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Der Norden Ein Spenderherz rettete diesem Mann das Leben
Nachrichten Der Norden Ein Spenderherz rettete diesem Mann das Leben
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00:29 04.06.2018
Peter Fricke aus Bockenem. Quelle: Privat/dpa
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Hannover

Der Spender ist anonym. Peter Fricke weiß nicht, ob sein Lebensretter bei einem Unfall starb oder an einem Hirnschlag. Seit 28 Jahren freut sich der ehemalige Bundeswehroffizier aus Bockenem (Kreis Hildesheim) an seinem transplantierten Herzen, es hat ihn nie im Stich gelassen. Er mache sich seine eigene, schöne Vorstellung von dem Verstorbenen und sei ihm unendlich dankbar, sagt der 63-Jährige: „Der Spender ist immer bei mir.“ Zum Tag der Organspende an diesem Sonnabend hat Fricke einen Wunsch, den er mit vielen Patienten, Politikern und Ärzten teilt: Die Tausende, die auf ein neues Organ hoffen, sollten nicht länger unnötig warten müssen.

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) und ihren Kollegen auf Bundesebene, Jens Spahn (CDU), einte am Freitag der besorgte Blick auf den erneuten Rückgang der Organspenderzahlen. In Niedersachsen sank die Zahl der postmortalen Organspenden nach Angaben des Ministeriums im vergangenen Jahr auf 209. Im Jahr zuvor hatte sie noch bei 265, zwei Jahre zuvor bei 218 gelegen. Knapp 10.000 Patienten stehen bundesweit auf den Wartelisten für eine Transplantation. Die meisten benötigen eine neue Niere, an zweiter Stelle stehen die Herzpatienten.

Spahn kündigte an, die Debatte in Gesellschaft und Parlament voranzutreiben, damit sich jeder zur Organspende erkläre. Nötig sei mehr Verbindlichkeit. Bisher muss in Deutschland niemand äußern, ob er Organspender sein will. Unter anderem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach regte wiederholt an, dem anderswo in Europa üblichen Modell zu folgen und eine Widerspruchsregelung einzuführen. Danach wird das Einverständnis zur Organspende vorausgesetzt, solange ihr nicht ausdrücklich widersprochen wird. Das halten auch Ärzte- und Patientenverbände für sinnvoll.

Es fehlen Spender

Denn noch immer fehlt es an Menschen, die ihre Bereitschaft zur Spende erklären. Niedersachsens Gesundheitsministerin wies darauf hin, dass aber inzwischen immerhin gut ein Drittel der Deutschen einen Organspendeausweis ausgefüllt habe, vor fünf Jahren sei es nur rund jeder Fünfte gewesen. Ein großes Problem liege in den Kliniken, wo längst nicht alle potenziellen Spenderorgane entnommen würden. Reimann rief dazu auf, die Organentnahme in den Krankenhäusern besser zu vergüten: „Das muss auf der Bundesebene umgesetzt werden.“ Wie Ärzte berichten, fehlt für die aufwändige Operation oft Zeit und Raum.

Doch auch Niedersachsen könnte manches verbessern, meint Sebastian Rojas von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Anders als etwa Hessen lasse das Land zu, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Transplantationsbeauftragten oft ehrenamtlich arbeiten, sagt der Funktionsoberarzt Herztransplantation. Das führe dazu, dass längst nicht jede Chance einer Organentnahme und damit der optimalen Behandlung schwerkranker Patienten genutzt werde. „Die Transplantation ist immer noch der Goldstandard“, meint Rojas – trotz der medizinischen Fortschritte etwa bei künstlichen Herzklappen oder bei den Pumpen, die außen am Körper den Herzschlag ersetzen.

Ein Organspendeausweis. Quelle: dpa

Die MHH gehört zu den größten Transplantationszentren Europas. In Niedersachsen sind Herztransplantationen ansonsten nur noch in Göttingen möglich, durchschnittlich fünf pro Jahr werden dort nach Angaben der Universitätsmedizin ausgeführt. Ein Skandal an der Uniklinik hatte 2012 bundesweit einen Vertrauensverlust und zeitweise einen dramatischen Rückgang der Spendenbereitschaft ausgelöst: Der Leiter der damaligen Abteilung Lebertransplantation manipulierte rechtswidrig die Reihenfolge von Patienten, die mit einem neuen Organ gerettet werden sollten. 2015 schloss Göttingen die Abteilung – „wegen zu geringer Fallzahlen“, wie der Unikliniksprecher sagt. Schon 2010 sei das Zentrum für Nierenverpflanzungen nach Hann. Münden verlagert worden.

123.263 Euro für eine Herztransplantation

Der niedersächsische Verband der Ersatzkassen hebt hervor, dass Organtransplantationen wo immer möglich und nötig bezahlt würden. „Am Geld scheitert es nicht“, sagt Sprecher Hanno Kummer. In Zukunft werde angesichts der älter werdenden Bevölkerung noch mehr Organersatz nötig werden. Die Kliniken könnten nach bundesweit festgelegten Pauschalen je nach Schwierigkeitsgrad abrechnen. So koste eine Nierenverpflanzung bis zu 28.455 Euro, eine Lebertransplantation bis zu 95.747 Euro, ein neues Herz bis zu 123.263 Euro.

Das Bild vom Motorradfahrer, dem nach einem Unfall Organe entnommen werden, stimmt nach Angaben des Bundesverbandes Organtransplantierter nur noch bedingt. „Sie tragen inzwischen sehr gute Helme, anfälliger für Kopfverletzungen sind Fahrradfahrer“, sagt Peter Fricke, der dem Verband vorsitzt. Der Mann mit dem zweiten Herzen ist kein Zyniker, der auf eine große Zahl von Hirntoten hofft. Er ist bloß dankbar, wenn lebensfähige Organe, die einen anderen Menschen retten könnten, nicht mit begraben werden.

Organspende: So funktioniert es mit dem Ausweis

Eine Organ- und Gewebespende ist möglich, wenn zwei Experten unabhängig voneinander sicher festgestellt haben, dass der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) eingetreten ist. Wer seinen persönlichen Willen zuvor in einem Organspendeausweis mit Unterschrift festhält, schafft Klarheit – und kann der Familie die große Belastung ersparen, innerhalb kurzer Zeit entscheiden zu müssen, ob die Organe gespendet werden dürfen.

Ausweise zum Selbstausfüllen lassen sich über die Internetseite www.organspende-info.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herunterladen oder bestellen. Das Mindestalter beträgt 16 Jahre, eine Grenze nach oben gibt es nicht. Krankenkassen verschicken das Formular ebenfalls. Es gibt die Kärtchen zudem in vielen Arztpraxen, Apotheken und bei Meldeämtern. Auf dem Spenderausweis gibt es außerdem die Option, die Entscheidung explizit den Angehörigen zu überlassen.

Alternativ kann die Spendebereitschaft in einer Patientenverfügung festgelegt werden. Im Testament dagegen nützt sie nichts. Wenn dieses eröffnet wird, ist es für eine Organentnahme zu spät.

Von Gabriele Schulte

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