Hannover. Der Wind weht an diesem Mittwochmorgen aus östlicher Richtung über den Maschsee hinweg. Die Schornsteine des Lindener Heizkraftwerks stoßen weiße, fast flauschig anmutende Wolken in den klaren Himmel. Sie driften gen Westen ab. Wie schon in den vergangenen Tagen. Der Wind treibt sie vor sich her – und er trägt Kälte in die Stadt. Sibirische Kälte.
Das Thermometer zeigt zehn Grad unter null an. Von den Läufern, die sonst in den Morgenstunden ihre Runde um den See drehen, sind nur wenige unterwegs. Denen, die sich dennoch rausgewagt haben, treibt der Frost die Tränen in die Augen, rötet ihre Wangen, betäubt ihre Ohren- und Fingerspitzen. Ihre Schritte sind dennoch leicht, tragen sie das Rudolf-von-Bennigsen-Ufer entlang, vorbei an kahlen, grauen Bäumen. Die alten Stämme trotzen der Kälte, sammeln Kraft für den nächsten Frühling.
Die winterlichen Temperaturen konnten Karen Schäfer nicht abhalten. Sie hat sich von der Sonne locken lassen. Jetzt geht es in den Laufschuhen durch den Winter. Die Atmung macht ihr etwas zu schaffen, die kalte Luft piekst sich durch die Lunge. Trotzdem: „Es ist einfach herrlich“, sagt sie, streckt ihr Gesicht nach oben und gestattet den warmen Sonnenstrahlen, über die Haut zu wandern. Eine Streicheleinheit an diesem eisig kalten und so wunderschönen Morgen.
Straßensozialarbeiter suchen Obdachlose
Die Straßensozialarbeiter sind seit einigen Tagen auch spät abends noch in der Stadt unterwegs. Sie halten Ausschau nach obdachlosen Menschen, die trotz der Kälte keine feste Unterkunft beziehen wollen, nicht mal vorübergehend. Sie wollen „Platte machen“, auf der Straße leben. Hilfe lehnen sie ab, und wenn es auch das eigene Leben kosten könnte. „Es geht um eine Gruppe von etwa 20 Personen, die uns Sorgen bereitet“, sagt Gottfried Schöne von der Diakonie. Er ist Leiter der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten und arbeitet schon seit Jahren mit Obdachlosen. „Wer jetzt noch da draußen schläft, ist ein absoluter Einzelgänger“, sagt Schöne.
Aber es gebe eben Menschen, die die Nähe zum Hilfesystem von sich aus niemals suchen. „Dass sie sich so weit isolieren, dass sie selbst in dieser Situation nicht bereit sind, in eine Unterkunft zu gehen, ist schon eine Tragik, die mich beschäftigt“, sagt Schöne. Den Sozialarbeitern bleibt nichts anderes übrig, als die Entscheidung dieser Menschen zu akzeptieren und sie zu unterstützen – so gut das eben geht. „Wir geben ihnen Kleidung, wenn nötig einen Schlafsack, informieren sie über die Hilfsangebote in der Stadt“, sagt Schöne. Es gilt, den Kältetod zu verhindern.
Bereits im vergangenen Jahr stellte die Stadtverwaltung 25.000 Euro zur Verfügung, um die Winterhilfe für obdachlose Menschen zu intensivieren. Die Sozialarbeiter sind seit Oktober auf den Straßen der Stadt unterwegs, um Wohnungslose gezielt anzusprechen. „Wir haben die vergangenen Wochen genutzt, um Vertrauen aufzubauen“, sagt Schöne. Jetzt fallen die Temperaturen – und der Diakoniemitarbeiter hat den Eindruck, dass die Strategie aufgeht. „Wir haben einen sehr viel engeren Kontakt zu den betroffenen Menschen als im vergangenen Winter.“
Die Diakonie bittet die Bevölkerung um Unterstützung. Hinweise zu obdachlosen Menschen, die einen hilfsbedürftigen Eindruck machen, werden unter der Telefonnummer (05 11) 9 90 40 15 entgegengenommen. Auch Sachspenden wie warme Kleidung, Isomatten oder Schlafsäcke sind willkommen. „Es ist völlig in Ordnung, wenn die Gegenstände gebraucht sind“, sagt Schöne.
Babyöl für die Elefanten im Zoo
Hannoversche Elefanten haben es lieber warm, und da bleiben sie derzeit besser im geheizten Haus. Nur für eine Stunde am Tag öffnen die Tierpfleger im Zoo das Tor zum Außengehege, dann geht es mit zögerlichen Schritten in die Kälte. Die Dickhäuter sind ziemlich empfindlich, vor allem rund um die Augen und an den Füßen. Das einjährige Elefantenbaby Dinkar und seine Artgenossen bekommen nun eine Extraportion Pflege: Alle zwei Tage werden sie mit Babyöl eingerieben. Für ein richtiges Wohlgefühl sorgen die Minustemperaturen hingegen bei den sibirischen Tigern. Erst ab 30 Grad minus wird es auch für sie etwas ungemütlich.
