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20:02 29.06.2018
Klare Stimme, klare Meinung: Joan Baez ist die ewige Kämpferin für Frieden und Freiheit. Quelle: Stewart Volland
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Ms. Baez, Sie singen auf Ihrem neuen Album “Ich benötige eine andere Welt, diese hier ist fast dahin“. Wonach sehnen Sie sich?

Ich möchte, dass meine Enkelin die Chance auf ein erfülltes Leben hat. Am meisten beunruhigt mich die globale Erderwärmung. Nehmen Sie zum Beispiel die tagelange Hitze im Mai. Das ist die neue Normalität. Das Klima verändert sich nicht nur hier, in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Viele Menschen wollen das nicht wahrhaben.

Sie haben sich in den Sechzigerjahren als Mensch, Pazifistin und Folksängerin beschrieben. Wer sind Sie heute?

Ich vermute, ich bin noch immer ein Troubadour. Ich mache mich bis heute für gewaltfreien Protest stark, das ist meine Grundeinstellung. Und ich möchte hinzufügen, dass ich eine gute Mutter bin.

In Ihrem neuen Programm interpretieren Sie den Tom-Waits-Song “Last ­Leaf“. Darin heißt es: “Ich bin das letzte Blatt am Baum.“ Fühlen Sie sich heutzutage als Protestsängerin allein?

Ich trank gerade, vor dem Interview, einen Rhabarbersaft mit Wolf Biermann, und er meinte zu mir: “Wir sind beide letzte Blätter am Baum.“ Was ich damit sagen will: Es gibt noch viele von uns. Ich mag den Song, weil er eine leichte Selbstironie in sich trägt. Hartnäckigkeit und Hingabe werden darin mit einem Steißbein verglichen. Es ist immer da, aber nutzlos.

Vermissen Sie eine neue Protestgeneration?

Hätten Sie mich das vor drei Monaten gefragt, hätte ich noch anders geantwortet. Aber die March-for-Our-Lives-Schüler in Florida, die gegen die Waffengesetze auf die Straße gehen, haben eine Bewegung erschaffen, wie wir sie viele, viele Jahre nicht mehr erlebten. Sie sind zwar in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, weil sie so jung sind, aber sie haben sich ein konkretes Thema ausgesucht und ein Ziel, das man erreichen kann. Sie finden klare, verständliche Worte. Sie scheren sich einen Dreck um Politik oder Politiker, sodass sie niemand benutzen kann. Und sie sind bereit, ein Risiko einzugehen. In den zurückliegenden Jahren hat mich niemand mehr inspiriert als diese jungen Leute.

Früher haben Sie “The Times They are A-Changin’“ gesungen, und viele stimmten mit ein. Was bringt die Menschen heute zusammen?

Wir müssen uns so wie die Schüler in Florida um Themen kümmern, die uns unmittelbar betreffen, nicht um etwas Abstraktes wie den Weltfrieden, sondern Probleme, die lösbar sind. Also suche dir ein kleineres Thema, das an dir zerrt, und reagiere darauf. Finde Menschen, die genauso darüber denken wie du. Wir brauchen jedes bisschen Anständigkeit. Wir brauchen jedes bisschen Mitgefühl. Weil die andere Seite kein Mitgefühl hat. Das bedeutet ihr nichts – ihr bedeutet nur Geld etwas.

Brauchen wir neue Protestsongs?

Ich habe keine Ahnung, ob die Schüler überhaupt das Bedürfnis nach eigenen Songs haben. Ich hätte vermutet, dass dies weit oben auf ihrer Liste steht. Allerdings ist es nahezu unmöglich eine Hymne wie “We Shall Overcome“ zu schreiben, ein Lied, das tatsächlich alle gemeinsam singen können. Vielleicht kümmert sie das auch gar nicht, und sie hören einfach Hip-Hop. Ich jedenfalls würde nicht Teil einer die Gesellschaft verändernden Bewegung sein wollen, die keine Musik hat.

Bob Dylan und Joan Baez im Jahr 1965 in London. Quelle: UPI

Wie wird das Lied heißen, das Sie mal über Donald Trump singen werden?

Ich habe es bereits aufgenommen. Haben Sie es noch nicht gehört? Es kursiert im Internet. Es heißt “Nasty Man“.

Also scheußlicher Mann ...

Das Lied ist albern, sehr komisch, das einzige Problem ist, es könnte 100 Strophen haben, denn jeden Tag stellt er etwas neues Abstoßendes an.

Werden Sie es fortsetzen?

