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Streik im öffentlichen Dienst

Hannover steht still

Montag war der Tag des Warnstreiks der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di – eines Streiks, den Gewerkschaftschef Frank Bsirske gut dreieinhalb Stunden später auf der zentralen Kundgebung auf dem Opernplatz als „starkes Signal des Protests und des Unmuts“ der Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes nennen wird.
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Rückblick
Der Streik im öffentlichen Nahverkehr
legt die Stadt am Montag für
einige Zeit lahm – Autofahrer sind genervt.

Der Streik im öffentlichen Nahverkehr
legt die Stadt am Montag für
einige Zeit lahm – Autofahrer sind genervt.

© Michael Thomas

Am Montagmorgen, es ist kurz vor acht, steht ein Mann im Zweireiher und mit Aktentasche an der Hildesheimer Straße in Döhren und reckt dem Autoverkehr in Anhaltermanier den Daumen hin. Er tut das, weil an diesem Tag die Bahnen nicht fahren und die Busse auch nicht, weil Hannovers Taxen hoffnungslos ausgebucht sind und die Teilautos beinahe auch. Es ist der Tag des Warnstreiks der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di – eines Streiks, den Gewerkschaftschef Frank Bsirske gut dreieinhalb Stunden später auf der zentralen Kundgebung auf dem Opernplatz als „starkes Signal des Protests und des Unmuts“ der Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes nennen wird. Und der, trotz mancher Sympathien, den Hannoveranern ein hohes Maß an Geduld abverlangt.

Bodo Dippert nimmt die Sache gelassen. Dippert ist 63 Jahre alt, also kann er sich gut an den 1. Juni 1969 erinnern – jenen Tag, an dem die Üstra die Preise erhöhte und die Stadt damit gegen sich aufbrachte. Die Hannoveraner pfiffen auf den Nahverkehr und bildeten Fahrgemeinschaften, mit dem mittlerweile symbolträchtigen roten Punkt als Erkennungsmerkmal. Daran fühlt sich Dippert an diesem Morgen erinnert, als er um sechs Uhr aufsteht, um seinen Sohn und dessen Freunde zu kutschieren. „Und heute Nachmittag hole ich sie wieder ab“, sagt er.

Frühaufsteher wie Dippert kommen am Montagmorgen noch recht gut durch den hannoverschen Stadtverkehr. Bis kurz nach 7 Uhr brauchen Berufspendler auf den Schnellwegen kaum länger als an anderen Tagen, dann aber schlagen Streik und Zufall zu. Gegen 7.10 Uhr gerät auf dem Südschnellweg in Höhe der Ricklinger Kiesteiche ein VW Golf in Brand, der Abschnitt muss zeitweise in beiden Richtungen gesperrt werden, zwischen Hemmingen und der Schwanenburgkreuzung staut sich der Verkehr auf bis zu fünf Kilometern. Auch anderswo sind die Schnellwege und Haupteinfallstraßen bis kurz vor 10 Uhr voll, die Verkehrsmanagementzentrale registriert quasi einen eine Stunde längeren Berufsverkehr. „Dass die Üstra nicht fährt, ist deutlich spürbar, es sind definitiv mehr Autos unterwegs“, sagt Verkehrsplaner Thomas Läpple. Offenbar seien die meisten Pendler um die gleiche Uhrzeit losgefahren wie sonst auch. Dennis Tyschper braucht an diesem Tag von Seelze nach Hannover statt 20 Minuten anderthalb Stunden und konstatiert: „Das hätte ich nicht gedacht. Sogar die Bundesstraße 441 war voll.“

So geht es auch Autofahrern auf dem Innenstadtring, der Hildesheimer Straße, dem Friedrichswall, am Königsworther Platz, auf der Hamburger Allee und anderswo. „Ich bin total genervt“, sagt Kerstin Schulz. „Es sind zu viele betroffen, die nichts mit dem Streik zu tun haben, aber in die Schule oder zur Arbeit müssen.“ Bei der Polizei sieht man die Lage entspannter: Angesichts des Streiks seien die Verkehrsbehinderungen noch überschaubar, sagt Polizeisprecherin Martina Stern.

Während in den Taxizentralen die Telefone heißlaufen, freut sich der Verein Stadtmobil über regen Zuspruch für seine Leihwagen: „Wir sind ausgebucht“, sagt Sprecherin Judith Siano. Nahezu alle 108 Stadtmobile seien zwischen 9 und 17 Uhr unterwegs. Nur Torsten Bachmann hat Pech: Sein von Stadtmobil organisiertes Auto streikt, er und seine Freundin verlieren wertvolle Zeit. „Es ist schon auffallend, dass die Streiks immer Hannover so schwer treffen“, sagt er.

Andere haben sich trotz eisiger Temperaturen mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf den Weg gemacht – und sind oft schneller am Ziel als die motorisierten Kollegen.

Verkehrte Welt dagegen in einigen Städten in der Region Hannover. Dort fahren die Linienbusse pünktlich wie an jedem anderen Tag die Haltestellen an, allerdings warten dort kaum Fahrgäste. Es sind die Fahrzeuge der Subunternehmen, die im Auftrag der RegioBus Hannover GmbH unterwegs sind. Deren Fahrer dürfen an diesem Tag nicht streiken, weil sie nicht dem öffentlichen Dienst angehören. „Die Busse fahren in der Regel Stadtbahnhaltestellen an. Wenn dort aber keine Bahn fährt, macht es für die Leute auch keinen Sinn, den Bus bis dorthin zu benutzen“, sagte Tolga Otkun von RegioBus.

Diejenigen, die das alles verursacht haben, sitzen am Morgen in ihrem Streiklokal im Üstra-Betriebshof in Döhren. Ralf Mitschker ist 52 Jahre alt und Stadtbahnfahrer, und sauer ist er auch. Darüber, dass ihnen schon wieder Zulagen gestrichen werden sollen, und das bei dem Gehalt. Auf gut 2000 Euro brutto komme ein Stadtbahnfahrer zu Beginn seiner Karriere, inklusive Zulagen, versteht sich. „Weit kommt man da nicht, wenn man zwei Kinder hat“, sagt ein Kollege. Mitschker und seine Kollegen schimpfen auf den Vorstand und die Politik, sie sprechen von langen Nächten und Sonntagsdiensten und schlagen vor, Regionspräsident Hauke Jagau möge sich doch für eine Nacht auf den Bock einer Bahn setzen, mit den schwierigen Fahrgästen und dem ganzen Drumherum. Jagau ist als Behördenchef auch für die Üstra zuständig und findet die Verkehrsblockade „unerträglich“.

Die Stadtbahnchauffeure grüßen noch, dann steigen sie in ihre Autos. Sie wollen noch rechtzeitig zum Sternmarsch in der Innenstadt sein. „Aber das wird schwierig“, sagen sie und grinsen. „Weil die Bahnen ja nicht fahren.“

Sonja Fröhlich, 
Felix Harbart 
und Tobias Morchner


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