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Kultur Brigitte Hamann ist tot
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12:34 05.10.2016
Die Historikerin Brigitte Hamann ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Quelle: Zentralbild
Wien

Ihre Gabe war das Erzählen. Wie wenige Historiker hat es Brigitte Hamann stets verstanden, eine Zeit und ihre Figuren lebendig werden zu lassen. Sie vereine „wissenschaftliche Rigorosität mit publikumsfreundlicher Lesbarkeit“, hieß es 2012 in der Laudatio zur Vergabe des Ehrenpreises des österreichischen Buchhandels. Mit dieser Kombination durchleuchtete Hamann das tragische Leben und Sterben von Österreichs Kronprinz Rudolf, machte Schluss mit dem durch Filme geprägten süßlichen Image von Kaiserin Sisi („Elisabeth, Kaiserin wider Willen“) und analysierte die elenden Jahre von Adolf Hitler in Wien vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Hamann, die wegen nachlassender geistiger Frische zuletzt sehr zurückgezogen gelebt hat, ist am Dienstag im Alter von 76 Jahren gestorben.

Von der Hausfrau zur Wissenschaftlerin

Die in Essen geborene Wissenschaftlerin wollte zuerst Lehrerin werden, machte dann aber als Volontärin der Deutschen Presse-Agentur und als Redakteurin der „Neuen Rhein Ruhr Zeitung“ einen kurzen Ausflug in den Journalismus. 1965 zog sie zum Historiker und Universitätsprofessor Günther Hamann nach Wien. Sie bekam neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie zog drei Kinder auf, war Hausfrau und Assistentin ihres Mannes.

Doch das konnte nicht alles gewesen sein, befand Hamann. Ihre Tastversuche Richtung Wissenschaft seien ihrem Mann, einem Professor alten Schlags, aufgrund ihres Vorlebens als Journalistin peinlich gewesen, erzählte Hamann einmal.

Sie ließ sich nicht beirren und verfasste in den 1970er Jahren eine 1000-seitige Doktorarbeit über den österreichischen Thronfolger Rudolf. Ein großer Stoff nach ihrem Geschmack: über einen liberalen Hoffnungsträger im politisch verkrusteten Habsburger-Reich, der sich krank und enttäuscht 1889 zusammen mit seiner Geliebten erschossen hat. Um die Hälfte gekürzt wurde das Buch ein großer Erfolg – und ebnete Hamann die Laufbahn als freie Historikerin. Sie hatte auch das Motto ihres Schriftsteller-Lebens gefunden: Mythen auf ihren Gehalt abklopfen.

Hamann zertrümmert den „Sisi“-Mythos

Als sie in einem Archiv in Bern das 600-seitige bisher unbekannte Tagebuch der österreichischen Kaiserin Elisabeth (1837 bis 1898) fand, wurde klar: Wieder ein großer Stoff. Sisi sei eine „sehr depressive, sehr müde, ironische und sarkastische Frau“ gewesen, so Hamann. Sie zertrümmerte den Mythos aus den „Sissi“-Filmen - und feierte erneut einen Bucherfolg. Fortan war sie gefragt als „Habsburger-Expertin“, war in TV-Dokumentationen eine der sachverständigen Stimmen.

Ein großer Wurf gelang ihr auch mit der Schilderung des Lebens von Adolf Hitler in der Vielvölkermetropole der Donaumonarchie. In „Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators“ (1996) wies sie nach, dass der gescheiterte Künstler in der Zeit von 1908 bis 1913 zwar den Antisemitismus kennenlernte, aber die Juden-Feindschaft noch nicht lebte. Vielmehr zählte er Juden zu seinem Freundeskreis.

Eines der letzten großen Projekte war ihre Beschäftigung mit dem Wagner-Clan. In „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“ (2002) beschrieb sie die engen Kontakte der Wagners zum späteren Nazi-„Führer“.

Von RND/Matthias Röder, dpa