Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
"Planenschlitzer" plündern immer mehr LKW

Zahl der Diebstähle nimmt zu "Planenschlitzer" plündern immer mehr LKW

Werkzeuge, Computer, Baumaterial, Haushaltsgeräte: Die Zahl der Diebstähle aus abgestellten Lastwagen in Niedersachsen nimmt weiter zu. Nach Angaben des Landeskriminalamtes waren sogenannte Planenschlitzer im vergangenen Jahr rund 750 Mal aktiv. Dies ist eine Steigerung von sieben Prozent im Vergleich zu 2015.

Voriger Artikel
Rauchbombe: 24 Verletzte bei missglücktem Abi-Scherz
Nächster Artikel
Autos mit E-Motoren bekommen keine Taxi-Zulassung

2016 waren  Planenschlitzer in Niedersachsen rund 750 Mal aktiv.

Quelle: Ralf Hirschberger/dpa/Montage

Hedemünden. Werkzeuge, Computer, Baumaterial, Haushaltsgeräte: Die Zahl der Diebstähle aus abgestellten Lastwagen in Niedersachsen nimmt immer weiter zu. Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) waren sogenannte Planenschlitzer im vergangenen Jahr landesweit rund 750-mal aktiv. Dies sei eine Steigerung von 7 Prozent im Vergleich zu 2015, berichtet LKA-Experte Waldemar Lorenz. Und für 2017 lasse der bisherige Trend eine weitere Zunahme der Taten erwarten.

Zuletzt wurde an der A 7 bei Hedemünden, einem Ortsteil von Hann. Münden in Südniedersachsen, im großen Stil Bettwäsche von einem polnischen Lastwagen gestohlen. Die Planenschlitzer gehen nach einer Studie des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) fast immer nach demselben Schema vor.

Sogar Endoskope im Einsatz

Zunächst kundschaften sie Lastwagen auf Autobahnparkplätzen oder Autohöfen aus. Mit einem Kleinlaster, der bevorzugt eine seitliche Schiebetür hat, fahren sie dann an die abgestellten Wagen heran. Sie schneiden einen kleinen Schlitz in die Plane und begutachten die Fracht. Dabei werden nach Angaben des BAG neuerdings vermehrt auch Endoskope eingesetzt, wie sie zum Beispiel in der Medizin bei Operationen verwendet werden. Winkt lohnende Beute, wird der Schlitz erweitert. Blitzschnell wird dann das Diebesgut umgeladen und abtransportiert. Die Lastwagenfahrer bekommen nach Angaben des BAG von den Diebstählen häufig nichts mit. Die Täter kommen, wenn die Fahrer schlafen. Zudem ist der Lärmpegel auf Parkplätzen laut BAG recht hoch.

Bei ihren Beutezügen nehmen die Diebe nach Angaben des LKA Niedersachsen alles mit, was verwertbar erscheint: elektronische Geräte, Kosmetikartikel, Bekleidung, Spielzeug, Buntmetall und Nahrungsmittel. Sie stehlen aber auch Autoreifen und Waschmittel. Jüngst verschwanden an der A 2 nahe Hannover E-Bikes im Gesamtwert von rund 60 000 Euro. „Es gibt eigentlich kaum etwas, was nicht gestohlen wird“, sagte Lorenz.

Besonders häufig schlagen die Planenschlitzer auf Park- und Rastplätzen an der Nord-Süd-Autobahn A 7 und der West-Ost-Verbindung A 2 zu. Dort erbeuteten Unbekannte im Oktober vergangenen Jahres aus einem Lkw Parfümerie-Artikel im Wert von 250 000 Euro. Auf einem Parkplatz an der A 1 bei Buchholz verschwanden im November Zigaretten im Wert von 270 000 Euro.

