Die Ampel am ZOB hinterm Hauptbahnhof springt auf Grün, unsere kleine Rallye durch die City kann beginnen. Unterwegs sind wir in zwei identischen Opel Corsas, die uns der Verein Stadtmobil zur Verfügung gestellt hat. Die Route ist festgelegt: Beide Wagen fahren 5,8 Kilometer im Zickzackkurs durchs Zentrum. Der Unterschied: Einer muss versuchen, möglichst häufig auf 50 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen. Der andere darf maximal Tempo 30 auf dem Tacho haben, so wie es das geplante Citylimit der rot-grünen Ratsmehrheit vorschreiben soll. Wer wird als erster die Ziellinie an der Herschelstraße passieren? Die Stoppuhr läuft.
Im Auto mit Tempo 50: Gleich nach der Einfahrt in die Rundestraße muss ich hinter einem VW warten, der mit Warnblinkanlage am Straßenrand steht. Die vielen Fußgänger am Hinterausgang des Bahnhofs erlauben nur Schrittgeschwindigkeit. Dann ein kurzer Druck aufs Gaspedal – und schon komme ich an der roten Ampel Ecke Fernroder Straße wieder zum Stehen. Der blaue Testwagen des Kollegen kommt hinter mir angezuckelt – Gleichstand. Auch während der roten Ampel vorm Hauptbahnhof holt der Verfolger wieder auf. In der Joachimstraße steht ein Kanalspülfahrzeug der Stadtentwässerung – schon wieder kann ich nicht richtig Gas geben.
Im Auto mit Tempo 30: Ein bisschen Schadenfreude kommt schon auf. Der blaue Corsa vor mir kann Gas geben, so oft er will, an der nächsten Ampel hole ich ihn ja doch ein. Im Rundkurs hinter der Oper verliere ich meinen Widersacher erstmals aus den Augen. Kaum aber entfaltet sich die gerade Georgstraße vor mir, sehe ich ihn wieder. Da juckt es im Fuß: Gasgeben und Aufholen? Meine Aufpasserin vom Verein Stadtmobil ermahnt mich, das Tempolimit einzuhalten. Und es geht auch so. An der Ampel Baringstraße hat sich nur ein FedEx-Transporter zwischen uns geschoben.
Tempo-50-Auto: Immer diese Lieferfahrzeuge. Ein UPS-Transporter blockiert den Verkehr, ich muss bremsen. Am Ende der Baringstraße regelt wegen einer Lkw-Demo ein Polizist den Verkehr. Im Rückspiegel sehe ich den zweiten Testwagen. Mein Kopilot, unser Fotograf, schaut mich vielsagend an. Bislang kein Vorsprung durch Geschwindigkeit. Am Platz der Weltausstellung, wo die Osterstraße zur Karmarschstraße wird, gehe ich erneut vom Gas: Fußgänger erfordern Umsicht und Wachsamkeit. Sogar die CDU will hier eine Tempo-30-Zone einrichten. Am Landtag biege ich in die Leinstraße ein und durchfahre dann geradeaus die Burgstraße – natürlich mit Tempo 30, wie hier vorgeschrieben ist. Der Verfolger ist immer hinter mir.
Tempo-30-Auto: Burgstraße, Marstall – dieser Bereich ist ein Traum für Trödler. Hier darf und kann der Widersacher vor mir sowieso kein Gas geben. Ab Schmiedestraße braust er mir Richtung Steintor davon. Aber am Steintor zeigt die Ampel gewohnt lange rot – das reicht, um unsere Fahrzeuge wieder hintereinander zu bringen. Auf der Goethestraße ist es wie vorhin auf der Georgstraße: Man kommt sich ein bisschen blöd vor mit Tempo#30, aber schneller ist der andere doch nicht.
Tempo-50-Auto: Hinein ins Medienviertel westlich vom Steintor – aber die enge Escherstraße zwingt mich immer wieder zum Bremsen. Dann folgt bei der Einfahrt in die Lange Laube die große Überraschung: Lastwagen und Bagger blockieren die Straße komplett. Und prompt hält hinter mir ein blauer Corsa mit der Aufschrift „Stadtmobil“. Vier Minuten Stopp an der Baustelle, dann ist klar: Die Bauarbeiter werden die Straße wohl nicht räumen.
Tempo-30-Auto: Kurze Absprache zwischen den Corsas, dann heißt es: Wenden. Aber jetzt ist der, der eben noch hinten war, plötzlich vorne. Und an dieser Reihenfolge ändert sich bis zum Zielpunkt nichts mehr. Eine Gelegenheit zum Schnellfahren oder Überholen gibt es weder in der Kurt-Schumacher-Straße noch am Ernst-August-Platz oder in der Andreaestraße. Und auch das Streckenende, die Herschelstraße, ist in dieser Fahrtrichtung inzwischen einspurig. Der Corsa hinter mir drängelt, mir aber macht das Trödeln jetzt richtig Spaß – ich recke meinen Arm aus dem Fenster und lasse meiner Freude freien Lauf.
Tempo-50-Auto: Die Letzten werden die Ersten sein, steht bei Matthäus 20,16. Aber hat der Kollege im Auto vor mir gerade aus dem offenen Fenster den Mittelfinger gezeigt? Kann nicht sein, so was würde er nie tun. Trotzdem: Das Schnellfahren hat nichts genutzt. Zumindest bei diesem Test war der schnellere Wagen als Zweiter im Ziel. Unser Durchschnittstempo war übrigens 19 km/h. Wäre die Baustelle nicht gewesen, wären es rund 23 km/h gewesen. Verdammt langsam. Aber gebremst hat offenbar nicht das Tempolimit: Schuld sind die Ampeln.
von Rüdiger Meise (Tempo 50) und Conrad von Meding (Tempo 30)
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