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Jubiläum

Volksbank feiert ihr 150-jähriges Bestehen

Von Simon Benne

Die Volksbank feiert ihr 150-jähriges Bestehen. Bei ihrer Gründung 1860 in Hannover wurde sie noch argwöhnisch beäugt – wegen „democratischer Bestrebungen, wie es damals hieß.
Adrettes Ambiente: Die Schalter im Volksbankgebäude in der Kurt-Schumacher-Straße Ende der fünfziger Jahre.

Adrettes Ambiente: Die Schalter im Volksbankgebäude in der Kurt-Schumacher-Straße Ende der fünfziger Jahre.

© Archiv

Ein Gespenst ging um in Europa. Die industrielle Revolution hatte den Städten Eisenbahnen und Fabrikschlote beschert – und zugleich ein ausgebeutetes Lumpenproletariat. Auch Handwerker und Händler ächzten unter dem Druck eines Wettbewerbs, bei dem Großunternehmen unschlagbar im Vorteil waren. Kleinunternehmer bangten um ihre Existenz. In dieser Situation schrieb Karl Marx 1848 sein kommunistisches Manifest: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

In Hannover vereinigten sich erst einmal Tischlermeister und Buchbinder, Hofseiler und Buchdrucker aller Stadtteile. Insgesamt 218 Mitglieder kamen zusammen, um 1860 die „Vorschuß-Vereins-Bank“ aus der Taufe zu heben, in deren Aufsichtsrat später Maurer und Möbelhändler, Klempner, Schneider und Fleischer sitzen sollten. Damit schufen sie die Keimzelle der Volksbank, die jetzt ihr 150-jähriges Bestehen feiert.

Von Bourgeoisie, Klassenherrschaft und sozialistischer Revolution verstanden deren Gründer 1860 wohl nur wenig. Sie folgten nicht Karl Marx, sondern Hermann Schulze-Delitzsch. Der sächsische Richter und Politiker, ein Linksliberaler, kämpfte dafür, die Unabhängigkeit von Kleinunternehmern zu sichern: Er gründete Kranken- und Sterbekassen oder „Rohstoffvereine“ für Tischler und Schuhmacher. Beim Materialkauf konnten diese so Rabatte herausschlagen. „Was du nicht allein vermagst, dazu verbinde dich mit anderen, die das Gleiche wollen“, war sein Credo.

Da viele Mittelständler keine Möglichkeit hatten, Kredite zu bekommen, kreierte Schulze-Delitzsch „Vorschuß-Vereine“ auf der Grundlage genossenschaftlicher Selbsthilfe. Die „Bank des kleinen Mannes“ war erfunden. Verglichen mit der von Marx verheißenen Diktatur des Proletariats wirkte deren Konzept so solide wie ein Bausparvertrag. Langweiliger. Aber auch bodenständiger. Es bot keine Heilsversprechen (und avisierte auch keine exorbitante Geldvermehrung, wie die falschen Propheten unserer Zeit), keine Revolutionen und keine Renditemärchen. Und es hatte den Vorteil, dass es funktionierte. Bis 1860 gab es in ganz Deutschland schon mehr als 100 Vorschuß-Vereine.

Der in Hannover öffnete am 1. März 1860 in der Scholvinstraße 17 seine Pforten. Die Kassenstunden waren überschaubar: Geöffnet war montags, mittwochs und sonnabends jeweils von 12 bis 14 Uhr. Der misstrauische König Georg V. hätte es wohl lieber gesehen, der Vorschuß-Verein wäre auch an diesen Tagen geschlossen geblieben. Sein Innenministerium pochte in einem Erlass darauf, dass „der Zweck der Vorschuß-Vereine ausschließlich die leichtere Gewährung kleinerer Anlehen an Hilfsbedürftige, insbesondere aus dem Handwerkerstand sein soll und darf“. Auf gar keinen Fall dürften sie als „Deckmantel democratischer Bestrebungen gemißbraucht werden“.

