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Der Norden 35.000 Kilometer mit dem Motorrad unterwegs
Nachrichten Der Norden 35.000 Kilometer mit dem Motorrad unterwegs
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00:15 30.09.2016
Auf seiner Reise sieht Josef Lackhove beeindruckende Landschaften wie hier in Sibirien. Quelle: privat
Aerzen

Von einer Sekunde auf die nächste schien der Traum von Josef Lackhove geplatzt zu sein. Irgendwo in Kasachstan. Vielleicht war der 62-Jährige aus Aerzen (Kreis Hameln-Pyrmont) gedanklich schon bei seinem nächsten Etappenziel angekommen. Jedenfalls fuhr mit seinem Motorrad – einer BMW R 850 GS – „einfach zu schnell für die schlechte Strecke“. Plötzlich hörte er ein unangenehmes Knacken und musste beim Blick nach unten feststellen, dass der Rahmen seiner Maschine auf beiden Seiten gebrochen war. „In diesem Moment wurde mir bewusst, dass das Abenteuer jetzt erst richtig anfängt.“

Das Abenteuer, damit meint Lackhove eine Reise über die Seidenstraße. Sie führt ihn acht Monate lang über 35.000  Kilometer und durch 18 Länder. Kreuz und quer durch Mittel- und Ostasien – seit mittlerweile mehr als fünf Monaten. Bevor es losging, musste Lackhove zwei entscheidende Dinge klären: Den beruflichen Übergang in die passive Altersteilzeit und – nicht ganz unwichtig – das Einverständnis seiner Frau. Beides klappte. Für die „außergewöhnliche Toleranz“ ist der Motorradfan sehr dankbar: „Meine Frau wollte meinen Plänen nicht im Weg stehen, weil sie genau weiß, dass ich mir damit einen lang gehegten Lebenstraum erfülle.“

Gute Vorbereitung hilft an den Grenzen

Mehr als zwei Jahre lang hat sich Josef Lackhove auf seine Reise entlang der Seidenstraße vorbereitet. Dabei war ihm von Anfang an klar, dass er nicht alle Gefahren und Hindernisse „vom Schreibtisch aus“ planen konnte. Aber ohne den lästigen Papierkram ging es eben auch nicht. Und so musste Lackhove allein 18 Anträge stellen, um in die 18 Länder reisen zu dürfen, die eben auf seiner Route liegen. „Sonst machen einem die Grenzbeamten schnell einen Strich durch die Rechnung“, sagt er.

Sein Motorrad hat der Abenteurer mit hilfreichen Extras ausgerüstet. Schon die Hupe ist mit 135 Dezibel so laut wie die eines Trucks, um „mir Gehör zu verschaffen“, wie Lackhove sagt. Zudem hat er Satteltaschen angebaut, um Werkzeug zu verstauen, und ein Schafsfell für mehr Sitzkomfort auf holprigen Pisten. Außerdem war schon im Vorfeld Fachliteratur Pflicht: „Abenteuertouren mit dem Motorrad – richtig vorbereiten, erfolgreich durchführen“ war nur ein Buch, das der Globetrotter gelesen hat.

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Und der sollte nun also schon so plötzlich in Kasachstan enden? Nein. Lackhove hatte Glück. Zufällig kam ein Großvater mit seinem Enkel an der Unfallstelle vorbei. Die beiden halfen dem Aerzener aus der Patsche. Sie verluden das lädierte Motorrad auf einen Lastwagen und brachten es in eine etwa 120 Kilometer entfernte Werkstatt. Und nicht nur das: Drei Tage lang durfte der 62-Jährige bei der Familie wohnen und essen. „Sie wollten dafür kein Geld und haben mich aufgebaut, dass wir das mit dem Motorrad schon wieder hinbekommen.“ Und das gelang, auch wenn die Maschine „jetzt nicht mehr TÜV-fähig ist“, wie Lackhove resümiert. Beeindruckt war er aber ohnehin weniger von den technischen Fähigkeiten seiner Gastgeber als von deren Herzlichkeit. Die ließ selbst den abgehärteten Biker nicht kalt: „Beim Abschied standen mir die Tränen in den Augen.“

Es sind aber nicht nur dramatische Szenen, die Lackhoves Reise über die Seidenstraße prägen. Der Niedersachse weiß auch von wunderschönen Landschaften zu berichten. In der Mongolei begegnete ihm tagelang niemand außer einem Mann mit seinem Esel. Er sei Hunderte Kilometer durch die „unendlichen Weiten“ der Täler gefahren. „Dieser Anblick lässt einen alle Mühe und Quälerei der vergangenen Tage vergessen“, sagt Lackhove.

Seine Liebe für die orientalischen Länder hat sich bereits seit 1993 entwickelt. Damals war er mit einem Freund und seinem Sohn in der Türkei unterwegs. Getrieben vom immer wiederkehrenden Fernweh ist der Aerzener seitdem mehrfach durch die Länder entlang der Seidenstraße gereist – allerdings noch nie so lange und weit wie in diesem Jahr. Dieser Marathon – und die zeitweise Einsamkeit – bringen ihn an seine persönlichen Grenzen. Aber genau das wollte Lackhove ja: „Klar bin ich hier raus aus der heimischen Komfortzone“, berichtet er. Im Gegenzug stelle sich aber ein Gefühl bisher ungekannter Freiheit ein.

Obwohl er allein unterwegs ist, will der 62-Jährige seine Reise nicht als „Egotrip“ verstanden wissen. Deshalb hat er sich vorgenommen, seine Mission mit einem sozialen Projekt zu verknüpfen. Dabei stieß er auf das Hilfswerk Misereor, das sich unter anderem gegen Kinderarbeit in Indien einsetzt. Mit dem zum Teil schon im Vorfeld der Reise gesammelten Geld wird Kindern der Schulbesuch ermöglicht, die zuvor beispielsweise in Steinbrüchen schwere körperliche Arbeit leisten mussten. „Es ist mir eine Herzensangelegenheit, langfristig in den Ländern zu helfen, die ich bereise. Deshalb mache ich Marketing für die gute Sache“, betont Lackhove.

Auf seiner bislang letzten Station in der indischen 1,7-Millionen-Einwohner-Stadt Agra hat er die Initiatoren des Misereor-­Projektes besucht. Dort wurde der Gast aus Deutschland herzlich empfangen, die Einheimischen hielten sogar Fotos von ihm auf dem Motorrad hoch.

Enden soll das Abenteuer in einigen Wochen in Thailand. Dort trifft der Aerzener seine Frau wieder, und die beiden wollen vier Wochen gemeinsam Urlaub machen. Bis dahin wird Lackhove vermutlich noch einige Male an seine Grenzen kommen. Doch darauf ist er vorbereitet: „Ich habe gelernt, positiv zu denken und Hindernisse zu überwinden.“

Wie die Reise weitergeht, dokumentiert Lackhove unter www.seidenstrasse-2016.de

Gerko Naumann

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