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Kultur „Touch Me Not“ – Der Berlinalesieger 2018
Nachrichten Kultur „Touch Me Not“ – Der Berlinalesieger 2018
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13:00 31.10.2018
Anfassen erwünscht: Christian (Mitte) im Workshop für Körperkontakte. Quelle: Foto: Alamode
Hannover

Zumindest in der Berlinale-Jury um Präsident Tom Tykwer hatte der essayistische Film „Touch Me Not“ im Februar etwas berührt – Titel hin oder her. Sie verlieh der rumänischen, 38-jährigen Regisseurin Adina Pintilie den Goldenen Bären für ihr Langfilmdebüt und zog damit Unmut auf sich.

Die Galavorführung bei der Berlinale löste Fluchtreflexe aus

Das war kaum anders zu erwarten bei einem Werk, das bei jeder Vorführung Fluchtreflexe ausgelöst hatte – ganz besonders bei den Zuschauern in der Galavorführung nach der Siegerehrung, die Tykwers Entscheidung erst beklatscht und dann in Scharen den Saal verlassen hatten.

Die Frage ist jetzt nur, warum das Publikum das Weite suchte. Lag es am Publikum, oder lag es am Film?

So viel lässt sich sagen: Es ist nicht ganz leicht zu ertragen, wenn ein Film auf diese Weise die menschliche Intimität erkundet. Protagonistin Laura sagt, dass sie sich vor körperlichen Kontakten fürchte. Über gut zwei Kinostunden geht es dann für sie darum, jene Furcht zu überwinden, oftmals in schamfreien Großaufnahmen von nackter Haut, ausgeleuchtet in klinisch hellem Licht.

Was ist inszeniert, was ist dokumentarisch?

Eindeutig ist in „Touch Me Not“ nie zu sagen, was hier inszeniert und was dokumentarisch ist, wenn wir vornehmlich Laura bei ihren Erkundungen begleiten. Verkörpert wird sie von Laura Benson, und das ist eine US-Schauspielerin.

Laura bestellt sich einen tätowierten Callboy, dem sie unter der Dusche und auch beim Masturbieren mit eher verkniffener Miene zuschaut. Spaß hat hier keiner, erst recht nicht der Callboy. Wie auch: Die Kamera blickt auf den Aufbau einer anderen Kamera und macht so unmissverständlich klar, dass hier ein Experiment veranstaltet wird.

Auf Laura warten noch andere Begegnungen: Sie plaudert mit einer entspannten Transfrau, die ihre Brüste Gusti und Lilo getauft hat. Oder sie beobachtet eine Selbsterfahrunggruppe behinderter und nicht behinderter Menschen bei Körperkontaktübungen. Im Mittelpunkt: Christian, der an spinaler Muskelatrophie leidet und dessen verkümmerter Körper jenem von Stephen Hawking ähnelt. Aus Christians Mund läuft Speichel, es lugen ein paar gelbliche Zähne hervor, und die Aufgabe seines Gegenübers lautet, Christians Gesicht zu berühren.

Wer auf seinem Kinositz ausharrt, wird belohnt

Wer bis jetzt auf seinem Kinositz ausgeharrt hat, der stellt bald überrascht fest, dass sich das lohnt: Ganz selbstverständlich redet Christian über Intimstes. Man vergisst irgendwann, ihn zu bemitleiden: Mögen seine Gliedmaßen auch noch so wenig gebrauchsfähig sein, er hat doch unglaublich schöne, blaue Augen. Auf diese Augen ist Christian nach eigenen Worten stolz, genau wie auf die tadellose Funktionsfähigkeit seines großen Penis.

Wir folgen Christian in einen SM-Swingerclub, zusammen mit seiner nichtbehinderten Frau, die ihn im Wortsinn auf Händen trägt. Dieser wohl inszenierte Ausflug in den Darkroom kann uns nun nicht mehr schocken, auch wenn wir nicht recht wissen, wozu er dienen soll.

Eines haben wir kapiert: Lust und Sexualität haben nicht unbedingt etwas mit dem zu tun, was uns gestylte Werbebilder jeden Tag verkaufen wollen. Unverkrampfte Intimität kann auch ein Mann ausstrahlen, dessen Muskeln ihm nicht gehorchen. Wenn Christian nicht in einem Workshop oder in einem Sexklub sitzt, arbeitet er als Diplom-Informatiker im Bundesarchiv Koblenz.

Der Anspruch, den Zuschauer mit seinen Ängsten zu konfrontieren

Aber ob „Touch Me Not“ nun ein würdiger Berlinale-Sieger ist? Der Besuch in diesem Sexuallabor hinterlässt zwiespältige Gefühle – nicht wegen der geballten Nacktheit, die nie auch nur in die Nähe von Pornografie rückt, sondern weil dahinter der didaktische Anspruch zu spüren ist, uns mit unseren Ängsten zu konfrontieren. Wild und radikal, wie Jury-Präsident Tykwer es vor der Berlinale gefordert hatte, ist dieser Film nicht.

Von Stefan Stosch / RND

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