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Der Norden Sorgerechtsstreit endet für das Kind im Heim
Nachrichten Der Norden Sorgerechtsstreit endet für das Kind im Heim
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00:34 11.06.2018
Kämpft um das Sorgerecht für ihren Sohn: Helene aus Hamburg. Quelle: Miguel Ferraz
Hamburg

Sie redet ohne Punkt und Komma. Dabei ist sie nicht hektisch, im Gegenteil, sie ist ungeheuer präzise, sie verwischt nicht eine einzige Silbe. Aber sie kann nicht langsamer sprechen. Es ist, als würde sie zerspringen, wenn sie eine Pause macht. Wenn man sie unterbricht, hält sie für einen Moment die Luft an. Dann fährt sie dort fort, wo sie eben aufgehört hat.

Es ist ein Nachmittag in Hamburg, in einer Osteria am Stephansplatz. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Risotto, das allmählich kalt wird. Die Frau, die so viel und so schnell spricht, stochert ab und zu mit der Gabel am Rand herum. Sie kann nicht essen. Sie muss erzählen.

Die Frau nennt sich Helene. Sie heißt nicht so, aber das ist der Name, unter dem sie hier von ihrem Schicksal zu berichtet. Von ihrem Schicksal und dem ihres Sohnes Linos, der auch nicht Linos heißt.

Helene lebt in Hamburg, und Linos hat dort auch gewohnt, bei ihr, in den ersten elf Jahren seines Lebens. Jetzt wird er bald 14 und sitzt in einem Heim in dem kleinen niedersächsischen Ort Essen im Kreis Cloppenburg, drei Bahnstunden von seiner Mutter entfernt. Aber die Mutter durfte ihn zuletzt ohnehin nicht sehen, 15 Monate lang nicht. Das Hamburger Jugendamt hielt ein Besuchsverbot für angebracht. Das Amt hielt es auch für angebracht, Helene erst das Sorgerecht für ihren Sohn und den Sohn selbst wegzunehmen und ihn dem Vater zu übergeben, und als dieser Vater nach sechs Monaten entschied, das Kind ins Heim zu stecken, hielt es das Jugendamt immer noch für angebracht, das Sorgerecht beim Vater zu belassen. Wegen einer angeblich zu engen Bindung zwischen Mutter und Sohn.

Helene redet mehr als zwei Stunden am Stück. Dann nimmt sie die Gabel und pikst sie tief ins Risotto. Und zieht sie wieder raus und legt sie weg. Sie ist erschöpft. Aber jetzt ist alles draußen, jetzt liegt alles da auf dem Tisch, neben dem Teller, Angst und Enttäuschung, Verdächtigungen und Beurteilungen, Liebe und Zorn und Verzweiflung. Und man kann alles noch einmal durchgehen, Punkt für Punkt.

Das, was sie mit dem Vater von Linos verbindet, nennt Helene, Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter, den „Versuch einer Beziehung“. Sie ist damals Ende 20, er ist ein paar Jahre jünger als sie. Sie meint erst, Tiefe in seinem Wesen zu erkennen, später kann sie dort nur Leere ausmachen. Da ist sie aber schon schwanger. Seine Mutter spielt in seinem Leben eine große Rolle, Helene empfindet ihn bald als unselbstständig. Sie will das Kind haben, das in ihr heranwächst, aber sie will kein weiteres großes Kind obendrauf. Also entscheidet sie sich, die Beziehung zu Linos‘ Vater zu beenden.

Erst stabile Verhältnisse ...

Linos kommt im Oktober 2004 zur Welt. Und von Anfang an, berichtet Helene, habe ihr Ex-Freund sie beim Jugendamt angeschwärzt. Sie besitzt das alleinige Sorgerecht, er geht dagegen vor. Aber immer kommen die Fachleute, die sich Helene und ihren Sohn und dessen Entwicklung anschauen, zu dem Ergebnis, es sei alles gut. Ja, Linos ist ab und zu unkonzentriert und auch mal aggressiv, was niemanden wundert, der weiß, was Elternstreit mit Kindern macht. Aber insgesamt attestiert das Jugendamt Helene eine gute Erziehung und stabile Verhältnisse.

