Hannover. Auf den ersten Blick kennt der Jubel keine Grenzen. Fast die Hälfte der Hannoveraner gibt der Stadt die Note "sehr gut", die andere Hälfte zumindest ein "gut". Damit ist der Anteil der Hochzufriedenen in den vergangenen drei Jahren um fünf Prozent gestiegen - Rekord. Doch das Ergebnis der jüngsten repräsentativen Erhebung zur Lebensqualität in Hannover, das Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) am Freitag präsentierte, zeigt auch Schattenseiten. Angefangen bei den vielen Baustellen, die die Hannoveraner ärgern, bis hin zu einem mangelnden Wohnungsangebot. "Künftig muss wieder mehr in den Wohnungsbau investiert werden", sagte Weil.
Seit 1969 bittet die Verwaltung alle zwei bis drei Jahre die Hannoveraner um ihre Meinung über das Leben in der Stadt. In den vergangenen Jahrzehnten bewegte sich die Zufriedenheit insgesamt auf einem hohen Niveau. "Für uns ist dies eine Form der Bürgerbeteiligung", sagt Weil. Denn die Stadtverwaltung ziehe immer auch Konsequenzen aus den Ergebnissen.
Die Stärken
Die Stärken ihrer Stadt sehen die Hannoveraner in der jüngsten Umfrage eindeutig in den vielen Parks und Grünanlagen, was wenig überrascht. Auch die Einkaufsmöglichkeiten bewerten die Bürger positiv, ebenso das Angebot an Spielplätzen. Besonders freut den Oberbürgermeister, dass die Zufriedenheit mit den Schulen wächst - immerhin um sechs Prozent im Vergleich zur Erhebung 2008. "Das ist sicher auch ein Ergebnis unseres Schulsanierungsprogramms", sagt Weil. Gleiches gilt für das Angebot an Kita-Plätzen in den Stadtteilen, das immerhin 53 Prozent der Hannoveraner für gut befinden, eine Zunahme um drei Prozentpunkte. Allerdings zeigt eine andere Statistik innerhalb der Studie, dass es bei Schulen und Kitas noch eine Menge zu tun gibt. 71 Prozent der Hannoveraner wünschen sich, dass mehr Geld in die Schulsanierung investiert wird, fast ebenso viele glauben, dass auch Kinder- und Jugendeinrichtungen höhere Zuschüsse vertragen können.
Die Probleme
Die größten Probleme ihrer Stadt sehen die Hannoveraner in den zahllosen Baustellen und im schlechten Zustand der Straßen. Hier ist die Unzufriedenheit in den vergangenen Jahren sogar noch um ein paar Prozentpunkte gestiegen. "Möglicherweise gründet sich diese Bewertung auf den harten Winter 2010/2011 und die kontrovers geführte Diskussion über den Winterdienst und den Zustand der Straßen", heißt es in der Studie. Ist die Kritik der Hannoveraner also nur eine Momentaufnahme zu einem ungünstigen Zeitpunkt? Zweifel an einer solchen Interpretation sind angebracht. An zweiter Stelle ihrer Probleme nennen die befragten Hannoveraner einzelne Personengruppen, etwa Bettler und Ausländer. Wie das zu interpretieren ist, wird nicht näher ausgeführt. An dritter Stelle rangieren die "fehlenden Mittel für soziale Zwecke". Auch Kriminalität und mangelnde Sicherheit werden noch immer zu den größten Problemen in Hannover gezählt. Das allerdings steht im Widerspruch zum gestiegenen Sicherheitsgefühl der Bürger in ihren Wohngegenden. Deutlich weniger Schwierigkeiten haben die Hannoveraner mittlerweile mit ihrer Innenstadt. Nur noch drei Prozent der Befragten sehen die City als Problemzone.
Die Widersprüche
Wie ambivalent die Bürger ihre City wahrnehmen, zeigt sich an einigen Widersprüchen innerhalb der Statistik. So werden die guten Einkaufsmöglichkeiten noch häufiger als Vorzug der City genannt als in der Erhebung vor drei Jahren. Gleichzeitig fahren die Hannoveraner nicht mehr nur zum Shoppen in die Innenstadt. Zwar ist "Einkaufen" immer noch der häufigste Anlass, die City aufzusuchen, doch mit sinkender Tendenz. "Das mag daran liegen, dass es in den Stadtteilen viel mehr hochwertige Geschäfte gibt als noch vor einigen Jahren", vermutet Weil. Überraschend ist auch, dass die Hannoveraner häufiger mit dem Auto in die City fahren, als noch 2008. "Das widerspricht eigentlich dem Ziel der Stadtpolitik", sagt Weil. Doch die neuen, günstigen Parkplatzangebote in der Ernst-August-Galerie scheinen immer mehr Autofahrer anzulocken.
Aus gegebenem Anlass - der Rat hat soeben ein millionenschweres Spar- und Konsolidierungspaket beschlossen - wurden die Bürger auch nach ihren Präferenzen in der Finanzpolitik gefragt. 53 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, keine Kürzungen bei den kommunalen Angeboten hinnehmen zu wollen, 65 Prozent stemmen sich aber auch gegen eine Steuererhöhung, die es aber nach dem Ratsbeschluss für eine höhere Grundsteuer geben wird. Danach gefragt, wo sie dennoch Einsparmöglichkeiten sehen, nennen viele das Stadtmarketing an erster Stelle. Gleich dahinter rangieren Kultureinrichtungen wie das Kommunale Kino, das Künstlerhaus, die städtischen Museen und die Herrenhäuser Gärten. Letzteres ist überraschend, zeigt doch eine andere Befragung, dass die Herrenhäuser Gärten zu den beliebtesten Veranstaltungsorten in der Stadt zählen.
Aber so ist das mit Umfragen: Es sind immer Momentaufnahmen.
SN-Online.de Anmeldung
