen gedachten ihm die Spieler des VfL Wittekind Wildeshausen und liefen mit Trauerflor auf. Der Vereinsvorsitzende Wolfgang Sasse, selbst ehemaliger Berufssoldat, bezeichnet die Umbennung der Kaserne in Hannover nach Tobias Lagenstein eine „wunderbare Geste“.

Anspruchvollste Aufgabe

Bei den Feldjägern besteht Lagenstein die Ausbildung zum Personenschützer. Als einer von wenigen. Die Laufbahn gilt unter Militärpolizisten als vielleicht anspruchsvollste Aufgabe, die äußerste Disziplin und Belastbarkeit voraussetzt – und eine hohe Bereitschaft, das eigene Leben zu gefährden. „Tobias war sich über die Gefahren bewusst. Es war etwas ganz besonderes für ihn, für den Schutz von General Kneip verantwortlich zu sein“, sagt Weggefährte Liesmann

Nach der Trauerfeier am Vormittag soll Kneip das Feldlager für einen Termin mit dem nordafghanischen Polizeichef General Mohammed Daud Daud in der Stadt Taloquan verlassen. Die Personenschützer lassen sich in die Gefährdungslage einweisen. Haben die Nachrichtendienste Hinweise auf mögliche Risiken? Welche ist die sicherste Route zum Tagungsort, an welchen Punkten gibt es im Fall der Fälle Ausweichmöglichkeiten, an welchen nicht? 

Der Sprengsatz zündet, als die Teilnehmer der Sicherheitskonferenz das Gebäude in Taloquan wieder verlassen. Der Anschlag gilt Daud Daud. Er und vier weitere Afghanen kommen ums Leben. Kneip steht zum Zeitpunkt der Detonation im Schutze eines Betonpfeilers, überlebt schwer verletzt. Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein und Kneips Berater Major Thomas Tholi haben keine Chance, der tödlichen Gefahr zu entkommen.

Unter Soldaten trifft die Entscheidung, eine Kaserne nach einem gefallenen Kameraden zu benennen, auf breite Zustimmung. Viele fordern seit Jahren, die mit den Auslandseinsätzen verbundene Gefahr müsse von der Politik viel mutiger in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden – statt Einsatzrealitäten weitgehend zu verschweigen.

Aber es gibt auch Kritiker: Unter anderem im sicherheitspolitischen Blog „Augen geradeaus“ wird darüber diskutiert, ob allein die Tatsache, dass ein Soldat sein Leben verlor, Anlass für eine so herausragende Würdigung sein kann.

Verteidigungsministerin Ursula von Leyen hat entschieden, dass das im Falle des Tobias Lagenstein so ist. Sie wird die Umbenennung selbst vornehmen – auch gezielt vor dem Hintergrund eines neuen Traditionserlasses für die Truppe, den sie heute in Hannover vorstellen will. Der gibt vor, dass die Bundeswehr sich in Zukunft selbst zum Vorbild nimmt – insbesondere anstelle von Persönlichkeiten, die eine Verbindung zur Wehrmacht hatten. Das Einsatzgeschehen, das die Bundeswehr in den vergangenen Jahren geprägt hat, soll in den Mittelpunkt rücken.

Eine Kaserne nach einem Soldaten zu benennen, der dem Anspruch folgte, seinen Dienst Tag für Tag mit Hingabe konzentriert, kameradschaftlich und verantwortungsvoll zu erledigen, und sein junges Leben im Einsatz verlor, passt in diesen Kontext.

Die hannoversche Kaserne wird zum Sinnbild für die Bereitschaft aller deutschen Soldaten – unabhängig von Dienstgrad und Besoldung – den Tod im Dienst für die Bundesrepublik Deutschland tatsächlich in Kauf zu nehmen. Seit Beginn der Auslandseinsätze der Bundeswehr im Jahr 1992 haben 87 Soldaten diesen Preis gezahlt. 37 fielen durch Anschläge, 50 kamen durch Unfälle im Einsatzland ums Leben. 22 weitere Soldaten nahmen sich im Auslandseinsatz das Leben. 

