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Allerlei Unzulänglichkeiten aller Orten

Wiedensahl / Armin Töpel Allerlei Unzulänglichkeiten aller Orten

Es ist wieder einer dieser Auftritte an historischer Stelle gewesen, die sich quasi nur ein ganz klein bisschen am großen Meister anlehnen wollen und dann doch all das beinhalten, was man von ihm kennt: Arnim Töpel las im Wiedensahler Wilhelm-Busch-Geburtshaus quasi nur als roten Faden zwischen seinen eigenen Beiträgen, einer gelungen Melange aus Spaß vermittelndem Blues und ganz viel satirischem Hintersinn am real existierenden Leben anno 2012, die – leicht gekürzte – kurpfälzische Mundartfassung von „Max und Moritz“ und war doch während seines gesamten Auftritts dem Hausherrn immer ganz nah.

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Armin Töpel.

Quelle: pr.

Wiedensahl (soe). Zumindest an Töpels von ganz vielen Zweifeln an der aktuellen Lebensumwelt durchzogenen Betrachtung seiner Mitmenschen dürfte Busch seine rechte Freunde gehabt haben – so wie die Besucher dieses „Tuschs auf Busch“ anlässlich des 180. Geburtstages des Malers und Zeichners, Dichters und Denkers. So weiß man hernach nicht einmal mehr, ob die Eingangsbemerkung des freudvollen Zweiflers, er fühle sich geehrt, das Geburtszimmer Buschs als Umkleide nutzen zu dürfen, nicht auch schon von triefender Ironie überlagert war und dennoch vom fachkundigen Publikum heftig beklatscht wurde.

Damit war der Kontakt über die Rampe hergestellt, und vor allem die Männer fühlten sich im Verlauf der folgenden zwei Stunden mehr als einmal in ihren kleineren und größeren Alltagsschwächen erkannt und seziert. Doch auch die Töchter des Landes bekamen ihr Fett weg, besonders die, die nicht Objekt sein wollten, sich aber als Beruf nur „Modell oder gar Topmodell“ vorstellen könnten.

Fröhlich ging es weiter durch das ganz normale Leben, das ein solches doch gar nicht ist, – zumindest wenn man der Linie des Wahl-Heidelbergers folgt. „Viele finden sich zu dick, andere krank oder auch nur zu schlecht bezahlt. Aber keiner findet sich selbst blöd.“ Peng, auch der saß.

Der „Blues-Denker“ geißelte den Früherwacher, der genau kontrolliert, ob denn der Wecker zur richtigen Zeit klingelt, die blühenden Landschaften im Kühlschrank, die nonverbale Kommunikation, in welcher der Mittelfinger den erhobenen Zeigefinger als Ultimo ratio abgelöst habe.
Besonders hart ins Gericht ging der ehemals prämierte Radio-Talker vom Südwestfunk mit seinem früheren Arbeitgeber. Das Radio sei zum „Nebenbei-Medium“ verkommen, sei nur noch „Stromverbraucher und Geräuschkulisse“. Die bittere Erkenntnis, dass Sprache selbst dort nichts mehr bewegen dürfe, habe ihn mit 40 Jahren auf die Kabarett-Bühne getrieben.

Doch auch die Sprache selbst blieb von Kritik des Sprachtalents nicht verschont. „Musik, Sport und – Alkohol verbinden heute die Menschen“. Und nicht Sprache. Die unterscheide sich von Dorf zu Dorf, von Beruf zu Beruf, entwickele so mehr Trennendes als Einigendes. „Lieber ein anspruchsvolles Selbstgespräch als ein belangloser Internet-Chat“ ist seine Konsequenz.

Nach der Pause widmete sich die Kurpfälzer Seele weiterhin den Unzulänglichkeiten – seinen eigenen und denen seines Publikums, dem immer wieder mal ein aufziehender Lacher von der Pointe der Pointe abgewürgt wurde. Politisch im Sinne der staatstragenden Parteien wurde es ganz selten. Die Frage: „Spaltet die Pekingente die FDP“ war da schon fast das Ende der Fahnenstange.

Als Begleitung, als Zwischenstück oder auch als Spannungsbauer mit weit ausholendem geschwungenem Anschlag der Griff in die Tasten des E-Klaviers. Töpels Liebe zum Blues ist mindestens so intensiv wie die zur Sprache. Der Rap kommt nur, um den Rap auf die Schippe zu nehmen.

Und ganz am Ende muss der Versuch eines Kanons der „kleinen Arschlöcher“ eingeteilt nach Geschlechtern einfach scheitern. Denn: Ohne Unzulänglichkeiten wären Kabarettisten arbeitslos.

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