Hannover.
Frau Schröder-Köpf, haben Sie es sich – ganz ehrlich – so schwer vorgestellt, SPD-Kandidatin für ein Landtagsmandat zu werden?
Ja. Manche fragen mich, warum ich nicht in einem Wahlkreis angetreten bin, der frei wird. Ich habe mich entschieden, dort anzutreten, wo meine Familie und ich leben. Und das ist der Wahlkreis 24. Außerdem: Wenn man sich einer innerparteilichen Konkurrenzsituation stellt, schärft man bereits vor der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner seine eigenen Argumentationen. Auch für die bisherige Mandatsinhaberin ist es doch gut, wenn sie nach fast 20 Jahren im Landtag einmal überprüfen kann, wie sie in der innerparteilichen Bewertung dasteht.
Und: Was hat Gerhard Schröder dazu gesagt, dass Sie kandidieren?
Erst fand er es einfach nur gut. Jetzt merkt er die Folgen (lacht fröhlich). Nein, im Ernst: Wir sind gerade dabei, die Arbeiten zu Hause neu zu organisieren. Mein Mann übernimmt jetzt mehr Aufgaben, organisiert die Termine der Kinder mit, kümmert sich auch mal um Hausaufgaben und so weiter. Das ist schon eine Umstellung für jemanden, der in den vergangenen Jahren mehr international unterwegs war als in Deutschland.
Gestern zum Beispiel gab es ja Zeugnisse. Ist das problematisch?
Bei uns gibt es deswegen glücklicherweise keinen Stress. Aber ich weiß durchaus, was für Probleme ein Zeugnis in vielen Familien mit sich bringen kann. Ich engagiere mich seit vielen Jahren als Schirmherrin der Stiftung Kinder-, Jugend- und Elterntelefone, bei der „Nummer gegen Kummer“ – und an den Sorgentelefonen ist jetzt wirklich Großkampftag.
Sitzen Sie bei dem Projekt auch selbst am Telefon?
Nein, das dürfte ich gar nicht. Dazu ist eine Ausbildung von etwa 100 Stunden erforderlich. Es melden sich schließlich auch Kinder mit Suizidgedanken – da kann nicht jeder Laie einfach ran. Meine Aufgabe als Schirmherrin ist es auch nicht, persönlich Ratschläge zu geben, sondern Geld einzutreiben und die Notrufnummern immer wieder neuen Kindergenerationen bekannt zu machen.
Jetzt gibt es ja vielleicht bald ein neues Projekt für Sie – den Landtag. Wie ist es denn zu der Entscheidung zur Kandidatur gekommen? Gab es ein besonderes Erlebnis, oder war es eher ein Prozess?
Politische Erfahrung sammele ich schon seit fast 30 Jahren. Allerdings anfangs eben als Journalistin. Angefangen habe ich zunächst mit Gemeinderatssitzungen, danach folgten Landes- und Bundespolitik. Außerdem war ich in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv. In den Kanzlerjahren war eine eigenständige politische Aufgabe nicht denkbar: Da wären wir uns politisch und privat ins Gehege gekommen.
Aber die Kanzlerschaft Ihres Mannes ist ja schon etwas länger her ...
Zunächst haben wir noch ein Baby bekommen – das erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. Zur Landtagswahl vor fünf Jahren bin ich tatsächlich gefragt worden von Walter Meinhold, Wolfgang Jüttner und Heidi Merk – da ging es um ihren Wahlkreis, der frei wurde. Aber damals habe ich gesagt: Ich schaffe das nicht. Mit Kindern, die zweimal pro Nacht aufwachen, und einem Mann, der aus verständlichen Gründen nicht aufwacht. Aber die Lust, politisch etwas zu machen, die war immer da. Und jetzt habe ich mein Privatleben so organisiert, dass das möglich ist.
Wie gehen Sie denn mit dem Thema Promifaktor um? Ist das ein Vorteil?
Also bei der SPD ist das ganz bestimmt kein Vorteil, sondern eher eine Barriere, die es zu überwinden gilt.
Und Gerhard Schröder, ist der für Ihre Kandidatur eher eine Hypothek oder ein Pfund?
Beides. Er hat ja damals nicht ohne Grund Neuwahlen gewählt – die Agenda 2010 hat der Partei viele Probleme gemacht, sie viele Mitglieder gekostet. Die Folgen sind bis heute zu spüren – ich spüre sie auch. Allerdings gibt es für viele der Reformschritte weltweit Respekt, in Frankreich halten sie die Präsidentschaftsspitzenkandidaten beider Parteien für vorbildlich. Unbeabsichtigte Entwicklungen, die in einem solch großen Reformprojekt nie auszuschließen sind, das ja zumal Veränderungen im Bundesrat erfahren hatte, müssen jedoch korrigiert werden. Eine rot-grüne Mehrheit im Bundestag und eine rot-grüne Bundesregierung würden das tun. Wie ein früherer SPD-Vorsitzender mal sagte: Bei den Agenda-Maßnahmen handelt es sich ja schließlich nicht um die Zehn Gebote.
