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Kazuo Ishiguro – Ein Mann für alle Welten

Literaturnobelpreis Kazuo Ishiguro – Ein Mann für alle Welten

Eine schöne Überraschung: Der britische Autor Kazuo Ishiguro erhält den Literaturnobelpreis. Der eigentlich klassische Geschichtenerzähler sprengt mit seinem jüngsten Buch ganz offen Gattungsgrenzen – das gefällt.

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Der Literaturnobelpreis 2017 geht an Kazuo Ishiguro.

Quelle: AP

Stockholm. Es beginnt klassisch und einfach: „Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre und arbeite inzwischen über elf Jahre als Betreuerin.“ So startet Kazuo Ishiguros Roman „Alles, was wir geben mussten“ – die traurige Geschichte von drei jungen Leuten, die als Organspender ausgebeutet werden. Sie ist komplex, voller literarischer Anspielungen und durchaus politisch.

Zwölf Jahre ist dieses Buch mittlerweile alt, und fast hatte man Ishiguro ein bisschen vergessen. Seine großen Erfolge wie „Alles, was wir geben mussten“ und, vor allem, „Was vom Tage übrig blieb“ aus dem Jahr 1989 liegen schon eine Weile zurück. Doch jetzt steht der britische Romancier ganz im Fokus: Die Schwedische Akademie zeichnet ihn mit dem Literaturnobelpreis aus. Der weltweit wichtigste Buchpreis – dotiert mit 940 000 Euro – wird am 10. Dezember verliehen.

Die Entscheidung für den 62-Jährigen überrascht. Die Kanadierin Margaret Atwood, der israelische Schriftsteller Amos Oz und der Japaner Haruki Murakami waren als Favoriten gehandelt worden. Doch die Akademie unter der neuen Vorsitzenden Sara Danius unterläuft Erwartungen nur zu gern. Das hatte sie schon 2016 demonstriert, als der Literaturnobelpreis an Bob Dylan ging, was Millionen von Dylan-Fans begeisterte – und doch kurios wirkte. An dem aktuellen Preisträger lobt die Jury, dass er Romane mit starker emotionaler Wirkung schreibe. In seinen Werken habe der Autor die „Abgründe unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt“ bloßgelegt, sagte Danius.

Lesung wie ein Gottesdienst

Starke Emotionen, hoher Unterhaltungswert: Das zeichnet Ishiguros Romane aus. Wer dem Schriftsteller je begegnet ist, hat ihn als freundlichen Mann in Erinnerung, der gern tiefstapelt. Als er auf seiner Lesereise 2005 in einer hannoverschen Kirche auftrat, hat das dem erklärtermaßen nichtreligiösen Autor gefallen: Jede Lesung habe doch etwas von einem Gottesdienst, sagte er damals im Interview, das Publikum hänge an den Lippen des Vorlesers und nehme seine Worte sehr ernst.

So ironisch das damals im Gespräch – bei Marzipantorte und Tee – auch gemeint war: Ganz unpassend kam einem der Auftritt in der Kirche nicht vor, denn in seinen Texten stellt Ishiguro die ganz großen Fragen. Was ist im Leben wichtig? Wieweit verleugnen wir uns? Warum kämpfen Menschen nicht stärker für ihr Glück, für ihre Liebe? Diese Themen schwingen in seinen Büchern mit, werden aber nicht direkt ausgesprochen. Ishiguro schreibt über die inneren und äußeren Verstrickungen seiner Figuren, über deren Entwicklung.

Er ist ein klassischer Geschichtenerzähler. Wobei manche seiner Geschichten die Grenzen des Realen sprengen: In „Alles, was wir geben mussten“ stellt sich heraus, dass die drei Hauptfiguren Klone sind. Sie leben in einer Welt, die dem Leser zu Beginn vertraut vorkommt. Bis sich immer mehr Irritationen einschleichen, bis man das Gefühl hat, in eine Traumwelt gezogen zu werden. Sein jüngstes Buch, „Der begrabene Riese“ von 2015, sprengt ganz offen Gattungsgrenzen: Teils historischer Roman, teils Fantasy handelt es von einem alten Ehepaar, das sich auf die Suche nach seinem Sohn macht.

Geschrieben hat Ishiguro es, wie alle seine Bücher, auf Englisch. Zwar wurde er 1954 im japanischen Nagasaki geboren, doch kam er bereits 1960 nach London. In England studierte er später Philosophie und Anglistik und arbeitete eine Weile als Sozialarbeiter. Seine frühen Romane – „Damals in Nagasaki“ und „Der Maler der fließenden Welt“ – handeln noch vom Japan der Nachkriegszeit.

Schon bald sehr britisch

Doch „Was vom Tage übrig blieb“ war dann eine sehr britisch anmutende Geschichte über die ungelebte Liebe zwischen einem Butler und einer Hausdame in einem englischen Herrenhaus. Britisch höflich bis reserviert fiel auch Kazuo Ishiguros Reaktion aus, als er von der Entscheidung der Schwedischen Akademie erfuhr: Er sei geschmeichelt , sagte er. Und der Autor fügte hinzu „Das ist eine großartige Ehre, vor allem weil es bedeutet, dass ich in die Fußstapfen der größten Autoren trete, die je gelebt haben, das ist also eine wunderbare Auszeichnung.“ Die Welt sei in einem sehr unsicheren Zustand und er hoffe, dass alle Nobelpreise Positives bewirken können.

Dass Ishiguro den Zustand der Welt genau im Blick hat, konnte man auch auf seiner Lesereise 2005 erleben. In seinem Roman, sagte er damals, gehe es auch darum, dass wir in West- und Mitteleuropa auf Kosten der ärmeren Länder lebten und es einen blühenden Schwarzmarkt mit Organen aus diesen Ländern gebe.

Von Martina Sulner/RND

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