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„Fack ju Göhte 3“ – Bye, bye, Chantal!

Kino „Fack ju Göhte 3“ – Bye, bye, Chantal!

Pädagogisch wertvoll aber leider nicht mehr allzu witzig: Das Schülerleben geht in „Fack ju Göhte 3“ (Kinostart am 26. Oktober) definitiv zu Ende. Zeit für Chantal & Co., das wahre Leben ohne den Laienlehrer Zeki Müller anzugehen.

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Motz leise, Chantal: Die Lieblingsschülerin des deutschen Kinos (Jella Haase) ereifert sich in schillernder Garderobe im Goethe-Gymnasium.

Quelle: Foto: Constantin

Hannover. Im Nachhinein muss man sagen, dass „Fack ju Göhte“ der deutschen Bildungspolitik von Anfang an ein gutes Stück voraus war: Die Rettung des deutschen Schulsystems kann, wie wir inzwischen wissen, nur von Quereinsteigern kommen. Allein mit ins Lehrerzimmer verpflanzten Surflehrern und Heilpraktikern ist dem grassierenden Unterrichtsausfall abzuhelfen. Warum also soll man nicht einem prollig-pubertären Bankräuber mit ausgeprägtem Sixpack und Drei-Tage-Bart eine Chance geben, der sich auf Fäkalsprache besser versteht als seine Schutzbefohlenen und diese im Zweifelsfall mit dem Paintball-Gewehr zur Räson bringt?

Ein Film zum lustvollen Abbau von Schulfrust

Nach dem ersten Teil von „Fack ju Göhte“ vor vier Jahren entbrannte allerdings zunächst einmal eine lebhafte Diskussion darüber, ob die cineastischen Einfälle von Drehbuchautor und Regisseur Bora Dagtekin doch eher zur Verderbnis unserer Jugend beitragen. Irgendwann jedoch räumten auch die größten Naserümpfer ein, dass diese Schulkomödie einen kathartischen Effekt haben könnte: Sie dient dem lustvollen Abbau von Frustrationen und Gewaltfantasien von Schülern und Lehrern gleichermaßen.

Der zweite Teil der Reihe driftete dann allerdings ins Exotische nach Thailand ab und verlor sich in Albernheiten unter Kokospalmen - brachte es aber wie auch der erste Film auf sensationelle mehr als sieben Millionen Zuschauer. Nun sind wir zurück in der „Amok-Klasse“ 11b der Goethe-Gesamtschule. Wir meinen förmlich den Angstschweiß von Chantal (Jella Haase) und Co. und den von Klassenstinker Danger (Max von der Groeben) sowieso zu riechen: Es geht auf die Abiturprüfung zu, die eigentlich kaum einer von Zeki Müllers Problemschülern bestehen kann. Es sei denn, sie haben einen Lehrer wie Zeki Müller (Elyas M’Barek), der seine Chaostruppe zur besseren Lokalisierung wie Hunde chippen lässt, sie dann hinter seinem Auto festbindet und quasi zum Abitur schleift.

Ziemlich derb und politisch nicht korrekt

An Derbheit lässt Regisseur Dagtekin nach wie vor nichts zu wünschen übrig, an politischer Inkorrektheit auch nicht. Es ist gut zu wissen, dass hinter dem zur Schau gestellten Zynismus in Wahrheit goldene Herzen pochen. In jedem harten Hund steckt ein weicher Kern: Im Grunde unternimmt hier Ex-Knacki Müller seinen nunmehr dritten Anlauf zur Resozialisierung - die doch eigentlich mit jedem vorigen Film schon abgeschlossen schien.

Seine Schüler bekommen es mit Drogen, Mobbing, Cybersex, kollektivem Suizidversuch nach Internat-Chat zu tun. Alle Gefährdungen zarter Schülerseelen werden in knalligen Farben ausgemalt, so als sei das hier ein Crashkurs ins Zentrum der vielzitierten Schulmisere. Aber wenn es wirklich gilt, lässt keiner den anderen hängen. So hat schon der erste Kino-Schulbesuch funktioniert, und genau so funktioniert auch dieser abschließende dritte.

Sandra Hüller bringt frischen Wind ins Franchise

Der Überraschungseffekt ist also dahin. Wer zudem den Fehler macht, sich vorab den Trailer anzuschauen, hat das Gefühl, die besten Gags schon zu kennen. So viele gute gibt es nicht. Irgendwann fühlt man sich in diesem Film wie ein Klassenwiederholer, bei dem die vage Ahnung wächst, dass er dem Lehrstoff früher schon mal begegnet sein muss. Frischen Wind bringt nur die neue Lehrkraft Biggi Elsberger (Sandra Hüller als vollwertiger Ersatz für Karoline Herfurth), die es mit Zeki Müllers Brachialmethoden locker aufnehmen kann. Direktorin Gudrun Gerster in Gestalt von Katja Riemann befiehlt wie eh und je als forsche Generälin an der Goethe-Schule und hält nebenbei den überpeniblen Kollegen von der Schulaufsichtsbehörde (Michael Maertens) in Schach.

Je mehr sich die Pennäler auf allerlei Umwegen der Abiturprüfung nähern, desto mehr schiebt sich die zentrale Botschaft in den Vordergrund, von Zeki Müller in astreinem Deutsch formuliert: „Wenn Ihr es in der Schule nicht schafft, fickt Euch das Leben.“ Der Mann wird allmählich zum Moralprediger. Mehrfach beschwört er seine Schüler, an sich selbst zu glauben - auch wenn da womöglich Jobs als Altenpflegerin oder Abwasserfachkraft auf sie warten sollten (im Abspann folgt eine Entschuldigung bei beiden Berufsgruppen).

Träume? „Doch, aber nichts mit Beruf.“

Ob sie denn keine Träume hätten, fragt Lieblingslehrer Müller einmal. Und Zeynep (Gizem Emre) antwortet freimütig: „Doch, aber nichts mit Beruf.“ Das ist doch mal ein vielversprechender Ansatz, um der digitalen Leistungsgesellschaft einen tieferen Sinn abzuringen.

Pädagogisch wertvoll ist dieser „Final Fack!“ - so der offizielle Titel - also auf jeden Fall. Sympathisch ist ein Film auch, in dem sich Abiturienten über eine Abschlussnote von 3,9 wie Schneekönige freuen. Zeki Müller verdrückt eine Träne, als er an die wilden Jahre mit diesen Bildungsverweigerern zurückdenkt und einzelne Szenen vor seinem inneren Augen noch einmal vorüberziehen.

Im Abspann bedankt sich das Filmteam für die coole Zeit, die es mit dem Kinopublikum gehabt hat. Die angehängten Pannen-Gags bei den Dreharbeiten aber belegen noch einmal das Hauptproblem des dritten Films: So richtig lustig scheint es nur für die direkt Beteiligten gewesen zu sein. Es wird Zeit, Chantal und all die anderen ihres Weges ziehen zu lassen. Sie sind jetzt erwachsen. Sie brauchen keinen Zeki Müller mehr.

Von Stefan Stosch / RND

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