Der Generaloberst Eduard Dietl hat sich lange gehalten. Erst 1995 musste er endgültig abtreten als Vorbild für junge Bundeswehrsoldaten. Vorbild, so muss man es wohl nennen, wenn ein Offizier dadurch geehrt wird, dass man eine Kaserne nach ihm benennt. Im bayerischen Füssen hat man als erstem Bundeswehrstandort erkannt, dass Männer wie der Generaloberst Dietl nicht mehr taugen als Namensgeber und damit Identitätsstifter.

Eng verquickt war der Gebirgsjäger mit der Zerschlagung der Münchner Räterepublik, mit Adolf Hitler, trug zur völkerrechtswidrigen Erschießung von Kriegsgefangenen bei. Trotzdem hieß die Füssener Gebirgsjägerkaserne ab 1964 Generaloberst-Dietl-Kaserne. Ihre Umbenennung – ganz schlicht in Allgäu-Kaserne – markierte 1995 den ersten Schritt zu einem neuen Bewusstsein.

In den 23 Jahren seither haben 16 Kasernen neue Namen erhalten. Meist, aber nicht immer, weil der alte Name mit einem Helden- und Weltbewusstsein verbunden war, das dem der modernen Bundesrepublik nicht entspricht. Meist strahlt der neue Name die Neutralität regionaler Bezüge aus (Hochstaufen-Kaserne, Pionier-Kaserne am Solling), manchmal aber setzt er bewusst neue Vorbilder.

Die unverfängliche Harz-Kaserne im sachsen-anhaltinischen Blankenburg etwa heißt seit 2016 Feldwebel-Anton-Schmid-Kaserne – und ehrt damit einen Wehrmachtsangehörigen, der im Winter 1941/42 Hunderten litauischen Juden das Leben gerettet hat. Schmid, der in Wilna eine Wehrmachtsstelle leitete, verschaffte ihnen neue Papiere – und beschäftigte 150 Juden aus dem Getto als Handwerker in seiner Wehrmachtsstelle. Am 13. April 1942 wurde er deshalb hingerichtet. Der Staat Israel ernannte ihn 1967 zum „Gerechten unter den Völkern“.

In Deutschland ist Schmid bis heute kaum bekannt – und bis heute sind längst nicht alle Kasernennamen mit fragwürdigem Bezug geändert. Bei acht Kasernen läuft derzeit der Abstimmungsprozess mit den Kommunen: für die Mudra-Kaserne in Köln (Bruno von Mudra war preußischer General im Ersten Weltkrieg, Verfechter der Dolchstoßlegende und eines neuen Waffengangs „zu endgültiger Abrechnung mit dem Erbfeinde“), die nach dem Wehrmacht-Kampfpiloten Hans-Joachim Marseille benannte Kaserne in Appen, die Feldwebel-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst, die Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne im mecklenburgischen Hagenow (wegen antisemitischer Äußerungen des Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung im 19. Jahrhundert), die Hindenburg-Kaserne, die Schulz-Lutz-Kaserne und die Peter-Bamm-Kaserne in Munster.

Offiziell nicht auf der Liste des Verteidigungsministeriums stehen die Kasernen, die nach dem Feldmarschall Erwin Rommel benannt sind. Zu heftig ist der Streit auch unter Historikern, ob der „Wüstenfuchs“ im Zweiten Weltkrieg nur Täter oder womöglich auch Opfer war.

Diskussionen gibt es auch um die Lent-Kaserne in Rotenburg. Dort hätten sich sowohl die Soldaten als auch der Stadtrat gegen eine Umbenennung ausgesprochen, erklärte Bürgermeister Andreas Weber (SPD). Eine Infotafel solle über den von der Wehrmacht gefeierten Weltkriegsflieger Helmut Lent (1918-1944) aufklären. Nun aber rechnet Weber in den nächsten Wochen mit einer Entscheidung des Verteidigungsministeriums zum weiteren Umgang mit dem Namen.

Von Vivien Marie Bettex und Peer Hellering

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