Warum zieht es Sie ausgerechnet in den Landtag? Warum nicht ins Kommunalparlament oder in den Bundestag?
Weil im Landesparlament die spannendsten Aufgaben für mein Themengebiet warten, finde ich. In den einzelnen Kommunen lassen sich viele Probleme nicht lösen, und der Bundestag ist mir etwas zu weit weg. Mein Thema ist der demografische Wandel und welche Folgen sich daraus ergeben. Es geht um Bildungspolitik, um Kinder und Senioren, um Teilhabe, eben um alles, was vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wichtig ist. Ich halte das Thema für Niedersachsen für entscheidend. Das Land hat die niedrigste Geburtenrate, die drittschlechteste Studentenquote und, wie ich gerade gelesen habe, die größte Abwanderung von Azubis. Wir müssen die Studiengebühren abschaffen – weil es ganz klar ein Hindernis ist. Und wir müssen das Betreuungsgeld verhindern, das zu Recht ja Fernhalteprämie genannt wird. Ich glaube nicht, dass Frau von der Leyen das gewollt hat, was da jetzt gerade passiert. Aber mit diesen Partnern in Berlin ist offenkundig einfach kein Staat mehr zu machen.
Wenn Sie Studiengebühren streichen und das Geld für Kinderbetreuung erhöhen, wie es die SPD-Forderung ist, dann fehlen Hunderte Millionen. Wie stehen Sie zu Steuererhöhungen?
Es gibt den Vorschlag der EU-Kommission, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen. Wohlgemerkt: Das ist nicht alleinige Vorstellung der SPD, sondern wird auf EU-Ebene erwogen. Das würde 57 Milliarden Euro bringen, und am Finanzplatz Deutschland würde überproportional viel davon eingenommen. Übrigens: Die Einführung des Betreuungsgeldes soll das Land 200 Millionen Euro kosten – und bei denen, die es wirklich nötig haben, kommt davon nichts an.
Wie stehen Sie zur Oberschule? Wollen Sie die wieder abschaffen?
Der demografische Wandel wird ganz neue Antworten erfordern. Es wird nicht mehr reichen, wenn die Politik neue Namen für Schulformen erfindet und über alte streitet. Wir werden zum Beispiel in einigen Landstrichen, wo die Bevölkerung schrumpft, wieder Zwergschulen bekommen. Wir werden lernen, noch mehr auf den Elternwillen zu hören. Wir brauchen bessere vorschulische Bildung, wir brauchen mehr und besser ausgebildete Studenten. Das muss das Ziel sein. Nicht die Frage, ob wir die Oberschule weiterhin benötigen. Jede Schule muss besser werden.
Was sagen Sie zur Quotendebatte?
Ich bin froh, dass inzwischen sogar CDU-Frauen die Notwendigkeit von Quoten erkennen. Das ist wie beim Atomausstieg: Bei den Konservativen dauert es immer etwas länger, bis die Neuerungen der Gesellschaft ankommen. Als ich damals am Bauzaun von Wackersdorf protestiert habe, hätte ich nie gedacht, dass eines Tages ein CSU-Ministerpräsident dem Atomausstieg zustimmt. So verändern sich die Themenschwerpunkte – und auch die Quoten werden irgendwann ganz normal sein.
Nächstes Thema: Was halten Sie von der Erhöhung des Spitzensteuersatzes?
Wir zahlen Spitzensteuersatz. Und es würde mich nicht schmerzen, wenn er erhöht würde. Natürlich müssen starke Schultern mehr tragen als schwache, und angesichts der Schuldenbremse muss man natürlich auch über die Einnahmeseite der Haushalte sprechen. Alles andere wäre unehrlich. Allerdings: Das beschließen nicht Länderparlamente.
Aber wer legt fest, ob man reich ist oder nicht?
Wir kennen diese Frage ganz gut. Uns hat niemand ein Häuschen hingestellt und dafür gezahlt. Wenn man sein Haus abbezahlt hat, dann ist man zu Recht stolz. Glauben Sie mir: Als alleinerziehende Mutter habe ich mich damals reich gefühlt, wenn ich trotz der Kosten für die Tagesmutter in den Urlaub fahren konnte oder die Tochter zum Ballett schicken konnte. Aber das sind natürlich andere Kategorien als die, über die wir beim Spitzensteuersatz reden.
Inzwischen sind Sie ja sogar Aufsichtsrätin bei Karstadt. Wollen Sie sich dort weiter engagieren, wenn Sie in den Landtag gewählt werden sollten?
Ich muss schauen, wie die Belastung wird. Grundsätzlich halte ich das nicht für unvereinbar. Aber zusätzlich zu Kindern und Wahlkreis im Aufsichtsrat eines Unternehmens zu arbeiten, das gerade aus der Insolvenz kommt, das ist schon viel Arbeit. Ich werde im Wahlkreis ein Büro einrichten, um für die Menschen einen Anlaufpunkt zu bieten, wo sie mich erreichen können. Ich will im Wahlkreis präsent sein – und das kostet sicherlich Zeit. Ich würde viele Termine wahrnehmen und wüsste ja auch nicht, in welche Ausschüsse ich komme. Ich kenne Politiker, die interessieren sich für Bildung und kommen dann in den Verkehrsausschuss – da muss man sich dann natürlich erst einarbeiten.
