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„Das Leuchten der Erinnerung“: Grausames Vergessen

Kino „Das Leuchten der Erinnerung“: Grausames Vergessen

Letzte Reise in die Vergangenheit: „Das Leuchten der Erinnerung“ (Kinostart: 11. Januar) mit Helen Mirren und Donald Sutherland zeigt, wie die Demenz von einem Ehemann Besitz ergreift

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Kurzes Moment des Glücks: Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland)

Quelle: Foto: Concorde

Hannover. Der alte Mann mit den schlohweißen Haaren lässt sich mitreißen von der Menge, die Papierfähnchen schwenkt. Er freut sich über den Jubel, die optimistischen Gesichter und die Pappschilder, auf denen „Make America Great Again“ verkündet wird. Dass er sich auf einer Trump-Wahlveranstaltung befindet, merkt John (Donald Sutherland) gar nicht. Der pensionierte Literaturprofessor hat sein Leben lang die Demokraten gewählt, aber jetzt hat er Alzheimer und all seine politischen Ansichten vergessen. Seine Frau Ella (Helen Mirren) hat alle Mühe, ihn aus der frenetisch jubelnden Menge herauszuführen und wieder zurück in ihre gemeinsames Leben zu holen, so wie sie es Tag für Tag tut. Johns Gedächtnis ist wie die offene See. Ab und an treiben Erinnerungen vorbei, nach denen er greift, um sie bald wieder fallen zu lassen: die Kinder, seine Studenten, die Nachbarin kommen und verschwinden aus seinem Kopf.

Ella und John sind durchgebrannt mit ihrem alten Wohnmobil aus den Siebzigern. Tochter und Sohn sind krank vor Sorge, aber die Mutter hat beschlossen, diese Reise an der Küste entlang nach Florida noch ein letztes Mal mit ihrem Mann zu unternehmen, so wie sie es früher mit den Kindern getan haben. Sie will noch einmal die Freiheit und Beweglichkeit spüren und in alten Erinnerungen schwelgen, bevor die Krankheit die Kontrolle über das Eheleben übernimmt. Johns Gedächtnistrainingserfolge bleiben begrenzt, auch wenn Ella Abend für Abend auf dem Campingplatz den Diaprojektor anschließt und Bilder der gemeinsamen Vergangenheit auf ein Bettlaken projiziert. Nur manchmal hat John plötzliche, helle Momente, in denen kurz alles so ist, wie es früher einmal war, und der charmante Ehemann vergangener Tage für kurze Zeit erstrahlt.

Was bleibt übrig, wenn das große Vergessen beginnt?

Das Vergessen ist so grausam, weil es scheinbar willkürlich auswählt, welche Erinnerungen bleiben und welche verschwinden. Ellas Jugendliebe bietet für John nach mehr als 50 Jahren plötzlich wieder Grund zu hartnäckiger Eifersucht, während er die eigenen Kinder auf den Bildern nicht wiedererkennt. Staunenden Kellnerinnen kann der seitenweise Hemingway, Joyce und Melville rezitieren. Aber als er Ella aus dem Auge verliert, fallen ihm gegenüber den Passanten, die dem Suchenden helfen wollen, nicht einmal die Worte „meine Frau“ ein.

Was bleibt von einer jahrzehntelangen Ehe übrig, wenn das Vergessen einsetzt? Diese Frage stellt der italienische Regisseur Paolo Virzi in seinem Roadmovie „Das Leuchten der Erinnerung“. Virzi gehört mit Filmen wie „Die süße Gier“ und zuletzt „Die Überglücklichen“ zu den talentiertesten Erzählern des italienischen Kinos mit einem genauen Blick für die gesellschaftlichen Zerklüftungen seines Landes. In seinem europäisch finanzierten US-Debüt ist von dieser scharfen analytischen Beobachtungsgabe allerdings kaum etwas zu spüren. Die Wahlkampfveranstaltung bleibt eine Episode.

Mutlos vorgetragene Konflikte

Ganz anders als in den Vorgängerwerken werden die Figuren aus ihrem sozialen Kontext heraus gelöst. Diese Konzentration auf das Private führt jedoch nicht zu einer emotionalen Verdichtung. Zwar zeigt das Drehbuch nach dem Roman von Michael Zadoorian in Details viel Einfühlungsvermögen für den Alzheimer-Ehealltag, bleibt jedoch in seinen Entwicklungen und den etwas mutlos vorgetragenen Konflikten vorhersehbar. Innerhalb des gefälligen Settings schaut man Helen Mirren und Donald Sutherland gerne bei der Arbeit zu. Doch bekommen sie zu wenig in die Hand, als dass sie zu großer Form auflaufen könnten.

Von Martin Schwickert / RND

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