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Der Norden Klinik Delmenhorst prüft jeden Todesfall jetzt freiwillig sehr genau
Nachrichten Der Norden Klinik Delmenhorst prüft jeden Todesfall jetzt freiwillig sehr genau
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06:00 10.11.2018
„Wir gucken vor allem, ob die angegebene Todesursache plausibel ist“: Prof. Michael Birkholz bei der Leichenschau im Josef-Krankenhaus Delmenhorst. Quelle: Gabriele Schulte
Delmenhorst

Klinik Delmenhorst, da denken viele zuerst an Niels Högel. Der Krankenpfleger soll mehr als 100 Menschen mit Medikamenten getötet haben, erst in Oldenburg und dann hier, im Josef-Krankenhaus, wo ihn eine Krankenschwester 2005 schließlich auf frischer Tat ertappte. 13 Jahre ist das her. Doch erst jetzt steht Högel, 2015 zunächst wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt, wegen der beispiellosen Todesserie vor Gericht.

Bis heute ist der Ruf der Klinik angeschlagen, in der über Jahre nicht auffiel, dass möglicherweise bis zu 64 Patienten Opfer des Todespflegers wurden – und in der einige damalige Mitarbeiter laut Staatsanwaltschaft sogar bewusst wegschauten. Wohl auch deshalb bemüht sich das Josef-Hospital Delmenhorst, das nach der Insolvenz der katholischen Trägerstiftung von der Stadt übernommen wurde, nach Kräften, dass so etwas nie wieder möglich ist.

„Delmenhorst ist in dieser Hinsicht heute ein Vorbild“, meint Prof. Michael Birkholz. Aufgabe des Rechtsmediziners ist der Blick auf die gerade Verstorbenen, die Leichname im „L-Raum“ im Untergeschoss des Krankenhauses. Unter dem Dröhnen des Kühlsystems streift der 68-Jährige einen grünen OP-Kittel und ein Paar Einmalhandschuhe über. Er schließt Kühlfach Nummer 3 auf, schiebt einen Rollwagen vor und zieht einen blassen Körper aus der Lade. „Herzversagen“ hat ein Oberarzt in die Akte des alten Mannes geschrieben. Birkholz soll mit einer sogenannten qualifizierten Leichenschau prüfen, ob auf der Station alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Der freiberuflich für die Klinik tätige Gutachter betrachtet den Leichnam von oben bis unten, dreht ihn nach drei Minuten um, guckt nun über die Rückseite. Äußerliche Auffälligkeiten kommen bei Toten im Krankenhaus selten vor. Würgemale etwa hat Birkholz dort noch an keiner Leiche entdeckt. Einstichstellen hingegen, die andernorts auf einen Giftmord hindeuten könnten, sind in einer Klinik normal.

Unabhängiger zweiter Blick

„Wir gucken vor allem, ob die angegebene Todesursache plausibel ist“, sagt Birkholz. Gründlich überprüft er einen ärztlichen Dokumentationsbogen, der zeigen soll, ob vielleicht ärztliche oder pflegerische Fehler dem Patienten geschadet haben. Wurden Medikamente verabreicht, die sich nicht vertrugen? Wurde eine Lungenentzündung vorher in einem Altenheim ignoriert und der Betroffene erst in letzter Minute in die Klinik gebracht? „Wichtig ist der unabhängige zweite Blick auf den Toten“, betont der Rechtsmediziner – so schnell wie möglich. Und durch einen Fachmann. Erweiterte Meldepflichten beim Verdacht auf eine Straftat bringen seiner Ansicht nach nur dann etwas, wenn ein geschultes Auge weiß, auf welche Unstimmigkeiten es zu achten hat. Das neue niedersächsische Bestattungsgesetz sehe gerade das leider nicht vor.

