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Witz blitzt auf in „Die dunkelste Stunde“

Medien Witz blitzt auf in „Die dunkelste Stunde“

Geschichte, gemeinhin als trocken geschmäht, kann ja so saftig sein: In Joe Wrights Historiendrama „Die dunkelste Stunde“ (Kinostart am 18. Januar) bietet Gary Oldman als kregler und unbeugsamer Kriegspremier Churchill nicht nur Hitler die Stirn.

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Manieren, Winston! Clemmie Churchill (Kristin Scott Thomas) sorgt sich um die Außenwirkung ihres zuweilen recht aufbrausenden Gatten Winston (Gary Oldman).

Quelle: Foto: Universal

Hannover. Es war einmal der glücklose britische Premierminister Neville Chamberlain, der Frieden wollte um jeden Preis. Der tolerierte Adolf Hitlers Expansionsgelüste so lange, bis die Briten 1940 von seiner Appeasementpolitik die Nase voll hatten. Wonach sie Winston Churchill zu seinem Nachfolger bestellten, der dem deutschen Tyrannen die Stirn bot bis zum Sieg. „We shall never surrender“ und so weiter. Diese simple Heldengeschichte hat man über Churchill aus Schulzeiten im Kopf behalten. Dazu die Optik einer Mensch gewordenen Bulldogge mit Zylinder, deren mächtig aufragende Zigarre zum Symbol des Durchhaltewillens wurde.

Churchill fährt gern aus der Haut

Die schmaucht Churchill auch bei seinem ersten Auftritt in Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“, beim Frühstück im Bett, zu dem auch ein strammer Brandy gehört. Der neuen Sekretärin Miss Layton (Lily James) diktiert er derweil ihr erstes Telegramm. Nichts klappt, weil sie nervös ist, und der Noch-nicht-Premier nuschelt, verschleift, Silben verschluckt. Ihr Tastenanschlag ist ihm auch viel zu laut. „Ich kann meine Gedanken nicht hören!“, flucht Churchill ein Bonmot, bevor er ganz aus der Haut fährt. Mit Verlaub: Das wäre dem Hitler in „Der Untergang“ nie passiert, der war sehr freundlich zu seiner Tippse Traudl Junge. Ehefrau Clemmie (Kristin Scott Thomas) moniert prompt die schwindenden Manieren des Gatten. Was sollen denn die Leute denken?

Der „Held Churchill“ war anfangs ungeliebt

Wright erzählt in seinem Film, wie das damals wirklich zuging im Königreich. Wie das Establishment Churchill verachtete, weil man ihn für einen unbeherrschten Trinker hielt und ihm die Schuld an der verlustreichen Schlacht von Gallipolli im Ersten Weltkrieg zuschob. Wie ihn die Konservativen zum Premier beriefen, nur um die wütende Opposition zu besänftigen. Und wie der König (Ben Mendelsohn) und die eigene Partei unter Führung des schwerkranken Chamberlain (Ronald Pickup) und des Lord Halifax (Stephen Dillane) umgehend versuchten, ihn wieder loszuwerden. Weil sie um jeden Preis Frieden mit Hitler wollen, selbst auf die Gefahr hin, Sklavenstaat zu werden, in jedem Fall aber auf Kosten der Menschenrechte in Europa. Die Zeit drängt: 300 000 britische Soldaten sitzen am Strand von Dünkirchen fest, eingekesselt von deutschen Panzerverbänden.

Joe Wrights zweite Begegnung mit dem Dünkirchen-Wunder

Wie schlimm das in Dünkirchen war, hat uns bisher niemand eindringlicher als Joe Wright selbst gezeigt – einen Sepia-gefärbten Albtraum der an den Meeressaum Gedrängten in einer fünfminütigen Sequenz von „Abbitte“ (2007). Hier ist nur kurz die Flotte ziviler Evakuierungsschiffe zu sehen, die wir weidlich erst vor einem guten halben Jahr in Christopher Nolans „Dunkirk“ erlebten. Ansonsten spielt der Film in dunklen Zimmern, dunklen Fluren, im finsteren Kriegskabinettbunker und im schwarzen House of Commons, in dem ein knochenbleiches Leichnamslicht auf die Gesichter der schwarz gewandeten Abgeordneten fällt. Auch für den Zuschauer ist es – was die innerfilmischen Lichtverhältnisse betrifft - die dunkelste Stunde seit langem.

Was aufblitzt, ist der Witz des an seiner Linie zunehmend zweifelnden Churchills, der mit sarkastischen Bonmots nur so um sich wirft und am Ende – Pathos lass nach! – bei seiner ersten U-Bahn-Fahrt das Volk selbst nach seinem Willen befragt. Soviel Komödie wie nötig steckt in Wrights Drama, so dass man sich die heute wieder wichtige Lektion, dass politisches Braun Unfreiheit bedeutet und vermieden respektive besiegt werden muss, mit Vergnügen ein weiteres Mal erteilen lässt. Geschichte, vom Stoff her gemeinhin als „trocken“ geschmäht, kann so saftig sein. Bis man den per Maske unkenntlich gemachten Gary Oldman als Kriegspremier akzeptiert, dauert es freilich eine Weile. Er ähnelt weder sich selbst noch Churchill.

Von Matthias Halbig / RND

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