Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Godard kommt zurück nach Cannes
Nachrichten Kultur Godard kommt zurück nach Cannes
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:21 21.05.2017
Bei der Premiere von „Le Redoutable“: Schauspieler Louis Garrel (l.) – er spielt Godard – und der Regisseur Michel Hazanavicius. Quelle: dpa
Cannes

Cannes? Welcher Idiot fährt nach Cannes, wenn gerade eine Revolution auf den Straßen tobt? Godard ist 1968 hingefahren, aber mit der festen Absicht, das Festival zum Abbruch zu zwingen. Wir hören von seinem Erfolg nur aus dem Radio in Michel Hazanavicius’ Komödie „Le Redoutable“.

Nach diesem spritzigen und stark stilisiertem Film ahnt man, wieso Godard bis heute in Cannes als eine Art Sphinx gilt, deren Raunen man aus der Ferne zu vernehmen meint. Er hat sich schon lange nicht mehr blicken lassen, auch nicht bei der Premiere seiner eigenen Filme. Doch nun ist der einstige Nouvelle-Vague-Pionier, mittlerweile 86 Jahre alt, als junger Mann zurückgekehrt: Oscar-Preisträger Hazanavicius („The Artist“) erzählt die Geschichte von Godard und dessen zweiten Frau, der zwanzig Jahre jüngeren Schauspielerin Anne Wiazemsky. Vor allem aber geht es um Godard und seine Kunst, weshalb Hazanavicius mit bösem Spott auch wie dieser filmt – etwa Annes nackten Hintern, so wie Godard es eben mit jenem von Brigitte Bardot in „Die Verachtung“ tat.

Godard ist ein Kotzbrocken, der sich aus dem System katapultiert

Schrecklich ist dieser Godard (Louis Garrel), auch schrecklich komisch. Der Running Gag: Bei jeder Demo auf unruhigen Pariser Straßen wird ihm die Brille zertreten. Dieser Kotzbrocken kann gar nicht anders, als andere zu beleidigen – Kollegen, Freunde und Anne (Stacy Martin). Der berühmteste Filmemacher seiner Zeit katapultiert sich geradezu zwanghaft außerhalb des Systems, das ihn verehrt. Sein Ziel ist die Revolution, und dieser will er auch seine eigenen Meisterwerke wie „Außer Atem“ opfern. Und doch sehen die Zeitgenossen in ihm nur eine „Berühmtheit, die vortäuscht, ein Revolutionär zu sein“. Erstaunlich, dass es Anne zwölf Jahre mit dem eifersüchtigen Egozentriker ausgehalten hat.

Und was sagte der echte Godard, als er erstmals von dem Projekt hörte? „Eine dumme, dumme Idee.“ Dann ließ er sich von Hazanavicius das Drehbuch schicken. Seitdem hat er sich nicht mehr gemeldet, die sehr eigenwillige Hommage hat er (noch) nicht gesehen. Hazanavicius ist nach eigenen Worten auf jede Art von Beleidigung gefasst.

Regisseur Hazanavicius auf jede Art von Beleidigung gefasst

„Le Redoutable“ fügt sich ein in einen sehenswerten Wettbewerb, in dem sich immer mehr Filme herauskristallisieren, die nach den schwindenden Bindekräften unserer Gesellschaft fragen. Den grimmigsten Eindruck hinterließ „Loveless“ des Russen Andrej Zvyagintsev. Die Geschichte klingt privat, aber wie schon Zvyagintsevs Vorgängerfilm „Leviathan“ ist sie hoch politisch: Der Sohn eines vor der Scheidung stehenden Paares ist verschwunden. Weder er noch sie wollten das Kind in ihre neue Beziehung mitnehmen. Zvyagintsev erzählt von einer verhärteten, selbstsüchtigen Gesellschaft, in denen Kriege wie jener in der Ostukraine plötzlich wie die beinahe logische Folge des täglichen Gegeneinanders erscheinen.

Von Stefan Stosch/RND

Von rührselig bis konsumkritisch: Was sie Streamingdienste bislang in Cannes abgeliefert haben. Zeit für eine Zwischenbilanz:

20.05.2017

Christian Walther, Cheflektor des Gulliver-Verlages, erklärt, weshalb sich Geschichten mit einer Prise Romantik besser verkaufen und weshalb auch phantastischen Romanen eine realistische Grundierung gut tut.

25.05.2017
Kultur Seriengigant beim Filmfestival - Cannes zerstreitet sich über Netflixfilme

Ein kleine Beben erschüttert den Kinokosmos von Cannes. Zwei Netflixfilme im Wettbewerb an der Croisette – das erhitzt viele Gemüter. Der Juryvorsitzende wettert gegen den Streamingdienst, noch bevor er den Film gesehen hat.

19.05.2017