Angehörige wüssten die besonders gründliche Leichenschau zu schätzen, sagt Axel Schmidt – als Angestellter eines Delmenhorster Bestattungsunternehmens hat er gerade mit einem Kollegen einen schweren Eichensarg aus dem „L-Raum“ geholt. „Die Familien sind froh, dass da genauer hingeschaut wird.“ Das sei sogar in der Nachbarstadt Bremen so, wo eine der Todesfeststellung nachgelagerte Leichenschau seit gut einem Jahr verpflichtend ist und von den Angehörigen bezahlt werden muss. In Delmenhorst übernimmt die Klinik die Kosten von 120 Euro pro unabhängiger Leichenschau, pro Jahr kommen etwa 50 000 Euro zusammen.

Eine solche qualifizierte Leichenschau hatte auch in Niedersachsen der Sonderausschuss Patientensicherheit gefordert, den der Landtag infolge der Högel-Mordserie eingesetzt hatte. Krankenhausärzte sollten bloß den Tod des Patienten feststellen, heißt es im Abschlussbericht, und weiter: „In jedem Falle bedürfte es bei Sterbefällen in Krankenhäusern einer Übertragung der äußeren Leichenschau auf externe Ärztinnen und Ärzte.“ Doch Niedersachsen verzichtet auf diesen zweiten Blick.

50 000 Verdachtsfälle pro Jahr?

Das Delmenhorster Modell des Josef-Hospitals war bei der Anhörung zum Bestattungsgesetz außen vor geblieben, was unter anderem der Bund Deutscher Kriminalbeamter kritisiert. „Vorsätzliche und fahrlässige Tötungen in deutschen Krankenhäusern und Altenheimen werden in mehreren Studien mit mehr als 50 000 Fällen pro Jahr angegeben“, sagt der stellvertretende Landesvorsitzende Stephan Schriever. Die meisten davon beruhten auf Medikamentenfehldosierungen oder Kunstfehlern: „Mit einer klassischen Leichenschau erfasst man solche Fälle nicht.“ Bei der Überprüfung im Krematorium, wie sie vor Feuerbestattungen Pflicht ist, sei es längst zu spät.

Das Sozialministerium in Hannover verweist darauf, dass bisher keine offizielle Auswertung des Delmenhorster Modells vorliege. Eine Trennung von Todesfeststellung und Leichenschau sei zudem in einem Flächenland nicht sinnvoll durchführbar. Würde die anschließende Leichenschau von der Todesfeststellung entkoppelt, wäre zusätzliches ärztliches Personal gebunden, sagt ein Ministeriumssprecher: „Dieses Personal fehlt dann in der medizinischen Versorgung.“

Solche Argumente will man in Delmenhorst nicht gelten lassen. Bei den gerade per Gesetz eingeführten Stationsapothekern habe sich das Land von möglichen personellen Engpässen doch auch nicht abschrecken lassen, sagt Frank Starp, ärztlicher Direktor des Josef-Hospitals. „Keine Maßnahme reicht für sich allein“, ergänzt der Chefarzt. „Es geht darum, ein möglichst engmaschiges Sicherheitsnetz für die Patienten zu weben.“

Dazu gehört bereits vieles, was Niedersachsen nun im gerade verabschiedeten neuen Krankenhausgesetz vorschreibt: fachübergreifende Mortalitätskonferenzen mit einer Erörterung aller Todesfälle, sowie die Möglichkeit für Mitarbeiter, sich im Fall von Missständen anonym an eine Vertrauensperson in der Klinik zu wenden; hinzu kommen statistische Auswertungen von Arzneimittelverbrauch und Todesursachen.

Hinweise auf Straftaten habe es nach Niels Högel nie mehr gegeben. An diesem Nachmittag erwiesen sich die Todesumstände des Mannes aus Kühlfach Nummer 3 als völlig unauffällig.

Am 21. November wird der Prozess gegen Niels Högel fortgesetzt. Der ehemalige Krankenpfleger muss sich wegen Mordes an 100 Krankenhauspatienten in Oldenburg und Delmenhorst verantworten. Er soll sie mit Medikamenten zu Tode gespritzt haben – was Högel zu Prozessbeginn auch überraschend gestand. Das Landgericht Oldenburg weicht aus Platzgründen in die Weser-Ems-Halle aus.

Von Gabriele Schulte

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