Zahlreiche Schaulustige – neudeutsch Plane-Spotter – sind nach Langenhagen gekommen, um die Landung des größten Passagierflugzeugs der Welt zu fotografieren.
Karl Schilling ist ein Spotter, auch wenn er das nicht weiß. Herr Schilling kommt aus Wedemark-Bissendorf, er ist 73 Jahre alt, und wenn auf Hannovers Flughafen irgendein besonderes Flugzeug landet, sitzt er mit Fotoapparat und Videokamera in Evershorst im Feld unter der Nordbahn. Das hat er schon so gemacht, als er noch ein kleiner Junge war, mit seinem Vater. Und deswegen ist er nach neudeutscher Lesart eben ein Spotter, was zu deutsch einfach Beobachter heißt. „Wie heißt das?“, fragt Schilling und tippt sich an die Schirmmütze. „Hab ich noch nie gehört.“
Etwa 10.000 Schaulustige treiben sich an diesem traumhaften Donnerstagmorgen nach Angaben der Bundespolizei rund um den Flughafen und auf dessen Gelände selbst herum, um das weltgrößte Passagierflugzeug in Hannover landen und wieder starten zu sehen. Das Parkdeck ist voll von Menschen, die Aussichtsterrasse sowieso. Auf dem alten Tower sind für die Aufsichtsratsmitglieder und andere Ehrengäste des Flughafens exklusive Plätze reserviert worden. Sie müssen sich gedulden, denn der Airbus 380 ist mit Verspätung in Berlin gestartet. Dafür ist der Himmel über Langenhagen blitzeblau. Man könnte vermuten, dass der Flughafen für das Spektakel extra chinesische Wettermacher engagiert hat, die bei Großereignissen mit Silberjodid störende Wolken vertreiben.
Für weniger erhabene Besucher als diejenigen auf dem alten Tower gibt es neben dem Frachtterminal ein abgezäuntes Gelände, wo eine Bratwurstbude aufgebaut ist und ein Stand mit kleinen Riesenflugzeugen aus Gummi. Vorne am Zaun drängen sich Spotter wie Herr Schilling, nur sitzen sie nicht wie er auf einem Klappstuhl im Gras, sondern balancieren auf Leitern, der Zäune wegen, die hier flugs aufgebaut worden sind. Hier haben sie vor anderthalb Stunden auf das beste Foto von der Landung des Überflugzeugs gehofft, und jetzt setzen sie auf das beste Bild vom Start.
Dann rollt der Airbus A 380 los, in Evershorst sieht man ihn hinten leicht flimmern durch das hohe Gras. Langsam schiebt sich die gewaltigen Nase aus der Senke der Startbahn, dann die Triebwerke, ein leises Rauschen weht herüber wie von einer weit entfernten, aber sechsspurigen Autobahn. Herr Schilling greift zur Videokamera. Mit der hat er 2003 auch die Concorde gefilmt, es war eine Gelegenheit, so selten wie die heute. Im normalen Flugbetrieb wird der A380 Langenhagen nicht ansteuern.
Das Rauschen wird lauter, die Grashalme ducken sich unter einem Windstoß weg, Herr Schilling drückt auf Aufnahme, dann hebt der Riesenvogel ab. Es sieht alles ein wenig langsamer aus bei ihm als bei kleineren, als bei normalen Flugzeugen, der Start wie die Landung. Der neue Airbus fliegt nicht nur, er schwebt. Andererseits erinnert er mit seinen abgeknickten Tragflächen von hinten an einen Pelikan im Flug.
Hinter dem Zaun steht Flughafenfeuerwehrmann Matthias Schmul mit Söhnchen Marc neben der Bratwurstbude und staunt. Berufsbedingt hat er schon so manches Flugzeug gesehen, aber dieses sprengt die Dimensionen. Schmul kann erklären, dass die Triebwerke einen größeren Durchmesser als der Rumpf einer Boeing 737 haben und die Tragflächen eine Fläche von 800 Quadratmetern. „Da bauen manche Menschen Häuser drauf“, sagt er. Und als es ein bisschen dauert, bis der Vogel nach der Landung um die Ecke in Richtung der Menschenmenge biegt, nickt Schmul erklärend mit dem Kopf: „Bei dem Hauptfahrwerksabstand muss der hier millimetergenau rangieren.“ Als er schließlich vor den Objektiven der Flugzeugfans entlangrollt, bespritzen Schmuls Kollegen den A 380 zur Begrüßung aus vollen Rohren ihrer beiden Löschwagen. Das Gedränge wird größer, Väter in Sommerhemden nehmen ihre Kinder auf die Schultern. Ob es so einen Auflauf hier schon einmal gab? „Nein, bestimmt nicht“, sagt Matthias Schmul, der Feuerwehrmann.
Felix Harbart und Bernd Haase