Derartige Diebstähle sind nach der Studie des Bundesamtes für Güterverkehr vermutlich noch weitaus häufiger als von der Polizei erfasst. Das BAG geht von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele betroffene Transportunternehmen die Taten gar nicht anzeigten. Gründe seien zum Beispiel Zeitprobleme oder fehlender Versicherungsschutz.

Der von den Planenschlitzern angerichtete Schaden ist riesig. Das Landeskriminalamt nennt für Niedersachsen einen Betrag im „zweistelligen Millionenbereich“. Der bundesweite Schaden liegt laut BAG-Studie bei ungefähr 300 Millionen Euro pro Jahr. Nach den Erkenntnissen der Ermittler handelt es sich bei den Planenschlitzern zumeist um Mitglieder professioneller Banden. Der Verkauf der Beute sei gut organisiert. „Die gestohlenen Waren werden häufig über den Tätern bekannte Hehlerstrukturen abgesetzt“, sagt Lorenz. Man könne davon ausgehen, dass größere Komplettladungen auch auf Bestellung gestohlen werden.

Planenschlitzer aus Osteuropa

Zumindest die bisher ermittelten Täter stammen nach Erkenntnissen des LKA überwiegend aus Osteuropa. So hat die Polizei Ende 2016 bei Durchsuchungen in Hannover und Stendal (Sachsen-Anhalt) mehrere mutmaßliche Planenschlitzer aus der früheren Sowjetunion gefasst. Bei ihnen wurde Beute im Wert von mehr als 100 000 Euro sichergestellt. Anfang Mai wurden auf der Rastanlage Auetal an der A 2 nahe Rinteln zwei Täter erwischt, die in einem Fahrzeug mit weißrussischem Kennzeichen unterwegs waren.

Auch an der A 2 im Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt hat die Polizei wiederholt Erfolg im Kampf gegen die Planenschlitzer gehabt. So wurde im März am Rasthof Börde ein Täter auf frischer Tat gestellt, Ende Mai wurden auf demselben Rastplatz zwei weitere Männer festgenommen.

Gesicherte Parkplätze mit Zutrittskontrollsystemen könnten nach Einschätzung des LKA Niedersachsen dazu beitragen, die Zahl der Diebstähle aus Lastwagen einzudämmen. Auf jedem Fall sollten Fahrer ihren Lkw niemals unbeaufsichtigt stehen lassen, rät Lorenz. Und für Pausen sollten sie gut beleuchtete und möglichst bewachte Parkplätze aussuchen.     

Von Matthias Brunnert

„Täter sind gut informiert“

Wie können sich Lkw-Fahrer vor Planenschlitzern schützen?

Da gibt es kaum Schutz. Wir raten auch jedem, dass er nicht den Helden spielen soll, wenn er etwas bemerkt. Es gibt schnittfeste Planen, die aber sehr starr und schwer sind und daher in der täglichen Arbeit ein Hindernis sein können.

Hilft es, wenn man seinen Lkw in der Nähe einer Laterne parkt?

Lichtquellen sind hilfreich, keine Frage. Es wäre aber besser, wenn die Polizei häufiger Präsenz auf den Rasthöfen zeigen würde. Es macht einen großen Unterschied, wenn die Diebe wissen, dass jederzeit ein Streifenwagen um die Ecke biegen könnte. Die Banden sind in der Regel auch sehr gut organisiert.

Woran merken Sie das?

Zum Beispiel daran, dass es offenkundig kein Zufall ist, welcher Lkw ausgesucht wird. Die Diebe wissen in der Regel schon sehr genau, welche Firma welche Waren transportiert.

Gibt es Regionen, wo es häufiger zu Diebstählen kommt?

Es gab mal eine Zeit, da sind die Banden wie eine Heuschreckenplage von Norden nach Süden durch Niedersachsen gezogen. Die Diebesbanden sind flexibel und beweglich. Eine hundertprozentig sichere Region gibt es nicht.

Christian Richter, Geschäftsführer Güterverkehr beim
 Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen

Interview: Heiko Randermann    

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Mehr aus Der Norden