Heizstrahler halten Markthändler warm
Das Marktgeschehen am Moltkeplatz in der List ist an diesem Mittwoch recht übersichtlich. Nicht nur viele Kunden sind wegen der eisigen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich zu Hause geblieben, auch ein Drittel der Händler hat offensichtlich auf einen frostigen Verkaufsvormittag verzichtet. Die beiden alten Herren aus dem Alten Land sind mitsamt ihren Tapetentischen und Obstkisten genauso daheimgeblieben wie der Händler mit den Nutzpflanzen aus biologischem Anbau. Diejenigen, die trotzdem da sind, haben sich gut vorbereitet. Claudia Oeser etwa vom gleichnamigen Blumenstand steht mit warmen Füßen in ihrem Wagen, davor schützen Plastikplanen Verkäuferin und Ware. „Ich habe zwei Heizlüfter und warme Schuhe, das reicht“, sagt die Chefin. Schon wegen ihrer Blumen muss der Verkaufsbereich eine gewisse Wärme haben. „Heute packe ich alles dreimal ein, sonst sind die Blumen schon nach zehn Minuten kaputt.“
Ursula Nowicki vom Bioland-Stand ist ebenfalls gut gewappnet für frostige Temperaturen. „Wir stehen zwar auf der Straße, aber zum Glück weht kein Wind“, sagt sie. Die eisige Luft würde dann nämlich durch das Vorzelt aus Plastik ziehen, „dann erst wird es wirklich unangenehm.“ Nowicki hat Heizstrahler am Boden für die Füße aufgestellt und weitere auf den Tresen – für die Ware. „Grünkohl kann schon mal die Kälte ab, aber der Salat sollten besser nicht in den Kisten festfrieren.“ Zu Hause zu bleiben kommt für die Marktbeschickerin nicht infrage. „Das geht schon wegen der Kunden nicht.“ Dass heute ohnehin weniger los ist, findet sie nicht schlimm. „Dafür sind ja auch weniger Händler da.“ An sämtlichen Marktständen sind an diesem Mittwochmorgen die Heizstrahler im Einsatz, wer keinen Verkaufswagen hat, ist lieber zu Hause geblieben. Denn heißer Kaffee hilft auch nur bedingt, und die jungen Männer vom Wurststand aus der Wedemark sind sich einig: „Heute Mittag sind wir spätestens durchgefroren – und morgen krank.“
Frost ist des Forstwirtschaftlers Freund
Minusgrade können die städtischen Forstwirtschaftler nicht von ihrer Arbeit abhalten. Bis zum 1. April muss die Holzernte erledigt sein; die Zeit ist knapp, es muss vorangehen. „Der Frost ist unser Freund“, sagt Vorarbeiter Steffen Ahlbrecht, der an diesem Mittwoch in der Eilenriede unweit der Petrikirche in Döhren seinen Dienst tut. Der Boden ist gefroren, das ist positiv, denn matschig wäre deutlich schlechter. „Letztes Jahr war eine Herausforderung. Diese Mengen an Schnee. Wochenlang. Das war schon ernster als nur ein bisschen kalt“, sagt Ahlbrecht. Er trägt dünne Handschuhe, Arbeitshose, Fleecejacke, mehr nicht. „Forstwirtschaft ist harte Arbeit. Da friert man nicht so schnell.“ Nur das Sägeblatt will pfleglich behandelt und gut gefeilt werden. Der Frost durchsetzt das Holz der Bäume, da hängt die Motorsäge schnell fest.
Es bleibt kalt in Hannover: In den kommenden Tagen sollen die Temperaturen weiter sinken. Für das Wochenende kündigen Meteorologen 13 Grad minus an, am Freitag könnte es auch schneien. Nach Angaben von Stadtsprecher Dennis Dix hat die Verwaltung das Eis auf dem Maschsee weiterhin im Blick. Erst seit Mittwoch ist die Eisdecke komplett geschlossen, nach Einschätzung der städtischen Experten trägt sie aber noch lange nicht. „Wir haben noch nicht mal angefangen, sie regelmäßig zu messen. Ein Maschseevergnügen wird es an diesem Wochenende definitiv nicht geben“, sagt Dix. Er verspricht aber: „Wenn es so weit ist, dass das Eis trägt, werden wir es sofort sagen.“ 13 Zentimeter Eisdicke gilt es zu erreichen.
Wie der Körper gut durch die Kälte kommt
Es ist kalt in der Stadt, und aus medizinischer Sicht stellt die beißende Kälte den menschlichen Organismus durchaus vor einige Herausforderungen. Der Körper ist nun vor allem mit einem beschäftigt: Die Körperkerntemperatur stabil zu halten. Kalt wird es deswegen zunächst an den Fingerspitzen und an den Ohren, die nämlich stecken das vergleichsweise gut weg.
„Von allzu großer körperlicher Betätigung in der Kälte raten wir ab. Vor allem, wenn Menschen diese Belastung nicht gewohnt sind“, sagt Olaf Krause, Oberarzt für Innere Medizin am Klinikum Nordstadt. Das gelte auch für Freizeitsportler. „Sie sollten ein bisschen runterfahren. Die kalte Luft drückt doch sehr auf die Atemwege“, sagt Krause. Wer richtig durchgefroren nach Hause kommt, sollte die heiße Dusche zunächst meiden. „Es ist wichtig, den Körper nur langsam wieder an die Wärme zu gewöhnen“, erklärt der Mediziner. Wenn durchgefrorene Gliedmaßen zu schnell aufwärmen, leiden die Gefäße und können Schäden nehmen.
Zu besonderer Achtsamkeit rät der Internist beim Thema Alkohol. „In der Kälte wird ordentlich Glühwein getrunken, auch mit Schuss, und dagegen ist zunächst auch nichts einzuwenden.“ Dass Alkohol einen wärmenden Effekt habe, sei aber ein Trugschluss. „Durch Alkoholkonsum werden die Gefäße erweitert, Hände und Ohren besser durchblutet“, erklärt Krause. In der Kälte sei das aber kontraproduktiv. „Der Körper will genau das Gegenteil erreichen – und die Körpertemperatur halten. Finger und Ohren sollen ruhig frieren.“ Im schlimmsten Fall kann zu viel Alkohol in der Kälte zu einer Unterkühlung führen und somit auch zum Tode.
Ein Experten-Interview zum Thema „Sport in der Kälte" gibt es im HAZ-Laufblog
Vivien-Marie Drews und Susanna Bauch
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