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Niedersachsen versichern sich selten gegen Hochwasser

Gebäudeschutz Niedersachsen versichern sich selten gegen Hochwasser

Viele glauben, gegen Hochwasser keinen Gebäudeschutz zu bekommen. Ein Haus nahe einem Bach oder Fluss, der schon einmal über die Ufer getreten ist, werde nicht mehr versichert - so die Meinung. Doch das ist ein weiterverbreiteter Irrtum, sagen die Versicherer. 

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Nach dem Hochwasser in der vergangenen Woche war der historische Marktplatz von Goslar mit Schlamm bedeckt. 

Quelle: Stefan Rampfel/dpa

Hannover. „Versicherung?“ Der Mann winkt ab. „Kriege ich hier doch nicht.“ Worte, die man in den Flutgebieten im Kreis Hildesheim, Goslar und Wolfenbüttel oft hören konnte in der letzten Woche und die eine Überzeugung vieler Menschen ausdrücken: Ein Haus nahe einem Bach oder einem Fluss, der schon einmal über die Ufer getreten ist, werde nicht mehr versichert.

Doch das ist falsch, meint Christian Worms, Sprecher der VGH-Versicherung in Hannover: „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Häuser in Risikogebieten keine Versicherung bekommen.“

Niedersachsen unterversichert

Wie weit diese Einstellung verbreitet ist, zeigt sich an den Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV): Nur 18 Prozent aller Gebäude in Niedersachsen haben eine Elementarschadenversicherung, die gegen Folgen von Naturkatastrophen wie Starkregen, Hochwasser, Schnee oder Erdrutsche schützt.

Damit ist Niedersachsen deutlich unterversichert: Im Bundesschnitt haben 40 Prozent aller Gebäude eine Elementarschadensversicherung. In den Ländern, die ebenfalls am Harz liegen, liegt die Quote noch höher: Sachsen-Anhalt hat 42 Prozent, Thüringen 49 Prozent.

Geht es um Elementarversicherungen, spielt die Einschätzung der Risikogebiete eine große Rolle. Durch die Wasserwirtschaftsämter ist Deutschland adressengenau unterteilt - jedes einzelne Haus ist in eine der vier Risikoklassen eingeteilt. Mit 90 Prozent Anteil die weitaus größte Gruppe machen Gebäude aus, die statistisch weniger als alle 200 Jahre mit einer Überschwemmung rechnen müssen.

Nachgefragt bei...

Oliver Junk, Oberbürgermeister in Goslar

Herr Junk, die Landesregierung bietet den Kommunen 15 Millionen Euro Soforthilfe. Reicht das?
Immerhin ist eine wichtige Forderung von uns in Hannover angekommen, dafür bin ich dankbar. Aber ob es reicht, scheint fraglich. Denn die Schäden sind groß. Wenn ich daran denke, dass ich allein in der Goslarer Stadtforst für Wege und Brücken eine Million brauche und nur für Straßen, Brücken und Gehwege im Altstadtbereich Kosten von nochmals 2 Millionen Euro habe, dann könnte die Summe des Landes schnell verbraucht sein. Bei den hier skizzierten 3 Millionen für Goslar sind Gebäudeschäden am Zinnfigurenmuseum und an der Lohmühle noch gar nicht berücksichtigt.

Was ist mit den Hausbesitzern?
Die brauchen jetzt einen sofortigen Zuschuss, um agieren zu können. Denjenigen, bei denen der ganze Hausrat weg ist, helfen jetzt nur schnelle, direkte Zuschüsse und kein Nachweis über die ersetzte Waschmaschine, nachdem sie gekauft worden ist. In der Goslarer Altstadt sind eine Menge Bewohner zu Flutopfern geworden.

Was tut die Stadt Goslar?
Wir fahren den zerstörten Hausrat weg, stellen die Stromversorgung wieder her, richten auch zertrümmerte Mauern wieder her. Jetzt müssen wir handeln und nicht über Kostenstellen diskutieren. Das sollte auch mit der Hilfe des Landes geschehen. Sie muss schnell ankommen. Mittelfristig muss natürlich das Hochwasserschutzsystem überprüft, ein Frühwarnsystem entwickelt werden. Es nützt nichts, wenn jetzt jede Kommune an einem eigenen Hochwasserschutzsystem tüftelt. Da muss es einen gemeinsamen Ansatz geben – vom Land, den Harzwasserwerken, den Kommunen. Und da muss das Land investieren. Hochwasserschutz ist nicht nur an der Elbe wichtig, sondern auch bei uns im Harz. 

Interview: Michael B. Berger

Die Gefahrenklasse zwei, bei der alle 100 bis 200 Jahre mit einer Flut, und die Gefahrenklasse drei, bei der alle zehn bis 100 Jahre mit einer Flut gerechnet werden muss, machen weitere 9 Prozent aus. Ein einziges Prozent aller Gebäude wird in die höchste Gefahrenklasse vier eingeteilt, weil dort statistisch mindestens einmal in zehn Jahren mit Hochwasser gerechnet werden muss. In Niedersachsen sind es laut GDV 15 200 Adressen, das entspricht 0,6 Prozent aller Gebäude.

In den ersten drei Klassen sei es problemlos möglich, eine Elementarschadensversicherung zu bekommen, sagt Kathrin Jarosch, Sprecherin des GDV. In der Regel lägen die Beiträge für diese Klassen bei einem Einfamilienhaus unter 100 Euro pro Jahr. Komplizierter, aber nicht unmöglich werde es bei Gefahrenklasse vier: Dann komme in der Regel erst ein Sachverständiger der Versicherung, um sich das Haus anzusehen. Es könne sein, dass dieser Baumaßnahmen fordere oder eine höhere Eigenbeteiligung im Schadensfall festlege.

Im Harz ist das tatsächlich oftmals der Fall: Von der Flut Betroffene berichten von bis zu 5000 Euro Selbstbeteiligung. Und jedes einzelne Haus sei dann unter Umständen doch nicht zu versichern, so Jawosch: „Am Ende gibt es vielleicht eine Handvoll Häuser, bei denen es für beide Seiten keinen Sinn macht, eine Versicherung abzuschließen“ - etwa, weil der Wert des Hauses die Investition nicht lohnt.

Bundesländer machen Druck

Mit einer Kampagne und auch mit Druck wollen die Bundesländer erreichen, dass sich mehr Menschen eine Elementarschadensversicherung zulegen. Der Klimawandel mache das nötig, heißt es in einem Beschluss der Ministerpräsidenten vom 1. Juni dieses Jahres. Daneben will Niedersachsen aber noch weitere Maßnahmen ergreifen, um die Folgen des Klimawandels aufzufangen.

Derzeit werde eine Analyse erstellt, welche Hochwasser an Oker, Leine und Aller in Zukunft zu erwarten seien, sagte Umweltminister Stefan Wenzel. Auf dieser Basis solle überlegt werden, welche Maßnahmen man ergreifen müsse, um Orte besser zu schützen. Denkbar sei mehr Raum an Flüssen, um Hochwassern die Wucht zu nehmen. Und es brauche vielleicht einen Umbau der Kanalisation, um Regenmassen aufnehmen zu können. Das allerdings werde nicht billig, warnt Wenzel: „Die Kanalisation ist die teuerste Form der Infrastruktur, die wir haben.“

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