Nein. Es ist sinnlos, sich über Trump lustig zu machen. Er ist immun. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass in seinem Leben etwas passiert sein muss, sonst wäre er nicht so ein Chaot. Er erinnert mich an Bush junior. Alles, was er als Präsident tat, empfand ich als ärgerlich, gefährlich oder übel. Dann las ich ein Buch über ihn und erfuhr, dass seine Schwester an Leukämie erkrankte, als er sieben oder acht war. Niemand erzählte es ihm. Sie verschwand immer wieder in einem Auto, fuhr offenbar zur Behandlung ins Krankenhaus. Eines Tages brachte sie das Auto weg, und sie kehrte niemals zurück. Sie war gestorben. Fortan, während Bush senior unterwegs war, spielte sein Sohn nicht mehr mit Freunden, sondern kümmerte sich um seine trauernde Mutter. Ein verdrehtes Kind. Ich weiß nicht, was in Trumps Leben los ist. Aber der Autor, der das Bush-Buch geschrieben hat, will mir eine Ausgabe seines neuen Buchs über Trump schicken. Ich bin sehr neugierig, was er meint.

“Die Lieder, die ich mir aussuchte, waren meine Therapie“, offenbarten Sie mal. Seit Sie 15 waren, gingen Sie auch zu Therapeuten. Wovor hatten Sie Angst?

Ich glaube, jeder Mensch hat innere Dämonen unterschiedlicher Größe. Und meine machten mein Leben oftmals unerträglich. Details möchte ich nicht teilen.

Unter anderem hatten Sie gigantisches Lampenfieber, so stark, dass Sie Konzerte unterbrechen mussten ...

Ja. Das habe ich überwunden. Harte Arbeit. Sehr harte Arbeit.

Sie reisten in Kriegs- und Krisengebiete überall auf der Welt. Eigentlich müssten Sie ein besonders mutiger Mensch sein ...

Grundsätzlich bringt man Mut nur auf, wenn man Angst hat. Manchmal war ich jedoch zu dumm, um wirklich Angst zu haben. Ich begleitete schwarze Kinder zur Schule, kannte mich im Süden aber gar nicht gut genug aus, um zu wissen, was alles hätte passieren können. Da standen diese gigantischen Polizisten, die womöglich zu allem fähig waren. Ich sprach mit ihnen. Angst zu haben kam mir gar nicht in den Sinn. Ich musste das einfach tun. In Hanoi dagegen war ich von Angst erfüllt.

Sie waren dort, um zu zeigen, dass Nordvietnam nicht vergessen ist. Dann fielen amerikanische Bomben, und Sie sangen Ihre Lieder im Bunker. Warum begaben Sie sich in Gefahr?

Erinnern Sie sich noch an den schwedischen Diplomaten Harald Edelstam? Er rettete 1973 nach dem Militärputsch in Chile vielen Oppositionellen das Leben. Seine mutigste Aktion: Mit einer schwedischen Flagge in der Hand stellte er sich Pinochets Panzern vor der kubanischen Botschaft in den Weg. Das Schießen hörte auf, die Kubaner bekamen freies Geleit. Ich fragte ihn mal, warum er sein Leben riskiert hat. Er antwortete: “Ganz einfach: Ich kann Ungerechtigkeit einfach nicht dulden.“ Das leuchtete mir ein. Anders könnte ich es auch nicht erklären.

Ihr früherer Freund und Weggefährte Bob Dylan scheint sich vom aktuellen Weltgeschehen völlig abgekoppelt zu haben. Zuletzt nahm er drei Alben mit Sinatra-Schnulzen auf, und er ist ins Whiskey-Geschäft eingestiegen. Verstehen Sie ihn?

Ich weiß nur, dass ich ihn nicht verstehe. Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Wir haben keinen Kontakt. Ich empfinde aber tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich hier war, als er hier war, dass ich die Lieder singen konnte, die er schrieb. Jeder Groll, den ich mal hegte, ist verschwunden. Da ist nur noch Bewunderung für ihn, seine Arbeit und seine Eigenartigkeit. Mir ist egal, ob er Whiskey herstellt oder Windeln. Er macht eben das, was er will.

Ihre Haltung hat sich nicht geändert, Ihre Stimme schon, sie ist tiefer geworden. Wie kommen Sie damit klar?

Vor etwa 25 Jahren begann ich, Teile meiner Stimme zu verlieren. Ich konnte zehn Jahre lang kein Album aufnehmen, weil ich erst lernen musste, die neue Stimme zu akzeptieren. Heute sage ich mir: Das ist jetzt meine Stimme. Ich singe damit, so gut es geht. Und das gilt für jeden einzelnen Abend. Es ist absolut anstrengend, diese Stimme so klingen zu lassen, dass ich sie mag. Manche Lieder kann ich gar nicht mehr singen. Als ich 30 war, fragte ich meinen Gesangslehrer: “Woran erkenne ich, dass es Zeit ist aufzuhören?“ Er antwortete: “Deine Stimme wird es dir sagen.“ Und nun spricht sie wohl zu mir.

