Alle drei Gebäude gruppieren sich um den sogenannten Johanniskirchhof. An der Nordseite befindet sich die Immobilie des Traditions-Herrenausstatters Georg Erdmann. Sie gehört seit der Geschäftsaufgabe einer Düsseldorfer Firma. Im Erdgeschoss verkauft übergangsweise ein Taschenladen, eigentlich soll aber alles abgerissen und neu aufgebaut werden. An der Südwestseite ist der große Gebäudekörper von SinnLeffers (ehemals Quelle), der an einen Berliner Investor verkauft ist. Der wollte erst abreißen, befindet sich aktuell aber auch in Wartestellung. Das große Karstadt-Gebäude wiederum an der Südostseite ist von der Firma Sahle gekauft worden, Zukunft ungewiss. Zu dem Gebäudeblock um den Hof gehören sonst nur noch zwei weitere Immobilien, beide mit Eingängen zur Großen Packhofstraße: das ganz neu gebaute Schuhhaus Görtz und ein schmales Geschäftshaus mit zwei kleinen Läden, das einer hannoverschen Familie gehört. Nur diese beiden Häuser sind wirtschaftlich genutzt.
Die Konstellation derart vieler leer stehender Immobilien in einem Gebiet der Stadt, das ohnehin einen Magneten wie etwa ein großes Einkaufszentrum gut vertragen könnte, legt nahe, dass die Gebäudeeigentümer sich derzeit belauern. Entweder billig die anderen Immobilien kaufen oder das eigene Haus teuer verkaufen, das könnte die Strategie der Immobilienbesitzer sein. Denn die Zusammenlegung eröffnet Chancen. Mindestens das Karstadt- und das SinnLeffers-Haus könnten zusammen ein veritables Einkaufszentrum aufnehmen, das genug Kaufkraft anzieht, um rentabel zu wirtschaften. Der klassischen „Knochentheorie“ der Einkaufsbewegungen zufolge würden sich dann Kundenströme zwischen der starken Einkaufsregion am Bahnhof und dem neuen Magneten in der südlichen Innenstadt bewegen – mit dem neuen Kröpcke-Center in der Mitte gäbe es sogar noch eine weitere Attraktion.
So weit die Theorie – in der Praxis hat allerdings die Stadt ein Wörtchen mitzureden. Und in der Stadtspitze soll man der Errichtung eines weiteren Einkaufszentrums vom Stil der Ernst-August-Galerie skeptisch gegenüberstehen. Denn die Qualität der Einkaufsstadt Hannover lebt nicht so sehr von der Aneinanderreihung immer gleicher Filialketten, die es inzwischen auch in vielen Umlandgemeinden gibt, sondern in der Präsenz guten Fachhandels und inhabergeführter Fachgeschäfte. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Hannover ohne Geschäfte wie Weitz, Liebe, I.G. von der Linde, Gysi, Schuh Neumann, Wormland oder Horstmann+Sander und all die anderen die Einzigartigkeit als Einkaufsstadt verlieren würde. Je mehr Filialisten aber eröffnen, desto dünner wird die Luft für den unverwechselbaren Fachhandel, weil Kaufkraft abfließt. Solange die Investoren sich mit ihren Plänen für die Immobilien rund um den Johanniskirchhof im Rahmen der Bestandsgebäude bewegen, hat die Stadt kaum etwas mitzureden. Sobald aber abgerissen und neu gebaut werden soll, ist die Stadt als Genehmigungsbehörde vertreten. Offiziell äußert sich keiner, aber dem Vernehmen nach haben Investoren längst wegen einer großen Lösung angefragt – und sind abgeblitzt.
Handeln muss die Stadt trotzdem irgendwann. Zu lange darf der Leerstand im Bereich der südlichen Innenstadt nicht dauern, wenn das Risiko einer Verödung nicht eintreten soll.
SN-Online.de Anmeldung
