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Zoo

Eine Herde in Bewegung

Von Veronika Thomas

Nachwuchs bei den Elefanten: Farina und Khaing Hnin Hnin sind trächtig, doch für Bulle Nikolai und seine drei Söhne sind die Tage im Zoo Hannover gezählt.
Hannovers Weltrekordherde: Im Zoo kümmern sich die Kühe um die Kälber Soraya, Saphira, Felix, Dinkar und Nuka (vorn, von links).

Hannovers Weltrekordherde: Im Zoo kümmern sich die Kühe um die Kälber Soraya, Saphira, Felix, Dinkar und Nuka (vorn, von links).

© Surrey

Hannover. Wäre Nikolai ein Mensch, so könnte man denken: Er genießt die Ruhe in seinem Separee. Die bloße Anwesenheit seines Nachwuchses und einiger fescher Damen genügt ihm, um zufrieden zu sein. Familienidyll nach Elefantenart - ein Pascha auf Zeit: In den Herden der Dickhäuter herrscht Matriarchat. Die Kühe sagen, wo’s langgeht. Die Anwesenheit des 19-jährigen Bullen Nikolai im hannoverschen Zoo ist nur gefragt, wenn eine der sechs Kühe empfängnisbereit ist. Nikolai hat in den vergangenen Jahren in solchen Situationen immer gewissenhaft erledigt, was sich der Zoo von ihm erhoffte. Er ist Vater aller fünf Kälber Saphira, Felix, Dinkar, Soraya und Nuka, die 2010 zur Welt kamen - das war Weltrekord für einen Tierpark.

Jetzt sind wieder zwei Elefanten schwanger: Die 20-jährige Khaing Hnin Hnin erwartet ihr fünftes Kalb voraussichtlich im März 2013. Und die 2003 geborene Farina, Tochter von Khaing Hnin Hnin und Calvin, die bereits zum zweiten Mal Mutter wird, könnte bereits im Dezember niederkommen. Vater der beiden erwarteten Kälber ist erneut Nikolai. Doch ausgerechnet seine Tage im hannoverschen Zoo sind gezählt. „Wir halten schon Ausschau nach einem neuen Bullen, der die Kühe genauso überzeugen kann und sozial so kompetent ist wie Nikolai und zuvor schon dessen Vorgänger Calvin“, sagt Heiner Engel, zoologischer Direktor des hannoverschen Zoos. Das soll zwar nicht sofort passieren, die Planung sieht einen Zeitrahmen von eineinhalb bis zwei Jahren vor. „Die Gefahr ist einfach zu groß, dass Nikolai seine Töchter Soraya und Saphira irgendwann schwängern könnte“, merkt der Zootierarzt an.

Vorbei sind die Zeiten im Zoo Hannover, als Besucher zum Teil über Jahre und Jahrzehnte stets dieselben Tiere zu Gesicht bekamen - und mit ihnen gewissermaßen alt wurden. Heutzutage gibt es keine starren Gruppen, Herden und Rudel mehr. Angestrebt werden vielmehr dynamische Strukturen, es herrscht ein reger Austausch zwischen Zoos und Tiergärten. Pro Woche starten von Hannover aus durchschnittlich zwei bis vier Tiertransporte. Jüngstes Beispiel ist Eisbär Arktos, der aufgrund einer Entscheidung des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) kürzlich in den schottischen „Highland Wildlife Park“ nördlich von Edingburgh beordert wurde. Dort erwartet ihn nicht nur ein riesiges Gelände in den Highlands, sondern im nächsten Jahr auch eine Eisbärin.

Die Schotten können sich also schon einmal auf knuddeligen Nachwuchs freuen. „Wir haben uns natürlich gefragt, warum Arktos und nicht Nanuq oder Sprinter?“, sagt Engel etwas wehmütig. „Aber als moderner Zoo dürfen wir uns solche Fragen nicht stellen. Das wäre unprofessionell.“ Im Gegenzug besteht dafür die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft auch Hannover ein Eisbärenweibchen durch das EEP zugeteilt werden könnte. Wer sich mit ihm, wenn überhaupt, später einmal paaren darf, entscheidet ebenfalls der für Eisbären zuständige EEP-Koordinator - mithilfe computergestützter Programme, um Inzucht innerhalb der europäischen Population zu vermeiden und um einen optimalen Genpool aufrechtzuerhalten.

Für Hannover war es 2002 eine Sensation, als mit Califa und Farina im Zoo erstmals wieder Elefantennachwuchs zur Welt kam - nach 30-jähriger Pause. 2005 und 2008 wurden außerdem noch die beiden Bullen Tarak und Shanti geboren. Zwar konnte der hannoversche Zoo schon seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beachtliche Zuchterfolge bei den Elefanten vorweisen - am 20. März 1942 wurde hier das erste Kalb geboren - aber von einem modernen Zuchtmanagement war man doch meilenweit entfernt. Erst seit 2000 werden Elefanten europaweit regelmäßig und koordiniert gezüchtet. Seit 2004 gab es bei den in Europa gehaltenen Dickhäutern genauso viele Geburten wie Todesfälle. „Wir nennen das eine selbst erhaltende Population“, erläutert Engel, der auch Vorsitzender der Elefantenerhaltungskommission der EAZA ist, des Zusammenschlusses europäischer Zoos und Aquarien. Das heißt, der Erwerb von Wildfängen, wie noch bis in die siebziger Jahre hinein üblich, gehört längst der Vergangenheit an. Das gilt durchweg für alle Arten in europäischen Zoos.