Erst sechs Jahre später, als Preußen sich das Königreich Hannover bei einer feindlichen Übernahme einverleibte, konnte der Vorschuß-Verein unbehindert arbeiten. Die Stadt wuchs in dieser Zeit rasant: Lag ihre Einwohnerzahl 1860 bei gut 60 000, überschritt sie 1875 die Hunderttausendermarke. Die Industrie florierte auch im benachbarten großen Dorf Linden, es gab einen Eisenbahnhof, und die Hannoveraner waren stolz auf ihre Gaslaternen – die ersten auf dem Kontinent. Der Vorschußverein wuchs durch den Aufschwung, und er trieb diesen auch seinerseits voran. Sein 25-jähriges Bestehen feierte er 1885 mit rund 4000 Gästen im „Odeon“ am Steintor mit einem rauschenden Fest.

Fünf Jahre darauf zog er um, in ein Gebäude an der Kanalstraße, das mit modernen Kassen- und Tresoranlagen bankgerecht umgebaut worden war. An der Ecke der heutigen Kurt-Schumacher-Straße hat die Volksbank noch heute ihr Domizil, und man darf in dieser Sesshaftigkeit durchaus eine Symbolik entdecken. Die Volksbank, die sich auch einen Ruf bei der Kulturförderung erworben hat, steht für ein Denken, das in einer Stadt mehr als nur einen Standort sieht. Sie ist auch selbst ein Stück altes Hannover. Ein Teil der Innenstadt, wie I.G. von der Linde, Mäntelhaus Kaiser oder Parfümerie Liebe.

Als die Volksbank gegründet wurde, kursierten im Königreich noch goldene „Pistolen“-Münzen im Wert von fünf Talern. Man zahlte in Goldkronen, die Kronzehntel zu je 30 Krongroschen zu je zehn Pfennigen hatten. Außerdem waren noch Dukaten, Kupfer- und Papiergeld in Umlauf – wer einkaufen ging, musste gut im Kopfrechnen sein. Reichs-, Renten- und D-Mark kamen und gingen, es gab die Inflation und die Weltwirtschaftskrise, die Währungsreform und die Euro-Einführung – die Volksbank blieb.

Zu ihrem Namen – eine Wortschöpfung, die auf Schulze-Delitzsch zurückging – kam sie freilich erst in den dreißiger Jahren, nach einem Zusammenschluss mit anderen hannoverschen Kreditgenossenschaften. Durch solche Fusionen wuchs die Volksbank, sie richtete Geschäftsstellen ein und erweiterte auch ihr Hauptquartier an der Kanalstraße. Der Bau wurde allerdings beim schwersten Luftangriff auf Hannover in der Nacht auf den 9. Oktober 1943 zerstört. Erst sechs Jahre nach dem Krieg konnte die Volksbank ihr angestammtes, noch erweitertes Domizil wieder in Beschlag nehmen.

Im Wirtschaftswunderland fand sie dann schnell ihren Platz: 1960, im Jahr ihres 100-jährigen Bestehens, zählte sie rund 4500 Mitglieder, die Bilanzsumme belief sich auf 76,5 Millionen Mark. Im Jahr 1981 überstieg diese erstmals die Milliardengrenze. Und immer wieder wuchs die Volksbank durch Fusionen. Die mit der Lindener Volksbank trug ihr 2003 noch einmal einen neuen Namen ein: Aus der „Volksbank Hannover“ wurde die „Hannoversche Volksbank“ – eine Zäsur, die so behutsam ausfiel, dass sie auch manchem Kunden verborgen blieb.

Der einstige „Vorschuß-Verein“ mit seinem „democratischen“ Stallgeruch ist heute an 103 Standorten in der Region präsent. Die Genossenschaftsbank hat mehr als 100 000 Mitglieder und 240 000 Kunden. Sie firmiert damit als „größte privatwirtschaftliche freiwillige Personenvereinigung in Norddeutschland“ – ein etwas sperriger Superlativ.

Freilich gehört es nach wie vor zu ihrem Selbstverständnis, sich als erste Adresse für Mittelständler zu sehen. So feiert sie ihr 150-jähriges Bestehen heute bei einem Festakt in der Oper mit 1000 geladenen Gästen. Das Jubiläum steht unter dem sinnreichen Motto „Ein guter Anfang“. Darin schwingt viel von jenem Understatement mit, für das man schon ein gewisses Selbstbewusstsein braucht. Und viel von der Souveränität einer Traditionsinstanz, die manch kurzatmigem Akteur im heutigen Wirtschaftsleben fehlt.

Simon Benne

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