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Kultur Bob Dylan – Die Liebe frei nach Tschechow
Nachrichten Kultur Bob Dylan – Die Liebe frei nach Tschechow
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15:00 30.10.2018
Einsam sind die Liebenden: Auf „More Blood, More Tracks“ wird die Entstehung von Bob Dylans Meisterwerk „Blood on the Tracks“ von 1975 dokumentiert. Quelle: imago/Rolf Hayo
New York

2018 ist das große Jubiläumsjahr des Rock. Viele der unsterblichen Alben feierten und feiern noch 50. Geburtstag und werden deshalb in opulenten Festausgaben neu veröffentlicht: In den kommenden Wochen sind das das „Weiße Album“ der Beatles, „Beggar’s Banquet“ der Rolling Stones, „Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix und „Cheap Thrills“ von Janis Joplin.

Eine opulente Box erzählt vom Werden von „Blood on the Tracks“

„Blood on the Tracks“, Bob Dylans 15. Album, von vielen Kritikern nach anfänglichem Mäkeln und Murren als eins seiner besten, wenn nicht das Beste, bezeichnet, hat dagegen so gar nicht gerundet. 43 Jahre, neun Monate und Zerquetschte ist es alt, wenn ihm am 2. November mit einer opulenten Box gehuldigt wird.

Das Ungerade passt irgendwie zu Dylan, den man sowieso im Verdacht hat, alles Pompöse, Ofizielle im Zusammenhang mit seiner Person und seinem Schaffen sei ihm verhasst, Literaturnobelpreise inklusive. Auf sechs CDs dokumentiert „More Blood, More Tracks“ die Aufnahmen zu dem Album, das Dylan-Evergreens wie „Shelter from the Storm“ und „Simple Twist of Fate“ enthält. Die Box ist die 14. Folge der Reihe „The Bootleg Series“. Hereinspaziert! Das Dylan-Archiv hat wieder geöffnet. Ein schier unerschöpflicher Quell.

Seine weitgehend von der Akustikgitarre dominierten „Blutspuren“ brachten Dylan im Januar 1975 wieder ins Rampenlicht. Die Rückzugsjahre nach seinem Motorradunfall, die „pastorale Phase“, schien zu Ende. Was die einstige „Stimme einer Generation“ auf diesem musikalisch relativ zugänglichen Album verhandelte, waren aber nicht die Unbilden seiner Gegenwart.

Die Liebe machte Bob Dylan 1974 schwer zu schaffen

Hinter den dunklen Bildern von Blut, Schmerz, Fluten und Hagelsturm ging es vielmehr um die Liebe, die ihm in jener Zeit auch selbst zu schaffen machte: Da war die Ehe mit Sara Lownds, die zur Neige zu gehen schien, da waren die Erinnerungen an die Beziehung zu seiner frühen Muse Suze Rotolo, die Liaison mit Ellen Bernstein von seiner Plattenfirma Columbia Records. Was war, was ist, was hätte sein können.

Los geht die Box mit dem ersten Take der Ballade „If You See Her, Say Hello“, dem ersten Song, den Dylan Mitte September in den New Yorker A&R Studios einspielte, dem Ort, an dem seine ersten sechs Alben entstanden. „Sie könnte denken ich hätte sie vergessen“, kräht Dylan sanft und wehmütig, „erzähl‘ ihr nicht, dass es anders wäre.“

In der Folge wird für musikarchäologisch Interessierte der Entstehungsprozess eines Meisterwerks offenbar. Man horcht ins Studio. Wie verworfen und neu angesetzt wird. Wie erlittene und verursachte Verletzungen, Leid, Sehnsucht ihren eindringlichsten Ausdruck suchen, aber auch wie die Dylan weitgehend unbekannten Begleitmusiker der Band Deliverance von der Unwilligkeit des Künstlers, sich ihnen zu erklären, irritiert sind.

Bob Dylan rang um die Authentizität des Gefühls

Neue Lieder gibt es nicht zu hören. „Call Letter Blues“ und „Up to Me“, Songs, die nicht aufs Originalalbum kamen, wurden bereits anderweitig veröffentlicht, weitere aus Skizzenheften namentlich bekannte Songtitel schafften es gar nicht erst in die Sessions. Die 87 Aufnahmen, je zwölf Versuche allein an “Buckets of Rain” und „You Make Me Lonesome When You Go“, je zehn an „Idiot Wind” und „Tangled up in Blue” dokumentieren, wie der Sänger um die Authentizität des Gefühls rang (und gleichzeitig direkte Zuweisungsmöglichkeiten verschlüsselte).

Die „Odyssee eines mythischen Liebenden“, wie der Essayist Greil Marcus das Album beschrieb, dauerte dennoch nur vier Studiotage in New York. Einen Weihnachtsurlaub bei der Familie nutzte Dylan, um in Minneapolis bei fünf Songs nachzubessern. So kamen die „Blutspuren“ nicht mehr rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft in die Läden. Sehr zum Ärger von Columbia Records. Auch die Minneapolis-Sessions im Sound-80-Studio mit voller Bandbesetzung (Dylans Bruder und erster Hörer David hatte das Album als zu karg und folkig kritisiert) sind in der „More Blood“-Box dokumentiert.

Was Dylan alsbald nervte, waren die Analysen der Dylanologen, die fortan jede Zeile von „Blood on the Tracks“ konkret im Leben des Poeten verankern wollten. Nachdem er kurz nach Erscheinen des Albums in einem Radiogespräch mit Mary Travers von dem Folktrio Peter, Paul & Mary persönliche Bezüge eingestanden hatte, wies er jeden autobiografischen Verdacht später von sich.

Dylan befreite sich von den Unterstellungen der Journalisten

In seinem Buch „Chronicles Vol 1“ schreibt Dylan davon, er habe immer ein Album aus Geschichten des russischen Dichters Anton Tschechow machen wollen. Und so wurde „Blood on the Tracks“ offiziell zu Dylans Tschechow-Album und Dylan wurde frei, Unterstellungen kommentieren zu müssen. Sein Sohn Jakob freilich sah das anders: „Wenn ich ,Blood on the Tracks‘ höre“, sagte er in einem Interview, „höre ich, wie sich meine Eltern unterhalten.“

Bob Dylan „More Blood, More Tracks – The Bootleg Series Vol. 14” (Columbia), erscheint am 2. November in einer 6-CD-Box – auch als Doppel-Vinyl und Einzel-CD mit elf essentiellen Tracks der New York Sessions

Von Matthias Halbig / RND

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