Fleiß – ist das eine Tugend, die Sie bei sich und anderen schätzen?
Ja, Fleiß und Genauigkeit.
Als Sie im Freizeitheim Döhren Ihre Aufwartung gemacht haben, da wirkten Sie relativ angespannt. Dabei sollte man doch meinen, dass Sie Blitzlichtgewitter gewohnt sind.
Ich war angespannt. Immerhin ist es seit der Wahl zur Schulsprecherin mein erster persönlicher Wahlkampf. Und ich habe höchsten Respekt vor der Basis. Aus gutem Grund: Man kann sich eigentlich gar nicht vorbereiten auf diese Befragungen. Glücklicherweise habe ich eine ganz gute Allgemeinbildung. Aber im Ortsverein Kleefeld-Heideviertel, da war die erste Frage nach der Versorgung mit Landärzten, und die nächste drehte sich um die Wirtschaftsförderung an der ostfriesischen Küste.
Und wie haben Sie sich bei der Küstenfrage aus der Affäre gezogen?
Glücklicherweise machen wir ja seit Jahren auf Borkum Urlaub. Da konnte ich etwas zum Ausbau der Windenergie in der Küstenregion sagen.
Wie gehen Sie denn damit um, wenn Sie Privates gefragt werden?
In meinem eigenen Ortsverein Döhren-Wülfel, da bin ich nach den Gerüchten gefragt worden, die alle paar Jahre wieder aufflammen. Ich habe dazu Stellung genommen. Privat lachen wir darüber, vor dem Ortsverein war das in Ordnung, dass da Fragen kamen.
Gibt es eigentlich jemanden, der Ihren Wahlkampf managt?
Ich habe kein Wahlkampfteam, wenn Sie das meinen. Wir sind schließlich erst beim Aufstellen der Kandidaten. Wenn ich Unterstützung in einzelnen Fragen brauche, dann wende ich mich an die Geschäftsstelle. Sicherlich bin ich strategisch ein bisschen im Hintertreffen. Sigrid Leuschner hat als langjährige Amtsinhaberin ein exzellentes Netzwerk, punktet bei vielen Älteren und hat die Jusos hinter sich. Aber das ist ja immer so, wenn man etwas Neues wagt. Man muss das sportlich sehen.
Wie ist das mit Oberbürgermeister Stephan Weil, dem SPD-Spitzenkandidaten zur Landtagswahl. Sagt der „Mach du erst mal die interne Wahl, dann sehen wir weiter“? Oder gibt es da schon Gespräche über die Zukunft?
Natürlich würde ich unserem Spitzenkandidaten Stephan Weil am Wahlabend gerne das Geschenk machen, dass der Wahlkreis, in dem er als Kirchröder ja selbst wohnt, von einer SPD-Kandidatin gewonnen wurde. Das war zuletzt 1998 der Fall, als Gerhard Schröder Spitzenkandidat und Zugpferd für eine absolute Mehrheit der SPD war.
Fühlen Sie sich wohl in Waldhausen?
Ich fühle mich hier ausgesprochen wohl. Das sehen Sie ja schon alleine daran, dass ich nirgendwo so lange gelebt habe wie in Hannover. Es war von Anfang an eine warmherzige Aufnahme in der Stadt. Natürlich drehen sich die Leute hier auch um, wenn meine Familie spazieren geht – aber das ist ganz normal.
Gibt es den Tourismus zu Ihrem Haus noch wie in der Plathnerstraße im Zooviertel, als häufig sogar Reisebusse vor Ihrem Privathaus vorbeigerollt sind?
Nein. In Waldhausen ist alles sehr ruhig. Eine kleine Anekdote vielleicht: Ich habe es in diesem Winter aus Zeitgründen nicht geschafft, einen beleuchteten Weihnachtsbaum im Vorgarten aufzustellen. Das ist meiner Familie gar nicht aufgefallen – aber den Spaziergängern.
Gibt es ein Thema, das Ihnen tagespolitisch besonders am Herzen liegt?
Ich mache mir Sorgen um den zunehmenden Rechtsradikalismus. Das ist auch in Hannover ein Thema. In der Sozialdemokratie hat dazu ohnehin jeder eine eindeutige Meinung. Aber es ist ein Thema, bei dem die gesamte Stadt klar Stellung beziehen muss. Übrigens nicht nur aus selbstverständlichen Gründen der Menschlichkeit – sondern auch aus Wirtschaftssicht. Was früher Rohstoffe waren, sind heute Talente. Wenn wir Anziehungskraft auf Talente ausüben wollen, wenn wir wollen, dass Studenten gerne hierbleiben und ausländische Spitzenkräfte gerne kommen, dann müssen wir ein Klima der Offenheit und Vielfalt schaffen. Das ist mir wichtig – dass die gesamte Stadt und die Region aufstehen gehen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus.
Die Fragen stellten Conrad von Medingund Thorsten Fuchs
Ein Interview mit Sigrid Leuschner gibt es am Montag in der HAZ.
