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200 kurze Meter

Modellversuch nach tödlichem Motorradunfall in Hannover

Von Felix Harbart

Der tödliche Unfall zwischen einem Motorradfahrer und einem 81-jährigen Fußgänger auf dem Friedrichswall in Hannover wirft Fragen auf. Hat ein Mensch überhaupt eine Chance, in einer solchen Situation zu reagieren? Ein Modellversuch soll Aufschluss geben – und das Ergebnis ist eindeutig: nein.
HAZ-Test zum Motorradunfall.

HAZ-Test zum Motorradunfall.

© Michael Thomas

Bis ins letzte Detail lässt sich der Unfallhergang vom Dienstagvormittag am Friedrichswall noch nicht nachvollziehen. Das, was bisher bekannt ist, dient uns im HAZ-Test als Arbeitshypothese, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich das Geschehen abgespielt haben könnte. Wie viel Zeit hatte der 81-jährige Fußgänger, um zu reagieren? Wie gut konnte der 44-jährige Motorradfahrer den Senior wahrnehmen? Was wäre passiert, wenn er eine Vollbremsung versucht hätte?

Das Gelände für unseren Laborversuch stellt freundlicherweise das ADAC-Fahrsicherheitszentrum zu Verfügung, als Proband dient ein erfahrener Motorradfahrer mit seiner knapp 80 PS starken BMW F 800 R. Zum Vergleich: Die Honda des Unfallfahrers verfügte über 105 Pferdestärken.

Nach Angaben der Polizei beträgt die Strecke zwischen der Ampel, an der das Rennen der beiden Kradfahrer begann, und dem Punkt, an dem der 81-Jährige stand, ziemlich genau 200 Meter. Also stecken wir einen 200 Meter langen Parcours mit Pylonen in jeweils 50 Metern Entfernung ab. Im Gegensatz zum Friedrichswall ist unsere Strecke vollkommen gerade, es gibt keine äußeren Einflüsse, die den Fahrer ablenken könnten. Am Ende der Strecke markiert ein Statist den Fußgänger.

Wir bitten unseren Testfahrer, die 200 Meter lange Strecke mehrfach aus dem Stand mit Vollgas zu absolvieren, allerdings nicht um jeden Preis. Unser Mann fährt die Strecke mehrfach, erreicht dabei bis zu 140 Kilometer in der Stunde. Für die 200 Meter braucht er zwischen sechs und acht Sekunden – knapp die Hälfte der Zeit benötigt er für die ersten 50 Meter nach dem Start. Das ist insofern von Bedeutung, als das Unfallopfer vom Friedrichswall die beiden Motorräder bei ihrem Start aufgrund der Biegung der Straße nicht sehen konnte. Nimmt man an, dass erst die letzten 150 Meter für ihn einsehbar waren, wären dem 81-Jährigen in unserem Testfall drei bis vier Sekunden geblieben, um zu reagieren – sofern er die beiden Motorräder sofort bemerkt hat.

Etwa eine Sekunde braucht ein Mensch nach Einschätzung von Professor Dietmar Otte, Verkehrsunfallforscher der Medizinischen Hochschule, um die Gefahr zu registrieren. Zwei bis drei Sekunden seien notwendig, um zu entscheiden, wie am besten zu reagieren ist. Anzunehmen ist, dass die Reaktionszeiten des Unfallopfers aufgrund seines Alters eher noch länger waren. Unser Proband versucht, darauf zu achten, ab welchem Punkt er den Statisten am Ende der Strecke wirklich wahrnimmt. Ergebnis: Natürlich sei der Mann prinzipiell aus 200 Metern zu erkennen – wenn man wisse, dass er da ist. „Aber wirklich wahrgenommen habe ich ihn vielleicht bei 100 Metern“, sagt der Fahrer. Dabei ist auf dem Testgelände nichts, was ihn ablenken könnte – anders als in der belebten Innenstadt. „Viele Fahrer blicken gerade bei solchen Geschwindigkeiten nur bis kurz vor ihr Vorderrad“, sagt unser Mann. Auch ihm fällt auf, dass die an sich reichlich breite Straße auf dem Testgelände bei mehr als 100 Kilometern in der Stunde „ganz schön schmal wird“. Dazu kommt, dass die beiden Fahrer sich bei ihrem Privatrennen gegenseitig beäugt haben und so abgelenkt gewesen sein dürften.

Laut Polizeibericht hat der Fahrer den Mann touchiert, dann versucht, die Maschine zu stabilisieren. Das könnte dafür sprechen, dass der 44-Jährige keine Vollbremsung versucht hat – aus gutem Grund. Die Honda älteren Baujahrs verfügt vermutlich nicht über ein Antiblockiersystem (ABS). „Ohne ABS wäre er bei der Geschwindigkeit unweigerlich weggerutscht, das Vorderrad hätte blockiert“, sagt unser Fahrer.

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