Stimme der Gegenkultur: Joan Baez 1969 in Woodstock. Quelle: Courtesy Everett Collection

Zur Person: Joan Baez

Auf ihrem aktuellen Album “Whistle Down the Road“ singt Joan Baez ein Lied namens “The President Sang Amazing Grace“. Der Titel stammt von der unbekannten amerikanischen Folksängerin Zoe Mulford. Er beschreibt einen unvergesslichen Moment der Obama-Präsidentschaft.

Nach dem Mord an neun Schwarzen in Charleston findet Barack Obama bei der Trauerfeier keine Worte, er singt stattdessen “Amazing Grace“. Baez hörte den Mulford-Song zufällig im Autoradio. “Ich atmete das Stück gewissermaßen ein“, sagt sie. Sie habe erst lernen müssen, es zu singen, ohne vor Rührung zu weinen.

Es ist ein Stück ganz nach ihrem Geschmack. Weil es nicht nur einen Augenblick absoluten Mitgefühls hervorhebt, sondern gleichzeitig das Böse oder, wie sie es nennt, “die andere Seite“ enttarnt, die rücksichtslos und unbarmherzig agiert. Dank Donald Trump ist Baez auch noch mit 77 eine Stimme der Gegenkultur, eines besonnenen, verständnisvollen und gütigen Amerikas.

Ihre Version von “We Shall Overcome“ war die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigerjahren. Als erste weiße Sängerin trat sie damals in afroamerikanischen Schulen und Universitäten auf. Sie war dabei, als Martin Luther King am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington “I have a dream“ rief. Wie Dr. King wurde sie zur Ikone des gewaltfreien Protestes.

Geprägt hatte sie ihr Vater, ein Pazifist und Physiker, der sich weigerte, für die lukrative Rüstungsindustrie zu arbeiten. In zivilem Ungehorsam übte sie sich schon auf der Highschool. Aus Protest gegen ihrer Ansicht nach unsinnige Luftschutzübungen blieb die junge Joan einfach in der Schule, anstatt sich in Sicherheit zu bringen. “Kommunistin!“, schimpften die Lehrer.

Baez hat bisher 25 Studioalben veröffentlicht. Ihre Karriere startete sie mit 17 in der Universitätsstadt Cambridge bei Boston, wohin die Familie gezogen war. Sie war dort mittendrin im Folk-Boom. “Ich war neun Minuten an der Uni“, erzählt sie in der Dokumentation “How Sweet the Sound“. Stattdessen habe sie lieber im Schneetreiben auf dem Harvard Square Folksongs gelernt, “traurige, lange, schöne Lieder“.

Mit zitternden Knien trat sie beim Newport Folk Festival 1959 auf und war plötzlich die Folk-Queen, eine Frau mit klarer Meinung und klarer Stimme, von der ganz besonders Bob Dylan, ihr künftiger Freund, beeindruckt war. “Ich hörte ihre Stimme und konnte sie nicht mehr vergessen“, sagte er mal. In den zehn Jahren, als Folk zu Rock wurde, gab es unglaublich viele begabte Songwriter, erinnert sich Baez. “Bob war der Talentierteste.“

Baez förderte den noch unbekannten Dylan, indem sie ihn bei ihren Konzerten auf die Bühne holte. Er tat nichts dergleichen, als sie ihn 1965 nach England begleitete. “Die Tour war die Hölle, alle nahmen Drogen, und er bat mich noch nicht einmal auf die Bühne, um mit ihm zu singen.“

Sie war unglücklich, auch, weil er kein Aktivist sein wollte, so wie sie. Erst viel später erkannte sie, dass er ja doch in ihrem Team war, weil er die Songs der Bürgerrechtsbewegung geschrieben hatte. “Ich war die Sängerin, und er war der Songschreiber.“

Baez hat einen Sohn aus ihrer Ehe mit dem Friedensaktivisten David Harris. Nach der Scheidung war sie eine Zeit lang auch mit Apple-Chef Steve Jobs zusammen. Gabriel, ihr Sohn, ist Percussionist. Er begleitet sie auf ihrer bis ins nächste Jahr laufenden Abschiedstour.

Sie bezeichnet sich selbst als Realistin, nicht als Optimistin oder Idealistin. Trotzdem singt sie bei jedem Konzert “Imagine“. Wie passt das zusammen? Weil die Menschen mitsingen, antwortet sie. “Das Lied ist ansteckend.“ Es ist wohl ein bisschen so wie damals.

Von Mathias Begalke

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