Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Interview mit dem enttarnten Ghost-Frontmann Tobias Forge
Nachrichten Kultur Interview mit dem enttarnten Ghost-Frontmann Tobias Forge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:09 06.02.2019
Erster Auftritt ohne Maske: Tobias Forge von Ghost im französischen Fernsehen. Quelle: Screenshot Quotidien TCM
Hannover

Die Maske ist gefallen. Der Frontmann der Grammy-Gewinner Ghost ist der schwedische Rockmusiker Tobias Forge. Vor dem Beginn der Ghost-Deutschlandtour sprachen wir mit Forge über Scharaden im Rock’n’Roll.

Ich spreche heute nicht mit Papa Emeritus oder Cardinal Copia, sondern mit Tobias Forge. War es befreiend, als Ihr Name bekannt wurde?

Papa Emeritus hätte auch nie ein Interview gegeben. Zu 80 Prozent war es befreiend. Ohne mich beklagen zu wollen: Aber wenn ich es hätte kontrollieren können, hätte ich es so gelassen, wie es war. Aber wenn man eine Band hat, die wächst, die wachsen soll, auch kommerziell, verträgt sich das nicht gut mit Anonymität. Es war wohl unvermeidlich.

Es war nicht wirklich freiwillig – Ihr Name wurde bei einem Rechtsstreit bekannt.

Das stimmt. Andererseits wussten vorher schon viele Fans, wer ich bin. Ich war auch vorher schon auf der Straße erkannt worden. Manche Medien waren der Scharade ein wenig müde geworden. Wir hatten viele Absagen verteilen müssen an Journalisten, die etwas mit mir persönlich machen wollten. Und mein Job ist es nun einmal, Ghost so groß zu machen, wie es nur geht.

Sie sind auf einem guten Weg.

Ja, und ich habe mich gefragt: „Warum sage ich so oft nein dazu? Ich bin doch nicht einmal mehr anonym.“

Was war die ursprüngliche Idee hinter der „Scharade“, wie Sie es nennen?

Ich wuchs zu einer Zeit mit Rock, Heavy Metal, Death Metal auf, als es kein Internet gab. Ich lernte es, Bands zu verehren, über die ich praktisch nichts wusste. Heute kann man alles lesen, nicht nur auf Wikipedia, auch in Büchern – jeder hat heute ein Buch. Das war Anfang, Mitte der 90er noch nicht so. Natürlich: Über die Beatles oder die Rolling Stones gab es Bücher. Aber nicht über Lemmy oder Mötley Crüe.

Man stürzte sich auf jedes Bisschen, das man erfahren konnte über seine Lieblingsbands.

Genau, und da wollte ich wieder hin. Als ich vor über zehn Jahren die Idee hatte, glaubte ich nicht, dass Ghost so ein großer kommerzieller Erfolg werden würde. Im Underground: Ja, das konnte ich mir vorstellen. Aber nicht so. Ich stellte mir Ghost weniger wie eine klassische Band vor, sondern wie eine Kunstinstallation oder meinetwegen eine Theaterproduktion, die am selben Ort ein paar Gastspiele gibt, mal in einem historischen Theater in Köln, mal in einem Cabaret in Berlin. So wäre es absolut möglich gewesen, anonym zu bleiben.

Ihr erstes Outing fand im Radio statt. Nun haben Sie gerade in Frankreich Ihr erstes Interview ohne Maskierung gegeben. Erwarten Sie, das sich dadurch etwas für Sie ändert?

Nicht durch diese eine TV-Show (lacht).

Wie kam es dazu?

Man hat mich gefragt. Ein wichtiger Gast der Show war ausgefallen; man hatte plötzlich zehn Minuten Sendezeit zu füllen. Meine erste Antwort auf die Anfrage war ein Nein. Doch dann habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es so – ohne Trommelwirbel oder große Fanfaren – ganz einfach hinter mich bringen könnte. Was uns viele Möglichkeiten eröffnet. Ich will nun mal, dass möglichst viele Leute zu unseren Shows kommen und sich unsere Musik anhören. Mir geht es nicht darum, mich, sondern Ghost zu promoten. Wenn uns ein solcher Schritt zu besseren Gästen einer Fernsehsendung macht, dann soll es so sein.

Wird dieser Schritt Ihre Shows beeinflussen? Nach dem, was man hört, wird es eher theatralischer denn je.

Der Schritt ermöglicht es mir, die Shows so zu gestalten, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Auch wenn ich damals an eine Kunstinstallation dachte, habe ich es mir immer groß vorgestellt, wie eine Arena-Show mit Pyrotechnik, Feuer, Kostümwechsel und großem Aufwand. Das braucht seine Zeit.

„It’s a long way to the top if you wanna Rock’n’Roll“ ... um es mit AC/DC zu sagen.

Genau. Und auf diesem Weg bin ich um ordnungsgemäß zu rocken und zu rollen.

Es gibt nicht mehr viele Bands, die einen ähnlichen Aufwand betreiben. Eine wäre Rammstein, mit deren Gitarristen Richard Kruspe und seinem Solo-Projekt Emigrate Sie vor kurzem zusammengearbeitet haben. Wie kam es dazu?

Ich kenne Richard, und er hat mich gefragt. Ich war sowieso gerade in Berlin. Er hat mich in sein Haus eingeladen, hat mir diesen Track vorgespielt und mich gefragt, ob ich Lust hätte, darauf zu singen. Und ich sagte: „Warum nicht? Klar.“

Eine andere solche Band ist Kiss, die nun nach 46 Jahren auf ihre letzte Tour gehen. Was meinen Sie: Wie lange wird es Ghost geben?

47 Jahre? Keine Ahnung (lacht). Ich halte nichts für selbstverständlich. Im Moment weiß ich, was ich den Rest des Jahres tun werde. Ich weiß, was ich die nächsten vier, fünf Jahre gerne tun würde. Wie bei jeder Band wird irgendwann ein Zeitpunkt kommen, an dem Ghost nicht mehr so populär ist. Wer weiß schon, was die nächsten 20, 30 Jahre passiert? Ich meine: In 37 Jahren bin ich in meinen 70ern. Ich wünsche mir, dass ich dann noch auf der Bühne stehen kann. Das bedeutet ein großes Stück Arbeit.

Aber da Sie nun Ihr aktuelles Album „Prequelle“ genannt haben, scheint es, als würden Sie sich selbst erst am Anfang sehen ...

Oder als würde ich mich rückwärts bewegen (lacht). Es gibt noch vieles, was ich mit Ghost verwirklichen möchte, bevor wir auf Abschiedstour gehen. Aber wer weiß, ob wir je so weit kommen.

INFO:

*3. März 1981 im schwedischen Linköping. Tobias Forge ist Frontmann und kreativer Kopf des international erfolgreichen, 2006 gegründeten Heavy-Metal-Projekts Ghost, deren Mitglieder ausschließlich maskiert auftreten. Seinen echten Namen hielt Forge lange geheim, nannte sich wahlweise Papa Emeritus oder Cardinal Copia. Bei einem Rechtsstreit mit geschassten Mitgliedern der Band (die zuvor als „Nameless Ghouls“ fungierten) wurde seine Identität im Jahr 2017 publik. Ghost waren die erste schwedische Band, die einen Grammy gewannen, 2016 für „Best Metal Performance“.

Von Stefan Gohlisch / RND