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Er, sie, ich

Sasha Marianna Salzmann im Porträt Er, sie, ich

In der Theaterszene gilt Sasha Marianna Salzmann schon lange als Shootingstar, nun hat die 32-jährige Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters ihr Romandebüt geschrieben – und ist mit “Außer sich“ sofort auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis gelandet. In ihren Texten sind die Übergänge zwischen den Geschlechtern fließend.

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Den Lockenkopf teilt sie mit ihrer Protagonistin aus “Außer sich“: Sasha Marianna Salzmann.

Quelle: Heike Steiweg

Berlin. Den Namen Sasha hat sie sich selbst gegeben – nach ihrem Urgroßvater. Als Jugendliche experimentierte Sasha Marianna Salzmann, wie die Menschen auf sie reagierten, je nach Namen. “Die sehen dich einfach anders, wenn du statt Natascha Marianna heißt.“ So erfand sich die Frau mit dem Momo-Wuschelkopf ihre eigene Identität. “Im Jüdischen ist es üblich, viele verschiedene Namen zu haben“, sagt die 32-Jährige.

Ihr Urgroßvater, den sie noch gut kannte, sei eine leuchtende Figur in ihrem Leben gewesen. Als er starb, habe ihre damalige Freundin damit begonnen, sie Sasha zu nennen. “Heutzutage ruft mich sogar meine Mutter so, und das macht mich sehr glücklich. Denn es bedeutet, dass sie ein tiefes Verständnis für die Metamorphosen hat, die ich durchlaufen habe, und mich so akzeptiert, wie ich sein möchte.“ Ihren Geburtsnamen verrät sie nicht.

Dass sich die 32-Jährige nach einem Mann benannt hat, überrascht nicht, wenn man ihre Texte kennt. Die Übergänge zwischen den Geschlechtern sind bei ihr fließend. In ihrem ersten Roman “Außer sich“ wechseln die Personalpronomen so schnell, dass der Körper nicht hinterher kommt: Er, sie, ich. Ali – eine Frau – sucht in Istanbul nach dem geliebten Bruder Anton, nur eine Postkarte deutet darauf hin, dass er hier zu finden ist. Um ihm nahe zu sein, spritzt sie sich Testosteron. Es bleibt offen, ob Bruder und Schwester vielleicht ein und dieselbe Person sind.

Menschen wie surrealistische Gemälde

Die Autorin sagt: “Ich bin selbst keine Transperson, aber Freunde von mir. Ich bin nah dran an diesen Entwicklungsprozessen.“ Sie kritisiert, dass sich Transgender-Menschen vor einer Geschlechtsumwandlung pathologisieren und in eine lange Therapie begeben müssen. “Da wird ihnen erklärt, dass sie unglücklich sind, obwohl das vielleicht gar nicht stimmt. Ich stelle mir das wie Folter vor, wenn ich mich als geisteskrank registrieren lassen müsste, um ich zu sein.“

Menschen beschreibt die Autorin im Roman wie surrealistische Gemälde: “In Zeitlupe tropfte seine Haut von seinem Gesicht.“ Körper sind so fließend-flüchtig wie die Geschlechtszuschreibungen: “Sie zerfloss in der Menge zu einer Pfütze“, oder: “Sie löste sich auf wie eine Brausetablette.“

Als Dramatikerin wird die Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters bereits seit geraumer Zeit gefeiert. Schon für “Muttersprache Mameloschn“, ihr Abschlussstück im Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste, wurde sie von Theaterkritikern 2012 gleichzeitig als Nachwuchsdramatikerin und Dramatikerin des Jahres nominiert. Darin zeigte sie anhand von drei Frauen aus drei Generationen, wie jüdische Identität aussehen kann: vom Festhalten an der Tradition bis zur Loslösung aus dem heimischen Nest.

Szene aus der Inszenierung von Salzmanns “Muttersprache Mameloschn“ am Deutschen Theater in Berlin

Szene aus der Inszenierung von Salzmanns “Muttersprache Mameloschn“ am Deutschen Theater in Berlin.

Quelle: Arno Declair

Ihrer eigenen jüdischen Identität hat sich die Autorin erst spät gestellt. Die Eltern der in Moskau Aufgewachsenen gaben sich den Namen Vodovosova, um nicht als Juden erkannt zu werden. Mit zehn Jahren kam Salzmann nach Deutschland, mit einem Koffer voller Bücher. Sie spricht neben Deutsch und Russisch auch Jiddisch, Englisch und Türkisch.

“Außer sich“ ist ihr erster Roman, mit dem sie es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis schaffte. “Ich war als Theaterautorin an einen Punkt gekommen, dass ich mich selbst nicht mehr überraschen konnte. Und ich merkte, dass da ein Stoff in mir gärte, den ich einmal anders in Form gießen wollte.“ Also ging Salzmann 2012 an den Bosporus, um einen Roman zu schreiben. Der Literaturbetrieb ist noch neu für sie. “Ich funktioniere eher wie ein Theatermensch: Wir erzählen Anekdoten, wir duzen uns sofort, wir führen Arbeitsgespräche bei Kaffee und Zigarette vor der Tür und tragen andere Klamotten als Literaturleute.“ Ihr prononciertes Sprechen erinnert in der Tat ans Theater.

Der Roman ist eine Art Neuanordnung von Salzmanns Themen, die immer wieder Identitätsfragen in Bezug auf Migration und Gender stellt. Einige Figuren aus ihren Theaterstücken tauchen im Roman wieder auf, zum Beispiel der Hermaphrodit Cato aus den “Meteoriten“. “Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als diese Figuren zu mir zurückkamen“, meint Salzmann. “Ich war nicht fertig mit ihnen und sie nicht mit mir.“

Autobiografische Fiktion

Die Autorin hat viel mit ihrer Protagonistin gemeinsam: die Locken, die jüdische Herkunft, das Geburtsland Russland, die Homosexualität, die Zeit in Istanbul. Die Autorin spricht von “autobiografischer Fiktion“. Auch antisemitische Übergriffe, wie sie im Roman geschildert werden, hat sie schon selbst erlebt: “Wenn du eine Jüdin nach solchen Erfahrungen fragst, ist es so, als wenn man eine Frau fragt: Hast du schon mal Sexismus erlebt?“, sagt sie.

Ihre Romanheldin Ali befindet sich in einer Transitzone, zwischen Europa und Asien, zwischen Mann und Frau. Im Roman markiert der Putschversuch in der Türkei 2016 den Moment, da das Pendel zu einer Seite hin ausschlägt. Salzmann vermisst die alte Türkei: “Ich bin immer noch fassungslos über den autoritären Umbau des Landes.“ Ein Jahr lang war sie in Schockstarre, konnte nicht darüber sprechen. Außer sich sein – es hat bei Salzmann viele Gesichter.

Von Nina May

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