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Der Norden Hat das Platt noch eine Zukunft?
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00:16 31.12.2016
Student Timo van Hülsen ist eine Art Botschafter des Niederdeutschen. Quelle: dpa/M
Aurich

Warum er Platt spricht? „Es ist ein Stück Heimat“, sagt Timo van Hülsen, 26-jähriger Lehramtsstudent aus Aurich. „Und es ist ein schönes Gefühl.“ Seine Großeltern hat er gebeten, nur noch auf Plattdeutsch mit ihm zu reden. Das hält ihn in Übung. „Ich bin schließlich Ostfriese“, sagt der angehende Lehrer für Mathe und Biologie. „Platt ist meine Muttersprache.“

Van Hülsen ist die Ausnahme. In der Regel interessieren sich junge Leute nicht mehr allzu sehr für die niederdeutsche Sprache. Das zeigt auch eine repräsentative Umfrage, die das Institut für Niederdeutsche Sprache (INS) in Bremen und das Institut Deutsche Sprache in Mannheim in diesem Jahr veröffentlicht haben. Auch van Hülsen hat diese Erfahrung schon gemacht: An der Universität in Oldenburg, an der er zwei Plattdeutsch-Kurse belegt hat, hätten die meisten seiner Kommilitonen andere Interessen - obwohl viele wie er aus Ostfriesland kämen.

Platt-Hochburg Niedersachsen

Aus der Umfrage wird auch deutlich: Plattdeutsch ist die Sprache der älteren Menschen vom Lande, besonders nahe der Küste. Ihr Bildungsgrad, so sagt es die Studie, sei meist nicht hoch. Aber: je besser die Kenntnisse im Plattdeutschen, desto größer die Verbundenheit mit der Heimat. Die Befragung hat auch ergeben, dass Niedersachsen spitze ist, was das Plattdeutsche angeht. Hier wird am meisten und am besten Platt gesprochen - vor allem in Ostfriesland.

Jungen Menschen bleibe der Charme des Plattdeutschen - ähnlich wie der Reiz von Skatabenden - meist verborgen, beklagt auch Adolf Peeck, erster Vorsitzender des Heimatvereins Wiedensahl im Schaumburger Land. Wiedensahl ist für seine sprachliche Kompetenz bekannt - immerhin hat Wilhelm Busch dort lange gelebt.

Sprache stirbt mit Dorfleben

Aber auch im Schaumburgischen gehe das Platt immer mehr zurück, und das liege am Aussterben des dörflichen Lebens, sagt Peeck. „Die Bauern sind bei uns fast vollständig verschwunden.“ Dutzende Höfe habe es einmal gegeben, nun seien noch zwei landwirtschaftliche Vollbetriebe übrig geblieben. „Früher spielte sich das Leben mitten im Dorf ab“, sagt der Vereinsvorsteher. „Da lief alles auf Platt.“ Maler, Tischler, Bauunternehmer - alle hätten Plattdeutsch gesprochen. Nun höre man überwiegend Hochdeutsch. Was also tun? „Man müsste mehr an den Schulen machen“, sagt Adolf Peeck. Er selbst habe die Sprache durch plattdeutsche Gedichte in der zweiten und dritten Klasse kennen- und schätzen gelernt.

23 „Plattdeutsche Schulen“ gibt es nach Angaben des Kultusministeriums in Niedersachsen. Den Titel dürfen jene Einrichtungen tragen, die sich besonders verdient machen um das Niederdeutsche. Vor allem in den Landkreisen Aurich und Leer gebe es dazu mehrere Kindertagesstätten mit zweisprachigen Konzepten, an denen die Kinder Platt- und Hochdeutsch verstehen und sprechen lernen. Eine davon leitet Maria Ganter. Es sei aber nicht so, dass Eltern ihre Sprösslinge speziell wegen des Plattdeutschen in der „Rappelkiste“ anmeldeten, sagt Ganter. Der Bedarf an Betreuungsplätzen sei generell groß, daher spiele das Sprachkonzept eine untergeordnete Rolle. „Aber dann finden die meisten das grundsätzlich gut.“

„Wat mutt, dat mutt“

Und wenn die Kinder später einmal in Norddeutschland arbeiten wollten, könne Platt bei der Jobsuche ein Türöffner sein - egal ob im Einzelhandel, in der Bank oder in Handwerksbetrieben. „Dann hat man gleich einen ganz anderen Zugang zum Kunden“, sagt Ganter. Sie wünscht sich, dass das Niederdeutsche noch mehr gefördert wird - auch um Vorurteilen entgegenzutreten. „Viele denken bei Plattdeutsch: ,Das sind die einfachen Leute vom Land‘“, sagt sie. Insgesamt habe man aber schon bewirkt, dass bei jungen Familien Plattdeutsch nicht mehr als eine einfache Sprache abgetan und dass sie wertiger aufgefasst werde.