„Seitdem ist enorm viel Bewegung auch in die hannoversche Elefantenherde gekommen. Die beiden älteren Elefanten Dunja und Jenny wurden 2009 an den Belfaster Zoo abgegeben - in eine Seniorengruppe für Elefantendamen. Ilona lebt inzwischen im Heidelberger Zoo. Der 2005 in Hannover geborene Tarak wurde ebenfalls nach Heidelberg in eine Junggesellengruppe abgegeben, genauso sein 2008 geborener Halbbruder Shanti, der jetzt ebenfalls einer solchen Gruppe bei Hagenbeck in Hamburg angehört.

„Durch die vielen Geburten haben wir wahnsinnig viel dazugelernt“, sagt der zoologische Leiter. „Heute können wir exakt bestimmen, wann ein Elefant empfängnisbereit ist, ob ein Tier tragend ist und warum trächtige Elefanten Schwierigkeiten bei der Geburt haben“, erzählt Engel. „Nämlich dann, wenn sie nicht trainiert werden.“ Deshalb gehört Schwangerschaftsgymnastik zum selbstverständlichen Trainingsprogramm von Farina und Khaing Hnin Hnin.

Inzwischen experimentiert das Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) auch in Hannover mit Sperma von Elefanten. Ziel ist unter anderem die künstliche Befruchtung von Elefanten in Zoos, für die eine Bullenhaltung nicht infrage kommt - etwa aus Kosten- oder Platzgründen. „Es ist nicht ungefährlich, einem Elefantenbullen Sperma zu entnehmen“, sagt Engel. „So etwas können nur sehr erfahrene Pfleger.“

Noch tollen Nuka, Felix und Dinkar, die drei 2010 geborenen und inzwischen kräftig gewachsenen Elefantenbullen, mit ihren beiden Schwestern Soraya und Saphira durchs Gehege. Für die meisten Besucher sind sie die Hauptattraktion des Tierparks. Aber nicht nur ihr Vater Nikolai muss den Zoo in absehbarer Zeit verlassen, um als Liebhaber in einer neuen Herde anzuheuern. Auch seine Söhne werden in den nächsten zwei, drei Jahren in andere Zoos übersiedeln, die Junggesellengruppen unterhalten. „Junge Bullen werden irgendwann sozial unverträglich“, erklärt Heiner Engel. Richtige Rüpel eben. Das sei auch in der Natur so. Von einem bestimmten Alter an verließen sie deshalb Mutter, Tanten und Schwestern, um sich mit anderen Junggesellen zusammenzuschließen. Doch bis dahin können die Besucher den Bullen zusehen, wie aus ihnen kleine Rüpel werden.

Koordinierte Zucht

Die Populationen von Tierarten in Zoos auch ohne den Erwerb von Wildfängen zu erhalten war das ursprüngliche Ziel des 1983 gegründeten Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP), einem zoo- und länderübergreifenden Projekt des Europäischen Zooverbands EAZA. Dort wird die Zucht inzwischen vor allem mit Blick darauf koordiniert, Inzucht zwischen verwandten Tieren zu vermeiden. Aktuell gibt es mehr als 170 EEP in mehr als 300 europäischen Zoos (einschließlich Israel), hauptsächlich für Tierarten, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind. Über jedes EEP wacht ein Koordinator mit einem Zuchtbuch, das alle in europäischen Zoos lebenden Individuen einer Art und Daten wie Alter und Abstammung sammelt. EEP-Koordinatoren können auch neue Gruppen zusammenstellen und den Austausch zwischen den Zoos organisieren.

Seit den neunziger Jahren werden nicht mehr ausschließlich Tiere für Zoos gezüchtet, sondern auch zum Erhalt der Arten, als Genpool oder Reserve für die Natur – und auch, um sie wieder auszuwildern. Auch der Seuchenschutz beim Erhalt besonders stark bedrohter Arten ist als Aufgabe hinzugekommen. Deshalb werden Exemplare besonders bedrohter Tierarten möglichst weit gestreut an andere Tierparks weitergegeben.

Neben den EEP gibt es für mehr als 140 Tierarten, die noch nicht akut von der Ausrottung bedroht sind, sogenannte Europäische Zuchtbücher (ESB). Der hannoversche Zoo koordiniert die EEP für die Addax- und die Pferdeantilopen, außerdem die ESB für die Zwergrüsseldikdiks und Hulmane, eine Langurenart. vt

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