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Der Feind in ihren Betten

Kino Der Feind in ihren Betten

Ein Soldat als Lustobjekt: Kinoregisseurin Sofia Coppola lässt „Die Verführten“ vergnügliche Rache nehmen. Da seufzt auch Nicole Kidman als Miss Martha vor Begierde.

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Amouröse Verwicklungen: Soldat John McBurney (Colin Farrell) und Miss Martha (Nicole Kidman), Leiterin eines Mädchenpensionats.

Quelle: © Focus Features

Hannover. Gewöhnlich führt Miss Martha ihr Mädcheninternat mit viel Umsicht. Doch gerät auch ihre vornehme Zurückhaltung an Grenzen, als ein bewusstloser Soldat beinahe entkleidet vor ihr liegt. Seine schlimme Beinwunde hat sie schon fachgerecht versorgt, jetzt nimmt sie sich der Säuberung des ansehnlichen Fremden an: Beinahe zärtlich tupft sie ihm die nackte Brust ab und nähert sich vorsichtig der Hüfte. Noch delikatere Körperteile sind unter einem Tuch verborgen, aber Miss Marthas Begierde ist unüberhörbar erwacht. Ein kleiner, feiner Seufzer entringt sich ihrer Brust in Sofia Coppolas Film „Die Verführten“.

Wir kennen diese Begegnung mit dem Soldaten schon aus männlicher Perspektive: Don Siegel („Dirty Harry“) hat sie 1971 mit Clint Eastwood unter dem Titel „Betrogen“ inszeniert. Als Vorlage diente der Roman „A Painted Devil“ von Thomas Cullinan. Ein verletzter Nordstaaten-Soldat gerät im amerikanischen Bürgerkrieg in ein Südstaaten-Internat tief in Virginias Wäldern und lässt sich allein unter Frauen gesundpflegen. Gekonnt spielt der Soldat mit dem Verlangen seiner Gastgeberinnen und diese bald schon gegeneinander aus. Seiner Wirkung ist der unfreiwillige Besucher sich bewusst. Umgekehrt muss er beständig damit rechnen, der feindlichen Armee übergeben zu werden.

Sonderlich gut kommen die Frauen nicht weg

Clint Eastwoods Soldat küsste damals eine Zwölfjährige auf den Mund. So viel Provokation hat Sofia Coppola bei ihrer vergnüglichen Neuverfilmung nicht im Sinn. Die US-Regisseurin liefert nach eigenem Bekunden die weibliche Sicht der Geschichte nach, behält die ursprüngliche Handlung aber weitgehend bei.

„Im Kern geht es um den Kampf zwischen Männern und Frauen“, hat Coppola bei der Filmpremiere von „Die Verführten“ in Cannes gesagt, wo sie – überraschend für ein Remake – den Regiepreis gewann. „Ich glaube, dass einige Themen in diesem Film drinstecken, die auch heute noch aktuell sind“, glaubt die Regisseurin.

Sonderlich gut kommen ihre Geschlechtsgenossinnen dabei nicht weg. Das Verhalten von Internatsleiterin (Nicole Kidman), Lehrerin (Kirsten Dunst) und Schülerinnen (darunter Elle Fanning) verändert sich grundlegend, sobald ein Mann im Haus ist. Die Damen holen ihre luftigsten Kleider aus dem Schrank, frisieren nach und legen die hübschesten Halsketten um. Sie buhlen um die Gunst des Soldaten, erröten in seiner Gegenwart leicht und werfen sich bald schon gegenseitig gereizte Blicke zu. Feministen dürften beim Anblick dieses aufgekratzten Hühnerhaufens das Grausen kriegen.

Die Knochensäge kommt zum Einsatz

Und der Soldat John McBurney (Colin Farrell)? Der Korporal fühlt sich zunächst wie der Hahn im Korb, lässt aber bald schon die nötige Vorsicht bei seinen romantischen Versprechungen vermissen. Eher tapsig reagiert er auf die zahlreichen Offerten – was ihm zum Verhängnis wird. Denn nun regiert erst die weibliche Eifersucht, und dann bildet sich eine Front der Frauen gegen den Feind in ihren Betten.

Der eben noch so trickreich geführte erotische Nahkampf eskaliert. Die Knochensäge kommt zum Einsatz, genau wie im Originalfilm. Die Amputation betrifft das verletzte Bein. Männliche Verführungskunst hat, anders als gedacht, die Kastrationslust geweckt.

In fruchtbarer Schwüle dampft bei Coppola die üppige Natur des amerikanischen Südens. Miss Marthas herrschaftliche (besser: frauschaftliche) Villa ist eine stille Oase in kriegerischen Zeiten. Nur manchmal dringt der Kanonendonner von den Kämpfen heran. In diesem Refugium kann Francis Ford Coppolas Tochter ungehemmt ihrer Ausstattungslust frönen – so wie schon in „Marie Antoinette“ (2006) oder in „The Bling Ring“ (2013).

Der Verführer wird zum Sexualobjekt

Wer unbedingt will, mag den Showdown als emanzipatorischen Akt interpretieren. Dank weiblicher Solidarität wird ein Verführer zum Sexualobjekt und schließlich zur Strecke gebracht – in Hollywoodfilmen sind sonst umgekehrt ja zumeist Frauen die Opfer.

Die amouröse Geschichte endet ausgesprochen schwarzhumorig. Vermutlich wird Miss Martha schon am nächsten Tag wieder ihren schulischen Pflichten nachkommen und ihre Schützlinge in den Fächern Nähen, Französisch und gesellschaftliche Umgangsformen auf ein Leben als Mutter und Gattin vorbereiten.

Von Stefan Stosch / RND

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