Auch Lehramtsstudent Timo van Hülsen will später einmal Plattdeutsch unterrichten. „Ich würde das als Wahlpflichtkurs einführen wollen“, sagt er. „Es ist doch irgendwie witzig und lustig“, sagt er. Der Satz „Kiek maal weer rin“ etwa klinge doch deutlich charmanter als ein hölzernes „Schau doch mal wieder vorbei“. Auch gute Wünsche wie „Bleib gesund“ kämen deutlich besser an. „Holl die munter“, sagt man auf Platt. Selbst vulgäre Wörter verlören das Unangenehme. Und es mache deutlich mehr Spaß Platt zu lernen als etwa Latein.

Inzwischen ist van Hülsen selbst zu einer Art Botschafter des Niederdeutschen geworden. „Ich habe mir angewöhnt, mit Kindern im Vorschulalter nur Plattdeutsch zu sprechen“, sagt er. „Wat mutt, dat mutt“ scheint sein Motto zu sein.

Von Nils Oehlschläger

Wissenswertes 
über Platt

In einer repräsentativen Umfrage haben das Institut für Deutsche Sprache und das Institut für Niederdeutsche Sprache 1632 Menschen in den acht norddeutschen Bundesländern zur Plattdeutschen Sprache befragt. Ein Überblick über ein paar Erkenntnisse der Studie:

  • Etwa die Hälfte aller Niedersachsen (48,6 Prozent) gibt an, Platt gut oder sogar sehr gut verstehen zu können. Damit liegt das Land im norddeutschen Vergleich im Durchschnitt. Nur etwa 17 Prozent der Befragten allerdings können Plattdeutsch gut oder besser sprechen.
  • Männer und Frauen können Platt in etwa gleich gut verstehen. Etwas mehr Männer gaben an, die Sprache auf gutem Niveau sprechen zu können.
  • Je älter die Menschen sind, desto eher können sie Plattdeutsch verstechen und sprechen.
  • Platt wird eher in ländlichen Regionen sowie in Küstennähe gesprochen.
  • Je besser der Schulabschluss, desto schlechter ist die sprachliche Kompetenz beim Plattdeutschen.
  • Am häufigsten wird Plattdeutsch in der Familie erlernt und von den älteren Generationen weitergegeben.
  • Die meisten Befragten fühlen sich durch Plattdeutsch mit ihren Freunden, ihrer Familie oder ihrer Heimat verbunden.
  • Wer Plattdeutsch spricht, möchte sich auch dafür einsetzen, die Sprache zu fördern und zu erhalten.
  • In Niedersachsen wird der Umfrage zufolge am besten und am meisten Platt gesprochen, genauer sogar in Ostfriesland. Allerdings stammen knapp 38 Prozent der Befragten von dort. Das Land deckt nach Fläche und Einwohnerzahl auch den größten Teil des norddeutschen Raumes ab.
  • Insgesamt wird Hochdeutsch besser bewertet als Plattdeutsch: Die Sprachform sei schöner, logischer und systematischer. Plattdeutsch wird teils als „unsympathisch“, andererseits aber auch mit einem weichen Klang wahrgenommen.
  • Wer Plattdeutsch spricht, findet die Sprache schön.
  • 55 Prozent der Niedersachsen sehen Plattdeutsch als einen Dialekt an, 42 Prozent nennen das Niederdeutsche eine eigene Sprache, als die es heute auch gilt.
  • In Schulen und Kindergärten soll Plattdeutsch gelehrt werden, finden die Befragten.
  • Knapp die Hälfte der Niedersachsen würde ihr Kind in einen plattdeutschen Kindergarten schicken.     

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