Langsam geht dieser Winter, der nicht vergehen will, auch an die Nerven robusterer Gemüter. Schulleiter Hans-Jürgen Meyer zumindest würde seine Schützlinge gerne mal wieder auf dem Schulhof toben lassen. Seit Ende der Weihnachtsferien durften die Kinder der Vahrenwalder Grundschule Alemannstraße nur an einzelnen Tagen in der Pause nach draußen. Inzwischen überzieht ein dicker Eispanzer den annähernd 2000 Quadratmeter großen Hof. Und ähnlich sieht es an vielen anderen Schulen aus.
Den Kindern fehlen Bewegung und frische Luft, das beobachten auch die Lehrer. „Die Schüler sind unruhiger als sonst. Es fällt ihnen schwer, sich zu konzentrieren“, sagt Monika Dudeck-Possiel, Klassenlehrerin der 4b an der Alemannstraße. Auch der Lärmpegel in den Klassen sei höher als üblich, die Unruhe ist den Kindern anzumerken. „Die meisten von uns lieben Sport. Wir spielen draußen gerne Fangen. Deshalb ist es blöd, jetzt drinnen zu bleiben“, sagt die zehnjährige Ilayda. Die Viertklässlerin hatte gestern mit ihren Freunden aber noch eine gute Alternative gefunden: Die Kinder übten in der Pause mit viel Vergnügen Seilspringen im Flur. Doch die Lehrer lassen nur noch kleine Gruppen im Gang spielen. Als alle Grundschüler in den Pausen noch durch die Gänge laufen durften, kam es zu Streitereien, und beim Ballspielen ging das eine oder andere zu Bruch. „Wenn wir alle Kinder auf den Flur lassen würden, gäbe es Chaos“, sagt Monika Dudeck-Possiel.
In den Klassen, wo die Lehrer besser ein Auge auf ihre Schüler werfen können, gibt es allerdings nur wenig Platz zum Austoben. In der Klasse 4b ist Tauziehen aktuell die Lieblingsbeschäftigung der Schüler, bei der alle begeistert mitmachen. „Draußen kann man aber mehr unternehmen“, sagt der zehnjährige Can. Er würde gerne mal wieder Fußball- oder Fangenspielen. „Wir schlittern auch gerne auf dem Eis“, verrät Cans Mitschülerin Mine. Fast alle Kinder aus der Klasse sind inzwischen auch schon mal ausgerutscht, sei es an der Schule, auf dem Weg oder nachmittags beim Spielen. Manchen Eltern ist es deshalb ganz recht, wenn die Schulleiter vorsichtig sind. „Ich bin froh, wenn der Hof gesperrt ist, denn ich möchte mein Kind nicht aus dem Krankenhaus abholen müssen“, sagt Susanne Lüddecke, Mutter einer Erstklässlerin.
Vor einer Woche hatte sich ein Schüler trotz gesperrten Schulhofes auf dem Schulgelände einen Arm gebrochen. Vergangenen Freitag rutschte eine pädagogische Mitarbeiterin aus und erlitt einen Oberschenkelhalsbruch. „Es ist ein Unding, dass die Stadt den Hof nicht freiräumt“, sagt Lehrerin Dudeck-Possiel angesichts der Kollegin, die unter Schmerzen leidet und nun wohl für acht Wochen ausfällt. Es sei keine Lösung, die Kinder immer im Haus zu halten. Schulleiter Meyer ärgert sich, dass er von der Stadt nur Sand bekommt, der das Eis nicht einmal abstumpft. „Das Räumfahrzeug von aha, dass unsere Wege frei hält, könnte doch auch mal auf dem ganzen Hof Salz oder Granulat aufbringen und dann räumen.“ Der Hausmeister sei mit dem großen Hof überfordert.
An der Comeniusschule haben Eltern vergangenes Wochenende die Sache selbst in die Hand genommen. 40 Erwachsene hackten am Sonnabend und Sonntag den Hof weitgehend frei. Manchen Kindern gehen die Pausen im Klassenzimmer so sehr auf die Nerven, dass sie einen bunten Protestbrief mit Unterschriften in der Grundschule aufhängten. Ein Vater hatte Schulleitung und Stadtverwaltung vorher eine Woche lang mit Vorschlägen bombardiert, vom Anmieten eines Räumfahrzeugs bis zum Einkauf von Salz. Als die Eltern sich Freitagnachmittag zu ihrem spontanen Arbeitseinsatz entschieden, wollte der Hausmeister es aber nicht selbst verantworten, ihnen das Tor zu öffnen. Die Eltern kletterten schließlich über den Zaun, bearbeiteten die gefrorene Fläche mit Schaufeln und häuften die Eisschollen am Rand des Geländes auf.
Am Montag gab die Schulleitung den Hof dennoch nicht frei. Gestern besprachen Schulelternratsvorstand und Schulleiterin, dass die Klassen versetzt in den Pausen auf dem Hof toben dürfen und sonst in der Turnhalle und im eigenen Klassenzimmer spielen. „Die herumliegenden Eisbrocken sind ein Problem. Ich habe selbst beobachtet, dass die Kinder damit werfen oder Fußballspielen“, sagt Birgit Steckelberg, Schulelternratsvorsitzende der Grundschule. Wenn alle knapp 400 Schüler gleichzeitig draußen Pause machten, sei das nicht zu kontrollieren. Dass die Stadt nun die Restarbeiten übernimmt, wie manche Eltern fordern, unterstützt Steckelberg nicht. „Unsere Schule ist ja nicht die einzige. Und auch andere haben das Problem.“ Bei der Stadtverwaltung räumt man ein, diesen Winter kein Budget für die komplette Räumung aller Schulhöfe zu haben. Auch aha habe keine Kapazitäten mehr frei. So weit die Hausmeister Zeit hätten, könnten sie räumen. „Das ist aber sehr kräftezehrend“, sagt eine Sprecherin. Wege und Treppen hätten dabei Vorrang.
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