Bis die Sachbearbeiterin wechselt. Plötzlich hat Linos‘ Vater mit seinen Bemühungen, Helene beim Amt als labil und erziehungsunfähig darzustellen, Erfolg. Im März 2015 beginnt Helene eine Mutter-Kind-Kur in Bayern, vor allem zur Stabilisierung des Jungen. Sie verschiebt dafür einen psychologischen Untersuchungstermin mit Linos in Hamburg. Helene erzählt, das Jugendamt sei über die Kur informiert gewesen, das Amt habe sie auch empfohlen. Plötzlich aber will die Behörde davon nichts mehr wissen. Sie urteilt, Helene könne, weil sie mit Linos zur Kur gefahren sei, nicht mehr angemessen für sein seelisches Wohl sorgen. In einem Eilverfahren, noch während sie in der Klinik ist, wird ihr das Sorgerecht entzogen, das Kind wird abgeholt, ohne sie auch nur anzuhören, ohne Linos anzuhören.

Später wird die Entscheidung im Hauptverfahren bestätigt. Es gibt ein Gutachten, das die Sicht von Linos‘ Vater und des Jugendamtes stützt. Es gibt auch gegenteilige Einschätzungen, aber die finden keine Beachtung.

Helene betrachtet die Zinken der Gabel und zählt auf, dass da ein Vater das Sorgerecht bekommen hat, der das Kind gar nicht wollte: „Er hat versucht, die Frauenärztin zu einer Abtreibung zu überreden.“ Er habe auf den Jungen nicht aufpassen wollen, wenn Helene zu einem Elternabend musste, er habe auch schon mal die Weihnachtsgeschenke vergessen. Und ein halbes Jahr, nachdem er Linos zu sich geholt hat, hat dieser Vater ihn wieder vor die Tür gesetzt. Er kam mit ihm offenbar nicht klar. Er hat ihn nicht zurück zur Mutter gebracht. Sondern ins Heim.

So landet das Kind zunächst in einer Einrichtung in Dithmarschen, deren Leiter wegen Körperverletzung von Schutzbefohlenen verurteilt wurde. Dann verlegt man Linos nach Rendsburg. Er sagt, er fühle sich im Heim eingesperrt. Inzwischen wohnt er auf einem sogenannten „Kinderhof“ im oldenburgischen Essen.

... dann Kontaktverbot

Das Hamburger Jugendamt unterstützt die „Fremdunterbringung“. Weil das Kind nicht zum Vater möchte und nicht im Heim bleiben will, befindet die Behörde, es existiere eine schädliche Symbiose zwischen Mutter und Sohn.

Plötzlich ist Mutterliebe etwas Verwerfliches: Der Junge könne im Heim nicht „ankommen“, wenn sie ihn bei sich haben wolle. Sie solle ihm sagen, er habe es im Heim besser. Sie tut das nicht, und die angebliche Symbiose ist der Grund für das 15-monatige Kontaktverbot.

Im März 2018 darf Helene ihren Sohn zum ersten Mal wieder in Essen besuchen. Es ist aufwühlend, für beide. Sie hoffen auf die nächste Gerichtsentscheidung, die eine neue, freiere Umgangsregelung für Mutter und Sohn ermöglichen soll. Helenes Anwalt Rudolf von Bracken will endlich Linos‘ eigenem Willen Beachtung verschaffen: „Selbst ein Häftling hat mehr Rechte als dieses Kind.“ Der Termin vor dem Oberlandesgericht Oldenburg hat schon stattgefunden, aber das Urteil steht noch aus.

Das Hamburger Jugendamt, befragt, wie es zu seinen Einschätzungen komme, will sich nicht äußern. Linos‘ Vater, befragt, warum er sich verhält, wie er sich verhält, will sich auch nicht äußern. Alles, was er tue, sei nur im Interesse seines Sohnes, sagt er.

Man darf das bezweifeln. Am 17. April ist Linos in Vorbereitung des Gerichtstermins im Rahmen einer Anhörung gefragt worden, wie er sich fühlt und was er möchte. Bei den Beschreibungen seiner Lage im Heim kommt zehnmal das Wort „Scheiße“ vor. Er sagt klar und deutlich, dass er „bei Mama wohnen“ will. Sie solle auch das Sorgerecht haben. Zu seinem Verhältnis zum Vater hat der Protokollführer den Satz „Papa hätte er jetzt häufig genug gesehen“ notiert.

Helene wünscht sich, dass das Oldenburger Urteil sie weiterbringt in ihrem Bemühen, letztlich das Sorgerecht zurückzubekommen; der Antrag dazu soll im Juni verhandelt werden. Aber die letzten Jahre haben viel Bitterkeit in ihr entstehen lassen. „Ich war auch mal so naiv und habe gedacht, wir leben in einem Rechtsstaat“, sagt sie.

Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. Sie spielt mit der Gabel. Sie überlegt, ob sie sich das Risotto einpacken lässt.

Von Bert Strebe

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